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Raiffeisen kontra Raiffeisen

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Starke Konkurrenz bekommt das über 100 Jahre alte Lagerhaus der Raiffeisenbank Rupertiwinkel in Petting durch den nahegelegenen Neubau der VR-Bank Oberbayern Südost. (Foto: H. Eder)

In die bisher doch eher beschauliche Raiffeisen-Lagerhaus-Szene im östlichen Landkreis Traunstein ist mächtig Bewegung gekommen. Fast eine Art Karussell hat sich entwickelt. Dieses Karussell dreht sich um fünf Standorte, die im Gespräch waren beziehungsweise sind: Lauter, Waging, Weibhausen, Unteraschau und Petting gleich doppelt. Und was es in der Region bisher noch nicht gegeben hat: Die Banken beziehungsweise Lagerhäuser – wiewohl alle mit dem Namen »Raiffeisen« im Firmenlogo – »wildern« plötzlich im jeweils benachbarten Gäu.


Beteiligte sind die Raiffeisen Waren-GmbH Oberbayern Südost, die zur VR-Bank Oberbayern Südost mit Zentrale in Bad Reichenhall gehört, und die Raiffeisen-Lagerhäuser Rupertiwinkel, eine Abteilung der Raiffeisenbank Rupertiwinkel mit Zentrale in Teisendorf.

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Direktor Franz Brecht, bei der VR-Bank Oberbayern Südost für das Warengeschäft zuständig, erläutert in einem Gespräch mit unserer Zeitung die Ausgangssituation. Angefangen hat das Lagerhaus-Thema demnach mit dem geplanten neuen Standort der Südost-Lagerhäuser in Weibhausen, angrenzend an die neue Umgehung der Staatsstraße 2105. Ausgangspunkt der Standortsuche war die Philosophie der VR-Bank Oberbayern Südost, für ihre Waren GmbH mit den acht Lagerhäusern aus betriebswirtschaftlichen Gründen langfristig nur noch Standorte zu betreiben, deren Eigentümer sie selbst ist, also nicht anpachten muss.

In Waging nicht fündig geworden

Damit richtete sich das Augenmerk der Verantwortlichen auf die Standorte Lauter und Waging, die angepachtet sind. Ursprünglich konzentrierte sich die Suche für einen – möglicherweise in einem Betrieb zusammengefassten – Ersatz für Lauter und Waging im Ort Waging. Hier wurde man aber trotz längerer Suche nicht fündig. Franz Brecht: »Die von uns gewünschten Standorte waren aus Sicht der Kommune nicht realisierbar, andere Standorte kamen für uns nicht in Frage.«

Dann schien die Suche plötzlich in Weibhausen Erfolg zu bringen: Hier fand sich ein Grundstück, das in vielerlei Hinsicht geeignet schien. Und auch der Grundstücksbesitzer war verkaufsbereit. Es wurde ein Kaufvertrag mit einer Ausstiegsklausel geschlossen, falls es im Verfahren Probleme geben sollte. Bei konkreten Gesprächen, Verhandlungen und Untersuchungen ergaben sich in der Tat einige Hindernisse. Das waren zum einen Forderungen seitens des Staatlichen Bauamts in Bezug auf die Staatsstraße, dann die Suche nach den erforderlichen Ausgleichsflächen und drittens und nicht zuletzt Probleme mit der Ableitung der Oberflächenwasser wegen des nahegelegenen Wasserschutzgebiets. Damit verging viel Zeit, der Termin für die Ausstiegsklausel wurde sogar noch einmal verlängert – aber zum Ende des Jahres 2014 verlor die VR-Bank Oberbayern Südost die Geduld und machte sich erneut auf die Suche.

Zwischenzeitlich hatte die Bank ein Angebot aus Unteraschau erreicht. Die dort ansässige Erd- und Pflasterbaufirma Schneckenpointner bot ein Grundstück für ein Lagerhaus an und wollte dieses auch gleich selber bauen. Da aber die VR-Bank Oberbayern Südost eben keine Anpachtung wollte, war dies keine wirkliche Alternative. Und zudem war man laut Direktor Brecht der Meinung, dass der dortige Standort für ein Lagerhaus nicht ideal und auch mit Blick auf die angrenzende Wohnbebauung nicht geeignet sei.

Dort hatte die Gemeinde am Ortseingang ein knapp 12 000 Quadratmeter großes Gewerbegrundstück ausgewiesen, das zunächst den Lagerhäusern Rupertiwinkel angeboten worden war. Damit hätte deren Lagerhaus aus der Ortsmitte ausgelagert werden können. Diese aber lehnten den Standort ab, wollten ihr bisheriges Lagerhaus weiter betreiben. Oberbayern Südost machte daraufhin ein Kaufangebot, obwohl Petting nicht zu ihrem Gebiet gehört, der Gemeinderat war einverstanden, Kaufvertrag und Bauleitplanung gingen schnell über die Bühne. Direktor Brecht geht davon aus, dass möglicherweise schon im September mit dem Bau begonnen werden kann.

Es herrscht der freie Markt

Auf eine entsprechende Anfrage betonte Brecht, dass die Waren GmbH den Lagerhäusern Rupertiwinkel eine Zusammenarbeit in Petting oder einen Eintritt in die vorhandene Gesellschaft angeboten habe. Daran habe aber kein Interesse bestanden. Den Vorwurf, auf vorhandene Strukturen keine Rücksicht zu nehmen, weist Brecht von sich. Wie überall, herrsche im Warengeschäft der freie Markt.

Warum die Raiffeisenbank Rupertiwinkel das Angebot, auf dem neu ausgewiesenen Grundstück in Petting mit einem modernen Ersatzbau das über 100 Jahre alte bisherige Lagerhaus zu ersetzen, nicht angenommen hat, erklären Vorstand Werner Maier und Lagerhäuser-Leiter Matthias Grünäugl: Nachdem vor etwa zweieinhalb Jahren die Gemeinde Petting das Grundstück erstmals angeboten hatte, war bei der Raiffeisenbank Rupertiwinkel ein umfangreicher Planungsprozess in Gang gekommen. Die Gremien der Bank und auch die Mitarbeiter hätten die Möglichkeit eines Neubaus durchaus sehr interessant gefunden, seien geradezu begeistert gewesen, so Maier. Den Dämpfer aber brachten die Finanzberechnungen. Auf zunächst 3,5 Millionen Euro, später in etwas reduzierter Form auf 2,9 Millionen Euro wäre die Baumaßnahme den Berechnungen zufolge gekommen, darin das Grundstück noch gar nicht eingerechnet. Wirtschaftlich darstellbar wäre aber eine Summe von allerhöchstens zwei Millionen Euro gewesen. Deshalb habe man, so Maier, »schweren Herzens« davon Abstand genommen. Nicht nur von Mitarbeiter-, auch von Vorstandsseite aus sei man durchaus »enttäuscht« gewesen, dass sich der Lagerhaus-Neubau nicht gerechnet habe.

Andererseits aber sei dieses Lagerhaus bestens eingeführt, sagt Leiter Grünäugl, und werde von hervorragenden Mitarbeitern betreut – mit Sepp Berger an der Spitze, der schon seit 30 Jahren hier arbeitet. Auch sei in den vergangenen Jahren im bisherigen Lagerhaus etliches umgebaut und modernisiert, heller und größer gestaltet worden. Sicherlich sei das Platzangebot begrenzt, »aber wir kommen zurecht«, so Grünäugl.

Kritik: »Reiner Verdrängungswettbewerb«

»Schockiert« sei man laut Vorstand Maier bei Rupertiwinkler Genossenschaft gewesen, als man »über drei Ecken« erfuhr, dass die Waren GmbH der VR-Bank Oberbayern Südost das Grundstück erworben hatte, um hier ihr zunächst in Weibhausen geplantes Lagerhaus zu bauen – mitten im Kerngebiet der Lagerhäuser Rupertiwinkel, nicht einmal 500 Meter entfernt vom Standort des bisherigen Lagerhauses. Das sei, macht Maier keinen Hehl aus seiner Überzeugung, »reiner Verdrängungswettbewerb«. Natürlich sei harter Wettbewerb heutzutage normal, aber er finde, dass zumindest bei den Genossenschaftsbanken von Raiffeisen jeder in seinem Geschäftsgebiet bleiben sollte. Ein Gespräch auf der Führungsebene der beiden Banken habe stattgefunden, aber »da war nichts mehr zu machen«. »Aber wir halten dagegen«, gibt sich der Vorstand kämpferisch, »wir schließen Petting nicht einfach.«

Aufgerüttelt durch diesen Coup der VR-Bank griffen die Lagerhäuser Rupertiwinkel nun ihrerseits rasch zu, als sich ihr das Schneckenpointner-Grundstück in Unteraschau anbot, das zuvor die Konkurrenz ausgeschlagen hatte. Damit dreht nun Rupertiwinkel den Spieß um und geht selbst auch ins bisherige Gebiet von Südost. Nun sei »die Tür aufgemacht zu einer neuen Dimension im Wettbewerb«, stellt Vorstand Maier dazu fest. Aber auf die existenzielle Bedrohung des Standorts Petting habe man reagieren müssen. Inzwischen, so ergänzt Geschäftsführer Grünäugl, »sind wir ganz glücklich drüber und sehen hier eine große neue Chance«. Immerhin entstünden hier fünf bis acht neue Arbeitsplätze für Menschen aus Waging und Umgebung, und für die Versorgung der Landwirtschaft und der Verbraucher sei gesorgt. Zumal ja das Lagerhaus in Waging, bisher von Oberbayern Südost angepachtet, demnächst geschlossen werden soll, nachdem die Besitzerin, die Waginger Firma Vewag, den Pachtvertrag gekündigt hat. Das Lagerhaus Lauter, von dessen Auflösung am Anfang der Entwicklung die Rede war, bleibt bis auf weiteres bestehen.

Kritik an Gemeinde und Bürgermeister

Etwas enttäuscht ist die Raiffeisenbank Rupertiwinkel von der Gemeinde Petting. Sicherlich habe man das Grundstück der Gemeinde aus genannten Gründen abgelehnt. Aber es habe, wie man wisse, eine ganze Reihe weiterer örtlicher Interessenten für das Grundstück gegeben. Dass es nun an die auswärtige VR-Bank verkauft worden ist, kann Maier nicht ganz verstehen. Denn die Gemeinde hätte sich doch selber sagen müssen, dass an einem so kleinen Ort wie Petting nicht Platz ist für zwei Lagerhäuser. Zudem, so Maier, hätte sich gerade Bürgermeister Karl Lanzinger aus der Sache heraushalten sollen – immerhin sei dieser ja neben seinem Amt als ehrenamtlicher Bürgermeister in verantwortlicher Position, nämlich als Innenrevisor, bei der VR-Bank Oberbayern Südost tätig. So sei diese Grundstücksgeschichte etwas unglücklich abgelaufen, habe fast so ein bisschen ein »Gschmäckle«, wie Matthias Grünäugl ergänzt.

Lanzinger weist die Vorwürfe von sich. Die Gemeinde habe sich eineinhalb Jahre lang bemüht, in Petting ein geeignetes Grundstück zur Verfügung zu stellen, damit die Raiffeisenbank Rupertiwinkel ihr seiner Meinung nach schon ziemlich marodes Gebäude an seinem problematischen Standort in der Ortsmitte durch einen zukunftsweisenden Neubau ersetzen könne. Die Gemeinde und auch viele Bauern und Verbraucher hätten seit Jahren befürchtet, dass das alte Lagerhaus eines Tages geschlossen würde. Jetzt, da die Bank die Chance vertan habe, wolle sie ihm und der Gemeinde die Schuld zuschieben, anstatt selbst den Fehler zuzugeben. Es habe, auch wenn er Mitarbeiter der VR-Bank Oberbayern Südost sei, keine Geheimverhandlungen gegeben, alle Gespräche und Beschlüsse seien ordnungsgemäß abgelaufen und protokolliert, nichts sei manipuliert worden, der Gemeinderat habe sich mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen.

Info-Veranstaltung am Montag

Für das Vorhaben der Rupertiwinkler Lagerhaus-Betreiber, in Unteraschau – und damit im Gebiet der Konkurrenz – ein neues Lagerhaus bauen zu lassen, hat der Waginger Gemeinderat bereits grundsätzlich grünes Licht gegeben. Auch der notwendige Rahmenvertrag ist schon unterzeichnet: Die Rupertiwinkler Lagerhäuser pachten das Gebäude, das die nebenan ansässige Firma Schneckenpointner bauen wird, für 20 Jahre an. Ob der Widerstand der Bürgerinitiative Unteraschau das Verfahren einbremsen kann, muss sich zeigen. Eine Informationsversammlung dazu findet am Montag um 19.30 Uhr im Gasthaus Oberwirt in Otting statt.

Bei der Waren GmbH Oberbayern Südost geht am Standort Petting das Verfahren zügig voran, ist schon wesentlich weiter als in Unteraschau. Der Pettinger Gemeinderat hat den Beschluss zur Änderung des Bebauungsplans für das Gewerbegebiet »An der Seestraße II« einstimmig gefasst, die Verträge sind unterschrieben, das gemeindliche Grundstück gekauft. Der Pettinger Geschäftsleiter Reinhard Melz schließt sich der Meinung von Direktor Brecht an, dass eventuell schon heuer mit dem Bau begonnen werden könnte. he