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Retter auf vier Pfoten gingen in die Luft

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Ein Lawinenhundekurs der Bergwacht-Region Chiemgau fand am Gebirgsübungsplatz der Bundeswehr auf dem Hochplateau der Reiter Alpe statt.


Staffelleiter Stefan Strecker und sein Team konnten eine Woche lang intensiv unter sehr realistischen Bedingungen die Verschütteten-Suche im Lawinenfeld üben. Auch der Polizeihubschrauber »Edelweiß 8« war im Einsatz, um die Hunde an den Lärm und Abwind beim Lufttransport zu gewöhnen.

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Zu unserer Bilder-Galerie: Flugtag der Lawinenhunde auf der Reiter Alpe

Derzeit gehören 15 Teams zur Staffel

Aktuell gehören 15 Teams zur Such- und Lawinenhundestaffel der Bergwacht-Region Chiemgau. Die Mitglieder stehen als Spezialisten für Vermissten- und Verschütteten-Suchen Tag und Nacht bereit. Unter anderem gehören Ernst Bresina mit Lup (Bergen), Achim Tegethoff mit Cira und Jürgen Triebler mit Layla (beide Marquartstein), Hansjörg Gstatter mit Maya, Korbinian Conway mit Lana und Sebastian Steinbacher mit Fantos (alle Ruhpolding) und Hannes Hörterer mit Ferry (Schleching) zur Mannschaft. Die Ausbildung eines Lawinenhunds dauert in der Regel drei Jahre.

Neben der eigentlichen Sucharbeit im Schnee lernten die Hunde die grundlegenden Abläufe, die sie auch später als Lawinenhund erleben, wie beispielsweise die Mitfahrt auf motorisierten Pistengeräten oder der Mitflug im Hubschrauber. Diese ungewohnten und für den Hund zunächst wegen Lautstärke und Wind unangenehmen Transportmittel unter stressfreien Bedingungen kennenzulernen, ist besonders wichtig. »Wenn wir Hundeführer den Tieren vermitteln können, dass ihnen dabei nichts passiert, haben sie auch bei echten Einsätzen keine Angst mehr, lassen sich nicht ablenken und sind voll auf die Aufgabe fixiert«, erklärt der Ramsauer Hunde-Ausbilder Michael Partholl.

Damit sich die Vierbeiner an das tosende Ungetüm gewöhnen und bei Einsätzen nicht zappeln, flüchten oder gar wild herumspringen, werden schon Junghunde bei Gewöhnungsflügen mit dem Stressfaktor Hubschrauber konfrontiert: Ein- und Aussteigen bei laufendem Rotor und Absetzen mit der Rettungswinde im Gelände standen deshalb auf dem Programm.

Ein Lawinenhund ersetzt bei der Suche nach Verschütteten und Vermissten eine ganze Bergwacht-Mannschaft und sein Geruchsvermögen ist rund 50-mal besser wie das des Menschen. Nach wie vor ist der Einsatz von Hunden die effektivste Methode, um Lawinenopfer schnell und effektiv aufzuspüren. Auf der Lawine verweist der Hund durch Scharren im Schnee, bei der Flächensuche im Sommer zeigt er dem Hundeführer an, dass er etwas gewittert hat, indem er zurückkommt und sein Bringsel, das er immer um den Hals trägt, ins Maul nimmt. Bei der rund dreijährigen Ausbildung zum Lawinen- und Suchhund wird vor allem der Spieltrieb der Tiere genutzt. »Wir trainieren nicht den angeborenen Geruchsinn der Hunde. Wir bringen ihnen nur bei, dass sie die gestellten Aufgaben wesentlich einfacher lösen, wenn sie ihre Nase einsetzen«, erklärt Stefan Strecker von der Bergwacht Bad Reichenhall.

Nicht jeder Hund ist als Suchhund geeignet

Chefausbilder Partholl schätzt die Tiere mit viel Ruhe und Erfahrung ein und testet sie individuell mit verschiedenen Methoden. »Er liest jeden Hund anders«, berichtet er. Das Tier braucht eine große Stressresistenz, muss aufs Wort gehorchen und körperlich absolut fit sein. Die Ausbildung der Hunde ist zeitintensiv, fordert viel Geduld, ist eigentlich nur etwas für echte Fanaten und nicht immer von Erfolg gekrönt. Nicht jedes Tier ist geeignet, und frühestens nach drei Jahren sind Hund und Herrchen fit genug für echte Einsätze – fünf Jahre später fallen die ersten Tiere bereits alters- und gesundheitsbedingt wieder aus. Viel Arbeit und Aufwand für eine kurze Zeit, in der der Vierbeiner nur mit viel Glück einen Verschütteten oder Vermissten lebend findet.

Der Faktor Zeit spielt bei der Lawinenrettung die größte Rolle: Etwa sieben Prozent der Verschütteten sind bereits beim Stillstand einer Lawine aufgrund ihrer schweren Verletzungen tot, bedingt durch Absturz oder die Wucht des Schnees. Auch mit Atemhöhle ist nach einer halben Stunde etwa die Hälfte aller Lawinenopfer wegen Sauerstoffmangel tot; ohne Atemhöhle versterben 50 Prozent bereits nach 15 bis 20 Minuten. Nach einer dreiviertel Stunde sind statistisch betrachtet 75 Prozent der Verschütteten erstickt.

Neben der schnellen Kameradenhilfe und gekonntem Umgang der Ersthelfer mit Notfall-Ausrüstung wie LVS-Gerät, Sonde und Schaufel ist vor allem entscheidend, dass die Suchhundeteams möglichst rasch zum Einsatzort gelangen – bei Flugwetter per Hubschrauber, ansonsten mit dem Motorschlitten, per Seilbahn, mit der Pistenraupe oder, wenn es nicht anders geht, auch zu Fuß. ml