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Psychisch Kranker folgte Fremden

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Traunstein – Ein psychisch kranker 30-Jähriger bildete sich ein, Frauen und Kinder würden in Wohnungen und Kellerabteilen in Waldkraiburg gefangen gehalten. Um sie zu retten, wollte er die jeweiligen Räume durchsuchen. Stellte sich ihm jemand in den Weg, wurde er handgreiflich. Zwei Männer erlitten so Verletzungen. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs lehnte gestern den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Unterbringung des zur Tatzeit schuldunfähigen Mannes in einem psychiatrischen Krankenhaus ab und sprach den 30-Jährigen zulasten der Staatskasse frei.


Einige Zeit vor dem Geschehen am 26. Mai 2014 hatte der 30-Jährige, der bereits stationär wie ambulant in Deutschland und Rumänien in psychiatrischer Behandlung gewesen war, seine Medikamente ohne Erlaubnis der Ärzte nicht mehr genommen. Er hielt sie für »Placebos«, von denen ihm schlecht wurde, wie er gestern erklärte. An jenem Tag war er vormittags in Mühldorf. Aus einem Krankheitsschub seiner paranoiden Schizophrenie heraus wurde er dort nachmittags auf einen Unbekannten aufmerksam, der den öffentlichen Minibus nach Waldkraiburg bestieg. Der 30-Jährige stieg ebenfalls in den Bus und setzte sich neben dem Mann. Als dieser wieder ausstieg, ging er ihm wortlos hinterher – erst in ein Geschäft, dann zu dessen Wohnung.

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»Das Haus kam mir suspekt vor«

Kurz vor der Türe forderte der 30-Jährige: »Ich will die Wohnung sehen.« Das lehnte der Familienvater ab. Dazu der Beschuldigte gestern: »Das ganze Haus kam mir suspekt vor.« Das Opfer wollte den Verfolger bei einem Gang rund um das Gebäude abschütteln. An einem Hauseck schlug der 30-Jährige von hinten mehrfach zu. Gestern schilderte er: »Er hat mir den Rücken zugedreht. Das hat mir nicht gefallen. Da habe ich ihm eine knackige Watschen in den Nacken gegeben. Mehr weiß ich nicht mehr.«

Der Geschädigte erlitt einige Treffer auf den Hinterkopf und eine blutende Lippe. Der 30-Jährige entfernte sich, während ein Augenzeuge, der Hausmeister des Wohnblocks, Polizei und Sanitäter rief. Etwas später kehrte der Beschuldigte zu dem Hausmeister zurück. Diesen Zeugen konnte die Kammer nicht mehr anhören: Er war vor drei Wochen verstorben. Das Gericht verlas die polizeiliche Vernehmung. Demnach stellte sich der 30-Jährige als »Frauenarzt« vor und wollte den Keller sehen. Dort war er auf einmal »Kripobeamter«. Den vorgezeigten Ausweis konnte der Rentner nicht lesen ohne Brille.

Hausmeister rettete sich in Kellerraum

Plötzlich packte der ungebetene Besucher den 71-Jährigen am Arm und schleuderte ihn im Kreis herum. Der Hausmeister fiel gegen eine Mauer. Er rappelte sich am Türgriff hoch und drohte mit einem Schraubenzieher, den er bei sich trug. Der 71-Jährige konnte sich in einen Kellerraum retten und die Polizei rufen. Ein Arzt attestierte ihm hinterher eine gebrochene Rippe.

Aus angeblicher »Sorge um Frauen und Kinder« – dabei dachte er nach gestriger Aussage auch an den Fall Kampusch in Österreich – begab sich der 30-Jährige zum Nachbargebäude. Er folgte einem 35-Jährigen bis zu dessen Wohnung im vierten Stock. Der Mieter ließ ihn nicht rein. Da trat der Beschuldigte die Türe ein. Der Sachschaden belief sich auf gut 1500 Euro. Der Zeuge flüchtete in eines der Zimmer, sperrte hinter sich zu und rief seiner Frau, sie solle die Polizei holen. Währenddessen schrie der 30-Jährige, er wolle die Wohnung »überprüfen«. Von den eintreffenden Beamten ließ sich der 30-Jährige danach widerstandslos festnehmen.

Krankheit mit »hoher Wahndynamik«

Der psychiatrische Sachverständige, Oberarzt Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee, bescheinigte dem 30-Jährigen aufgehobene Schuldfähigkeit zur Tatzeit. Die Krankheit habe eine »hohe Wahndynamik« im Fall eines psychotischen Schubs: »Er ist dann krankheitsbedingt in einer anderen Welt.« Wenn der Beschuldigte regelmäßig die erforderlichen Medikamente nehme, sei die Wiederholungsgefahr relativ gering, ohne Medikamente aber sehr hoch.

»Ohne Schub ist der Beschuldigte ein ganz Braver. Er hat eine Krankheit, die bei einem Schub jede Krankheitseinsicht ausschalten kann«, griff Staatsanwalt Dr. Martin Freudling im Plädoyer auf. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien erfüllt. Sie könne jedoch unter strengen Auflagen auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden.« Dem widersprach der Verteidiger, Axel Reiter aus Mühldorf. Sein Mandant sei frei zu sprechen, keine Unterbringung anzuordnen. Er, so der Anwalt, sehe dieses hohe Gefahrenpotenzial nicht.

Im »letzten Wort« sagte der Beschuldigte: »Ich weiß, dass ich was habe und dass ich die Medikamente einnehmen muss – nicht nur meiner Mutter zuliebe.« Im Urteil begründete der Vorsitzende Richter, der Beschuldigte habe die ihm vorgeworfenen Delikte – zwei vorsätzliche Körperverletzungen, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung – im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen und könne dafür nicht bestraft werden. Allein das Erfordernis der Medikamenteneinnahme sei nicht ausreichend, Unterbringung anzuordnen. kd

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