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Rentner erstochen: Der Angeklagte schweigt

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Der 25-jährige Angeklagte (rechts),  hier mit seinen Verteidigern Axel Kampf (Mitte) und Raphael Botor, soll einen 61-jährigen Rentner am 12. oder 13. Mai 2014 in dessen Wohnung in Traunreut mit einem Küchenmesser ermordet haben. Das Opfer verblutete. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Das Opfer wurde übel zugerichtet. Von Messerstichen übersät lag der 61-jährige Rentner im Mai 2014 tot in seiner Wohnung am St.-Georgs-Platz in Traunreut – von Rache spricht die Anklagebehörde. Jetzt muss sich der mutmaßliche Mörder, ein 25-Jähriger, vor dem Traunsteiner Schwurgericht verantworten. Zu Prozessbeginn schwieg der laut Anklagebehörde schuldunfähige Mann.


Der 25-jährige Angeklagte muss sich wegen Mordes aus niederen Beweggründen verantworten. Rache wegen Rauswurfs aus der Wohnung des Opfers im Jahr 2013 soll das Tatmotiv gewesen sein. In dem Sicherungsverfahren gegen den psychisch kranken Beschuldigten geht es ausschließlich um Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

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Der zuletzt in Niedersachsen lebende, mutmaßliche Täter schwieg gestern auf Rat seiner Verteidiger Axel Kampf und Raphael Botor, beide aus Rosenheim, zu den Vorwürfen der Antragsschrift von Staatsanwalt Björn Pfeifer. Kampf beantragte, zwei Vernehmungen des 25-Jährigen nicht zu verwerten. Die Vernehmungssituation seines kranken Mandanten sei »unzulässig« gewesen. Er sei beispielsweise nicht ordnungsgemäß belehrt worden und habe keinen Anwalt erhalten.

Das Verbrechen war bekannt geworden, nachdem eine Nachbarin im Mai 2014 »strengen Geruch« aus der Wohnung nebenan vernommen und Alarm geschlagen hatte. Eine 50-jährige Polizeizeugin schilderte gestern vor Gericht, dass der Leichnam des 61-Jährigen im Bad lag, in einem Bettbezug, versteckt unter Kleidungsstücken. In der frisch geputzten Wohnung seien pulverähnliche, braune und weiße Substanzen verstreut, Essig verschüttet gewesen – beides wohl, um Spuren zu vernichten.

In der Antragsschrift des Staatsanwalts sind 35 bei der Obduktion registrierte Verletzungen aufgelistet – davon elf durch stumpfe Gewalt mit einem unbekannten Werkzeug gegen den Schädel, die dem Opfer das Bewusstsein raubten, aber nicht tödlich waren. Außerdem fanden sich 24 Schnitt- und Stichverletzungen im Hals- und Kopfbereich, zumindest zum Teil durch ein in der Wohnung entdecktes Küchenmesser gesetzt. Davon zeugte die im Stirnbein des Toten steckende Messerspitze. Todesursächlich war eine völlig durchtrennte Halsschlagader.

Die polizeiliche Sachbearbeiterin informierte über die Ermittlungen der 16-köpfigen »Soko Georg«. Das häufig angetrunkene Opfer sei ein »Flaschensammler« gewesen, habe als Schwerbehinderter per Bahn kostenlos fahren können und sei viel unterwegs gewesen im Raum Traunreut, Traunstein, Ruhpolding sowie im Bereich Waging, Trostberg und Rosenheim. »Bei Wind und Wetter« sei der Einzelgänger mit Rad und Hund beobachtet worden. In der Wohnung habe er die Fenster blickdicht mit Planen verhängt. Kontakte pflegte der 61-Jährige kaum. Lediglich mit seiner geschiedenen Ehefrau und seiner Mutter stand er in Verbindung. Die 86-jährige Mutter mit Anwältin Petra Hödl aus Passau zur Seite ist im Prozess Nebenklägerin.

Den Angeklagten hatte der 61-Jährige zufällig im Bahnhof Rosenheim kennengelernt. Er gab ihm im März 2013 zehn bis zwölf Tage Unterschlupf. Der Rentner habe dem 25-Jährigen wohl helfen wollen, »wieder auf die Beine zu kommen«, so die Polizeizeugin. Offensichtlich gab es aber Ärger. Der Rentner wandte sich an die Polizei und ließ den »Gast« am 15. März 2013 aus der Wohnung entfernen. Dieser lebte danach in einem Obdachlosenheim in Traunreut, beging am 19. März 2013 einen Einbruchsdiebstahl und landete für 13 Monate im Gefängnis. Der »Soko Georg« gelang es, den mutmaßlichen Täter in Niedersachsen aufzuspüren.

Mehrere Polizeibeamte informierten vor Gericht über DNA-Spuren des Beschuldigten in der Tatwohnung – unter anderem an einer Jacke des Toten, zwei Bierflaschen, einer Flasche Essigessenz, einem Salzstreuer und am »Besucherstuhl« des Rentners.

Aufgrund mehrerer Hinweise war damals zunächst ein anderer Mann in Verdacht geraten, den 61-Jährigen getötet zu haben. Verteidiger Axel Kampf wollte wissen, warum dieser Tatverdächtige ausgeschlossen worden war. Die Kriposachbearbeiterin begründete, man habe weder DNA-Spuren noch andere belastende Indizien finden können. kd