Rekrut starb nach Schlag gegen Brust

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Um einen Faustschlag gegen einen 19-jährigen Rekruten mit tödlichem Ausgang in einer russischen Kaserne vor mehr als 16 Jahren ging es vor dem Schwurgericht Traunstein. Ein 37 Jahre alter Deutschkasache, der nach der vor einem russischen Militärgericht eingeräumten Tat im Jahr 1996 Fahnenflucht begangen hatte, war wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Das Gericht mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs stützte sich im Freispruchurteil auf das Gutachten des Rechtsmediziners Dr. Jiri Adamec vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München, wonach die Wahrscheinlichkeit, mit einem derartigen Schlag einen sogenannten »reflektorischen Herztod« auszulösen, äußerst gering, vielmehr zufällig und schicksalhaft ist.


Gemäß Anklage von Staatsanwalt Andreas Miller leistete der 37-Jährige im Herbst 1996 Dienst in einer Kaserne nahe Moskau. Nach der Abendkontrolle saß er in der Nacht auf 28. Oktober 1996 mit einem Unterserganten vor dem Fernseher. Gegen Mitternacht trudelten weitere Soldaten samt Verpflegung und zwei Flaschen Wodka ein. Nach dem Zechgelage, das gegen 2.30 Uhr endete, ließen der Angeklagte und zwei andere Männer die in einer Halle schlafenden Rekruten wecken und in einer Linie antreten. Danach wurden die jungen Leute schikaniert und geschlagen. Einer der Soldaten schrie »Still gestanden«. Der Angeklagte forderte den 19-Jährigen auf, den Kopf höher zu halten und versetzte ihm dann den verhängnisvollen Schlag gegen die Brust – genau in Höhe des Herzens. Nach wenigen Minuten ging das Opfer ohnmächtig zu Boden und verstarb.

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Der Fall im fernen Russland gelangte zur Staatsanwaltschaft Traunstein und damit letztlich zum Schwurgericht, nachdem der zwischenzeitlich in Bayern gelandete Angeklagte 2006 im Landkreis Mühldorf bei einem Ladendiebstahl erwischt worden war. Ein inzwischen pensionierter Kripobeamter aus Mühldorf berichtete, im Zuge der Ermittlungen sei er auf den von Russland erwirkten, internationalen Haftbefehl gegen den 37-Jährigen gestoßen.

Wie lebensrettend – im Fall von Herzkammerflimmern – und gleichzeitig wie gefährlich ein solcher Schlag gegen den Brustkorb in Richtung des dahinter liegenden Herzens sein kann, verdeutlichte der Sachverständige Dr. Jiri Adamec. Der Rechtsmediziner betonte, die Erkenntnisse aus der Obduktion durch seine russischen Kollegen seien zutreffend und schlüssig. Mehrere Faktoren müssten für einen tödlichen Ausgang zusammentreffen. Eng umschriebene, stumpfe Gewalteinwirkung sei eine der Voraussetzungen. Neben einer blanken Faust kämen der Ellbogen oder das Knie in Betracht, ebenso kleinere Sportgeräte wie ein Baseball oder ein Eishockeypuck. Ein weiterer Faktor sei das Alter des Opfers, zumeist junge Männer: »Nur im Alter zwischen 14 und 18, 19 Jahren ist der Brustkorb durch einen Schlag relativ leicht deformierbar – so, dass die Rippen nicht brechen.« Ein Faustschlag von »nicht maximaler Kraft« sei ausreichend. Wichtigster Faktor sei das Zeitfenster: »Bei einer Herzfrequenz von 60 Schlägen pro Minute dauert eine Herzaktion eine Sekunde. Innerhalb dieser Sekunde hat man nur zwei Hundertstel Sekunden Zeit, in denen das Herz reagiert.« Ein tödlicher Verlauf sei die Ausnahme, werde aber weltweit immer wieder registriert, insbesondere als Folge von Unfällen in bestimmten Sportarten. Auf Nachfragen des Gerichts informierte Dr. Adamec, beim Boxen passiere eher nichts – wegen der wesentlich größeren Aufschlagfläche des Boxhandschuhs. Er selbst sei in seiner langjährigen Tätigkeit als Rechtsmediziner noch nie einem Todesfall durch einen präkordialen Herzstillstand begegnet, kenne solche Fälle nur aus der Literatur, so der Gutachter.

»Dieses Tod bringende Ereignis konnte nur unter ganz engmaschigen Rahmenbedingungen zum Tod führen«, leitete Staatsanwalt Andreas Miller sein Plädoyer ein. Für einen Normalbürger sei »die Todesfolge nicht vorauszusehen«, sie liege »außerhalb jeder Lebenswahrscheinlichkeit«. Der Ankläger sprach von einer »Verkettung unglücklicher Umstände«. Der 37-Jährige sei zu Lasten der Staatskasse freizusprechen. Weitere in Frage kommende Delikte wie zum Beispiel Körperverletzung seien bereits verjährt. Die Verteidiger, Klaus Wittmann aus Ingolstadt und Oksana Reisch aus Kassel, schlossen sich an.

Vorsitzender Richter Erich Fuchs sprach im Urteil von »unglücklichen Umständen«. Das Gericht habe einen »großen Ausnahmefall«, einen »rein zufälligen Vorgang« angenommen. Eine einfache Körperverletzung könne nach mehr als zehn Jahren nicht mehr verfolgt werden. Fuchs schloss: »Damit ist das Verfahren in Deutschland beendet.« Ob das auch für Russland mit möglicherweise anderen Strafgesetzen gilt, ist offen. Jedenfalls droht dem 37-Jährigen ein Prozess wegen der Fahnenflucht. Einer der Verteidiger riet seinem Mandanten am Rande: »Es ist besser, Sie lassen sich dort nicht mehr blicken.« kd

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