Online-Marathons statt Sportvergnügen

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Durch die monatelangen Schließungen von Fitnessstudios und Vereinen während des Corona-Lockdowns gerät auch die Gesundheitsprävention auf breiter Ebene ins Hintertreffen. Das Ausweichen auf Online-Angebote kann da nur einen kleinen Teil auffangen. (Foto; Effner)

Umfrage in Traunstein: Wie steht es um die Prävention in Fitnessstudios und Vereinen


Traunstein – Bewegungsmangel im Homeoffice, stundenlange Videokonferenzen und seit Monaten geschlossene Sport- und Fitnesseinrichtungen: Um die Gesundheitsprävention der Bürger ist es während des andauernden Corona-Lockdowns nicht gut bestellt. Auch in den Sportvereinen stellt man sich die bange Frage, wie der Betrieb angesichts schwindender Finanzen und Mitgliederzahlen nach Corona weiter gehen soll. Wir haben uns in Traunstein umgehört.

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Eine Verschlechterung des Gesundheitszustands seit dem zweiten Corona-Lockdown am 2. November hat Bernhard Dobler bei Nutzern der Fitnessangebote festgestellt. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Sport- und Therapiezentrums Traunstein-Haslach mit aktuell 1260 Mitgliedern. »Viele hatten vor Corona die Beschwerden des Bewegungsapparats durch regelmäßiges Training gut im Griff. Jetzt sehe ich nicht wenige zur Behandlung in unserem Physiotherapiebereich wieder, häufig mit Rückenbeschwerden.« Speziell ältere Fitnessmitglieder, so Dobler, berichteten von einer »deutlichen Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustands«.

Konzepte und Perspektiven fehlen

Vor Ort seien aktuell nur ergo- und physiotherapeutische Behandlungen, Reha-Sportkurse auf ärztliche Verordnung und Krankengymnastik am Gerät möglich, sagt Dobler. Dies zeige, dass das Hygienekonzept speziell in großen, gut durchlüfteten Hallen funktioniere. Mit Schnelltests oder Zeitfenstern für die einzelnen Mitglieder ließe sich einiges machen, kritisiert der Physiotherapeut die Versäumnisse der Politik für fehlende Branchenkonzepte und Öffnungsperspektiven.

»Obwohl wir uns mit topausgebildeten Experten und Ärzten, teuren Spezialgeräten und einem vielfältigen Kursangeboten intensiv um die Gesundheit unserer Mitglieder kümmern, werden wir in die Branche 'Spaß und Freizeit' eingruppiert und stehen damit am Ende möglicher Öffnungsszenarien«, sagt Peter van den Berg voller Unverständnis. Er ist Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Chiemgau mit 120 Mitarbeitern. Der Reha-Bereich mit rezeptpflichtigen Anwendungen und Kursen trage momentan den Betrieb bei monatlich fünfstelligen Umsatzverlusten. Im Wellness- und Fitnessbereich betrage der Schwund seit letztem Jahr von deutlich über 1000 Mitgliedern rund 40 Prozent.

»Ich befürchte noch ein großes Elend«

Seit Januar hat das Gesundheitszentrum deshalb mit rund 50 selbstproduzierten Video-Kursen und Live-Streams für Mitglieder und Nichtmitglieder sowie einem neuen Outdoor-Trainingsbereich aufgerüstet. »Unsere Angebote werden sehr gut angenommen, aber insgesamt befürchte ich noch ein großes Elend durch massive Ausfälle in der Gesundheitsprävention«, bilanziert van den Berg.

»Ein Ausgleich für Kinder wäre wichtig«

»Die massiven Corona-Einschränkungen treffen vor allem Kinder«, sagt Matthias Orwat. Zusammen mit zwei Sportexperten und seiner Frau betreibt der Sportwissenschaftler das Studio »Turnhalle 17« mit 120 Mitgliedern. Mit individuell ausgerichtetem Funktionstraining setzt er auf Körper-, Bewegungs- und Bewusstseinsschulung. In rund 40 Grundschulen in der Region bietet er zudem in Kooperation mit den Krankenkassen und Sportvereinen Kurse mit kreativen Bewegungsspielen und Gruppenaufgaben an. Dies soll die Bewegungskoordination und das Körperbewusstsein fördern. »Gerade in städtischen Bereichen stellen wir bereits deutliche Defizite fest, allein schon beim Rückwärtslaufen«, sagt Orwat. Nicht zuletzt wegen des stundenlangen Online-Unterrichts während der Corona-Pandemie »wäre deshalb für die Kinder ein Ausgleich zur Gesundheitsprävention dringend notwendig«.

Mitglieder bei der DJK Kammer werden weniger

Von »deutlichen Einbrüchen« bei den Finanzen und Mitgliederzahlen spricht Herbert Baumgartner, Vor-sitzender des Sportvereins DJK Kammer mit 600 Mitgliedern in sechs Sportarten. Besonders bei den 13- bis 17-Jährigen befürchtet er eine Umorientierung während des monatelangen Lockdowns. Problematisch sei auch der Trainingsausfall beim Skinachwuchs. »Möglicherweise kommt es bei einigen Mannschaften zu schmerzlichen Lücken, die uns vor echte Probleme stellen.«

Nicht gerade hilfreich sei es, so Baumgartner, dass gerade viele Vereine und die Feuerwehr um Nachwuchs kämpfen. »Das sorgt für einen unguten Konkurrenzdruck.« eff

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