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»Plötzlich schlossen sich die Türen«

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Als der Opa hinter seiner Enkelin Theresa aus dem Zug steigen wollte, schlossen sich plötzlich die Türen. (Foto: Artes)

Siegsdorf – Der Schreck sitzt bei Familie Wendt aus Traunstein noch immer tief. Nach einem Ausflug verließ Tochter Theresa als Erste den Zug. Als der Rest der Familie aussteigen wollte, schlossen sich die Türen und der Zug fuhr weiter. Die Fünfjährige blieb alleine am Bahnhof zurück.


Mutter Regina Wendt ist noch immer sprachlos, wenn sie daran denkt, was vor zwei Wochen passiert ist. Die Familie fuhr mit dem Zug von Ruhpolding nach Traunstein. In Siegsdorf wollten alle aussteigen. »Wir saßen direkt neben der Türe. Die Kinder hatten die Jacken wieder angezogen, wir waren also startklar«, erzählt die 29-Jährige. Die fünfjährige Tochter Theresa verließ als Erste den Zug. Dicht hinter ihr war ihr Opa, der schon den Fuß in der Türe hatte. »Plötzlich schlossen sich die Türen. Wir versuchten, sie wieder zu öffnen, aber es funktionierte nicht. Zuerst dachten wir, sie ist defekt. Doch dann fuhr der Zug los.«

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Zug konnte nicht mehr stehen bleiben

Sofort rannte Regina Wendt zum Führerhaus, machte Zugführerin und Schaffnerin auf die Situation aufmerksam und bat darum, den Zug zu stoppen. »Ich ging davon aus, dass das kein Problem ist«, so die 29-Jährige. Schnell kam der nächste Schock: Ihr wurde mitgeteilt, dass ein Halten nicht mehr möglich ist. »Die Zugführerin informierte telefonisch den Bahnhofsvorsteher, dass die Fünfjährige alleine am Gleis steht. Ich hatte kurz die Möglichkeit mit Theresa zu sprechen. Ich habe sie beruhigt und ihr gesagt, dass sie mit dem fremden Mann mitgehen soll und wir so schnell wie möglich wieder kommen.«

In der Zwischenzeit haben zwei Passanten die Situation erkannt und sich um Theresa gekümmert. »Wir mussten bis zum nächsten Bahnhof Traundorf weiterfahren. Da konnte mein Mann aussteigen und lief den rund 25 Minuten langen Weg zurück nach Siegsdorf«, erzählt Regina Wendt weiter. Der Rest der Familie fuhr weiter bis nach Traunstein und von dort aus zurück nach Siegsdorf. »Wir waren unglaublich froh, als wir wieder am Bahnhof ankamen und sahen, dass es Theresa bis auf einen großen Schock gut geht.«

Die Familie hat nach dem Vorfall Beschwerde bei der Deutschen Bahn eingelegt. Nachdem zuerst tagelang keine Rückmeldung kam, wurde der Familie schließlich als Entschädigung ein 100-Euro-Gutschein angeboten. »Damit wollen wir uns nicht abspeisen lassen«, sagt Regina Wendt. Vielmehr soll geklärt werden, warum der Zug losfuhr, obwohl die Fünfjährige alleine am Gleis stand und wieso sich die Türen so schnell geschlossen haben.

»Kein hilfsbedürftiges Kind erkannt«

Auf schriftliche Anfrage des Traunsteiner Tagblatts teilt die Deutsche Bahn mit, dass der Vorfall den Mitarbeiterinnen leid tut. »Entscheidend ist, dass das Personal vor Abfahrt des Zuges am Bahnsteig kein alleinstehendes Kind wahrgenommen hat. Hätten die Mitarbeiterinnen ein hilfsbedürftiges Kind gesehen, wären sie selbstverständlich nicht abgefahren.«

Weiter sagt der Pressesprecher der Bahn, dass sich die Lokführerin durch einen Blick nach außen davon überzeugt hatte, dass der Ein- und Aussteigevorgang abgeschlossen ist. Daraufhin schlossen sich die Türen. »Die Lichtschrankenfunktion ist dann außer Kraft gesetzt und die Türöffner funktionieren nicht mehr.«

Wieso der Zug nur so kurz gehalten hat, wie es Regina Wendt geschildert hat, lässt sich laut Pressesprecher nicht sagen. »Im Fahrplan ist für die Station Siegsdorf eine Haltezeit von 45 Sekunden kalkuliert. Sie kann aber kürzer oder länger sein. Die tatsächliche Haltezeit des betreffenden Zuges lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.« Ein Stehenbleiben des Zugs sei nicht allerdings nicht mehr möglich gewesen. »Als die Eltern die Lokführerin um Hilfe baten, hatte der vordere Zugteil den Bahnsteig bereits verlassen. Gegen das in dieser Richtung rote Signal konnte die Lokführerin nicht mehr zum Bahnsteig zurücksetzen.« Abschließend sagt der Pressesprecher: »Wir möchten betonen, dass es der SOB leid tut, dass es zu einer solchen unglücklichen Trennung von Familienmitgliedern gekommen ist.«

»Sie hatte so Angst, uns nie wieder zu sehen«

Regina und Rupert Wendt hoffen, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholt – auch nicht für andere Familien. Freuen würden sie sich, wenn sich die beiden Passanten bei ihnen oder unserer Zeitung melden würden, die sich um Theresa gekümmert haben, damit sie sich bedanken können. Die Fünfjährige nimmt die Situation noch immer mit. »Sie sagte uns abends unter Tränen, sie hatte so Angst, uns nie wieder zu sehen«, erzählte Regina Wendt. »Und uns zerreißt es heute noch das Herz, wenn wir daran denken, wie unsere Tochter hinter der verschlossenen Türe steht und in Tränen ausbricht, als der Zug losfährt.« jar