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Rechtzeitig vor dem Winter im Heim untergekommen

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Sein Zimmer im Seniorenzentrum ist ziemlich leer, aber das macht dem Bewohner nichts aus. Er ist versorgt, bekommt ausreichend zu essen und hat zur Unterhaltung einen Fernseher. (Foto: Mix)

Traunreut – »Ich war am Verhungern und wusste nicht wohin«, beginnt ein 70-Jähriger seine Erzählung darüber, wie er durch die Unterstützung der Traunreuter Brücke im AWO-Seniorenzentrum untergekommen ist. Zu Weihnachten muss er nun nicht mehr allein sein, hat ein warmes Zimmer und regelmäßige Mahlzeiten. Das ist wesentlich mehr, als er noch vor wenigen Wochen hatte.


Der Mann, dessen Name nicht genannt werden soll, hat ein bewegtes Leben hinter sich und meint selber: »Darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben.« Er kam viel herum in der Welt und hat es nicht immer leicht gehabt. Da er nicht zur Bundeswehr wollte, wanderte er als junger Mann für einige Jahre nach Kanada aus. Seit 1972 ist er wieder in Deutschland, arbeitete als Masseur und Heilpraktiker.

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Die Frau warf ihn aus der gemeinsamen Wohnung

Hart traf es ihn vor rund einem halben Jahr, als ihn seine Frau nach heftigen Streitereien aus der gemeinsamen Wohnung warf. Zunächst kam er in einem Hotel unter, das aber auf Dauer viel zu teuer gewesen wäre. Später wohnte er in einer billigeren Ferienwohnung. Dort war er aber ganz auf sich allein gestellt, hatte keine Kontakte und wusste nicht mehr weiter. Von seiner schmalen Rente blieben ihm nach Abzug aller notwendigen Kosten gerade mal 100 Euro im Monat. »Damit kommt man nicht weit«, berichtet er im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.

Er suchte im Traunreuter Rathaus das Sozialamt auf und bat um Unterstützung. Zufällig traf er dort vor dem Eingang Vera Scheffler, die seit 15 Jahren in der Traunreuter Brücke Menschen in Notlagen unterstützt. Im Gespräch mit dem Mann fand sie schnell heraus, dass er außer Brot und Eier keine Lebensmittel hat. Für den akuten Hunger konnte sie ihm erst einmal eine Leberkäs-Semmel schenken, die sie gerade zufällig dabei hatte. Sie merkte aber auch, dass er eigentlich weit mehr braucht, als nur etwas zu essen und allein nicht mehr klar kommt.

Die Vermittlung einer Sozialwohnung wäre ihrer Meinung nach nicht die richtige Lösung für ihn und bei weitem nicht ausreichend gewesen. Sie stellte deshalb als erstes einen Antrag auf Betreuung und wenig später war ein Rechtsanwalt als Betreuer für den Mann gefunden. Danach ging alles relativ zügig seinen Gang. Im AWO-Seniorenzentrum fand Vera Scheffler ein Zimmer für den 70-Jährigen, das mit seiner Rente und Sozialhilfe finanziert wird. Sie gab ihm außerdem aus ihrem Fundus Kleidung und hatte sogar einen kleinen Fernseher für ihn.

»Wir haben ihm eine Brücke gebaut«

Vorige Woche vergewisserte sie sich bei einem Besuch, dass es ihrem Schützling nun gut geht, und stellte fest: »Wir haben ihm eine Brücke gebaut und ihn begleitet, bis wir ihn in die Obhut des Betreuers und des Heims übergeben konnten.«

Die Traunreuter Brücke steht seit 15 Jahren sozial Schwachen zu Seite – Hartz IV-Empfängern, Grundsicherungsempfängern, Alleinerziehenden, Alten und Kranken. Auch bei finanziellen Problemen ist die Brücke für viele die letzte Hoffnung. Aus den Spendengeldern, die den Mitarbeitern zur Verfügung stehen, wird schon mal ein Zuschuss für die Stromrechnung gewährt, für Heizkosten, Schulsachen, Bekleidung, Windeln und andere wichtige Dinge, die sich diese Menschen in ihrer Situation nicht selber leisten können.

Nun muss der 70-Jährige dank der Brücke nicht mehr um sein Überleben fürchten. Er hinkt nach einem Schlaganfall leicht und hatte Depressionen, ist aber ansonsten noch sehr selbstständig und betont: »Ich bin sehr dankbar für die Hilfe und froh, dass ich hier sein kann. Aber ich mach mir schon Gedanken, wie das mit mir weitergehen soll.«

Er sitzt oft allein in seinem Zimmer, das nur spärlich möbliert ist. Neben Bett und Schrank gibt es nur einen kleinen Tisch und das Kästchen, wo der Fernseher drauf steht, eigene Möbel hat er keine. Seine drei Hemden hängen über der Stuhllehne, viel mehr hat er nicht. Doch für ihn ist es ausreichend, er tut sich schwer, Hilfe anzunehmen. Eine gebrauchte Couch, die Vera Scheffler für ihn besorgen hätte können, lehnte er ab. Und auch an den Veranstaltungen im Seniorenzentrum nimmt er nur sporadisch teil, ganz nach Laune.

Dennoch ist er nicht mehr ganz so allein wie zuvor. Unter den Heimbewohnern hat er bisher nur mit einigen wenigen Kontakt, wünschte sich jemanden, mit dem er Schach spielen kann. Was er aber sehr genießt ist, dass er nun dreimal am Tag eine Mahlzeit bekommt und sich satt essen kann. »Vor allem Kaffee und Kuchen mag ich so gerne«, gesteht er.

Ob eines seiner drei Kinder an Weihnachten auf Besuch kommt, weiß er nicht. Auf jeden Fall wird er aber an den Feiertagen nicht mehr so einsam sein und gut versorgt sein. Im Seniorenzentrum wird nämlich auf jeder Etage in den einzelnen Wohnbereichen miteinander gefeiert, man sitzt gemütlich zusammen und genießt ein Festtagsessen. mix

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