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Panik und Chaos in der Brandnacht

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Traunstein – Die ersten Mitarbeiter der Firma Lindner aus Arnstorf schilderten nun vor dem Landgericht Traunstein ihre Erlebnisse in der Schreckensnacht in Schneizlreuth. Bei der Brandkatastrophe am 23. Mai 2015 im denkmalgeschützten »Pfarrbauernhof« waren sechs Menschen ums Leben gekommen, 20 Mitarbeiter wurden zum Teil schwer verletzt (wir berichteten).


Die 47 Betriebsangehörigen wollten in Schneizlreuth ein Wochenende lang mit Outdoorsport und gemütlichem Beisammensein das 50-jährige Bestehen der Firma feiern. Ein 47-jähriger Geschäftsführer einer Event-Agentur muss sich nun vor der Zweiten Strafkammer wegen sechsfacher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in 20 Fällen verantworten.

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Nach dem Wildwasserrafting saßen die Mitarbeiter an dem besagten Abend in fröhlicher Runde in der Tenne. Um 1 Uhr machte die Bar dicht. Die letzten Gäste legten sich um 2.30 Uhr schlafen. Ein Teil war in Zimmern im ersten Stock untergebracht, 24 Männer und Frauen im Dachgeschoß in einem einfachen Matratzenlager.

Alle wurden von dem Feuer völlig überrascht, das gegen 3 Uhr ausbrach. Ein Mann, der schon etwa drei Stunden geschlafen hatte, hörte das »Knistern vor der Tür«, ging raus und entdeckte den Feuerherd im ersten Stock – am Boden des Wäscheschranks. Der Rauchmelder an der Decke schlug seiner Erinnerung nach zunächst nicht an.

Eine andere Mitarbeiterin der Firma konnte wegen schnarchender Nachbarn im Matratzenlager nicht einschlafen, als es plötzlich »piep, piep« machte. Der dortige Rauchmelder hatte Alarm gegeben. Jemand schrie »Feuer, raus«. Die Frau fand den Weg zur Treppe erst nicht, konnte sich aber schließlich doch im dichten Rauch ins Mittelgeschoß durchkämpfen. Sie sah die ersten Kollegen vom Balkon hinunterspringen. Sie selbst konnte über eine Leiter absteigen. An der rechten Hand erlitt sie eine Brandwunde, dazu Probleme durch das eingeatmete Rauchgas.

Über ein Seil kam er vom Balkon nach unten

Ein Schlosser lief aus dem Schlafraum im ersten Stock und wurde mit einer Feuerwalze konfrontiert. Über ein Seil gelangte er vom Balkon nach unten, fiel auf den Rücken und warf das Seil sofort wieder hinauf – »damit auch andere runterkommen«. Der 60-Jährige brach sich zwei Lendenwirbel. Bis September war er arbeitsunfähig. Er hat bis heute gesundheitliche Beschwerden.

In der vom Gericht verlesenen, polizeilichen Aussage einer im Prozess nicht anwesenden Frau war die Rede von einer »Feuerwand«. Die Zeugin hatte niemand im Haus rauchen sehen, niemand habe mit einer Kerze hantiert. Wie viele andere Lindner-Mitarbeiter stellte auch sie Strafanzeige gegen den Angeklagten. Mehrere Zeugen sprachen von »Panik« und »Chaos«. Einer wunderte sich, dass eine junge Frau eine Katze und ein Meerschweinchen rettete, nicht aber bei der Rettung von Menschenleben half.

Sechs Männer im Alter zwischen 30 und 42 Jahren erstickten in den Rauchgasen. 41 Lindner-Betriebsangehörige überlebten die Feuerkatastrophe, wenn auch zum Teil mit schweren Verletzungen. Der Prozess geht am Dienstag um 9 Uhr mit Zeugen und dem Gutachten von Professor Dr. Randolph Penning vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München zu Todesursachen und Verletzungen der Opfer weiter. kd