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Online-Dating: Betrugsopfer packt aus und möchte warnen

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Mit einem virtuellen Lächeln – einem »Smiley« – begann die vermeintliche Liebesgeschichte zwischen Silvia B. und Rei-mund Kurzock. Doch die 59-Jährige saß einem Betrüger auf. Foto: pixabay/Symbolbild
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Mit einem virtuellen Lächeln – einem »Smiley« – begann die vermeintliche Liebesgeschichte zwischen Silvia B. und Rei-mund Kurzock. Doch die 59-Jährige saß einem Betrüger auf.

Silvia B. fiel auf einem Online-Dating-Portal auf einen Betrüger herein – Sie will anderen Opfern Mut machen, sich zu wehren.

Der gut aussehende, sportliche Mann Anfang 60 strahlt mit einem gewinnenden Lächeln von dem Foto, auf einem weiteren Bild hält er seine 16-jährige Tochter im Arm, im Hintergrund sind blaues Meer und weißer Sandstrand zu sehen – wenn Silvia B. (Name geändert) heute durch die Fotos klickt, ist die 59-Jährige immer noch angetan von ihrem Traummann Reimund Kurzock. Besser gesagt, von dem Mann, der auf dem Bild zu sehen ist. Denn Reimund alias »Te stuide« hat es nie gegeben. Silvia B. ist auf einer Online-Dating-Plattform für Singles 50+ auf einen Betrüger hereingefallen, der ihr Liebe vorgegaukelt und sie um 2200 Euro betrogen hat. Im Traunsteiner Tagblatt erzählt sie ihre Geschichte, um andere Frauen vor Betrügern zu warnen.

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Heute kann Silvia B., die langjährige Erfahrung im Bereich Online Dating, über den Vorfall lachen. Die Akademikerin aus dem südlichen Landkreis Traunstein nutzt seit rund zehn Jahren immer wieder Online-Singlebörsen, um einen Partner zu finden, der wie sie nach einer dauerhaften, liebevollen Beziehung sucht. »Es hat auch schon geklappt, ich hatte zwei längere Beziehungen mit Männern, die ich auf einer Online-Dating-Seite kennengelernt habe«, sagt Silvia B., die einen mädchenhaften Charme versprüht, und dennoch mit beiden Beinen fest im Leben steht. »Ich habe mir etwas geschaffen im Leben, kann mich auf mich selbst verlassen«, sagt die 59-Jährige gerade heraus. Angewiesen auf einen Mann ist sie nicht.

Er gab sich als verwitwet und gottesfürchtig

Dann trat Anfang Februar Reimund Kurzock mit einem Smiley« in ihr Leben. Er stellte sich als französischer Bauingenieur vor, der aus beruflichen Gründen in Bäl-de nach München ziehen wird und daher vorab Kontakte in der Region sucht; für Silvia B. soweit plausibel. Sie hat ihre Suche auf einen Radius von 100 Kilometer eingegrenzt, das Portal hat auch im Ausland Nutzer.

Dass die beiden nur Englisch miteinander schreiben, irritiert sie nicht, als Franzose habe er nur geringe Deutschkenntnisse. Das Englisch ist gehoben. Sein Profil gibt an, er sei verwitwet, gottesfürchtig und an einer ernsthaften Beziehung interessiert. Zudem habe er eine 16-jährige Tochter. Das Interesse der zweifachen, geschiedenen Mutter Silvia ist geweckt.

Schnell wird der Ton vertraulich. Reimund schickt ihr in den Textnachrichten virtuelle Herzen und Küsse, nennt sie auch bei Telefonaten Süße und Liebling. »Ja, ich habe mich in ihn verliebt, in seine sensible Art, seine angenehme Stimme«, sagt Silvia B. Live gesehen hat sie ihn jedoch nie, kennt nur die sympathischen Bilder seines Dating-Profils.

Eine ganz typische Masche der Betrüger, wie Polizeihauptkommissar Volker Schach von der Kriminalpolizei Traunstein sagt. Die Betrüger erschleichen sich nach und nach das Vertrauen ihrer Opfer, geben so viel preis, dass ihre Geschichte berührend, zuweilen dramatisch und dennoch glaubwürdig klingt – »und dann kommt der Schicksalsschlag, der Unfall, das Problem, und schließlich die Bitte nach Geld«, sagt Schach. Allein im Zuständigkeitsbereich der Kripo Traunstein sind Fälle bekannt, bei denen die Opfer um 200 000 Euro erleichtert wurden. Die vorgegaukelte Liebe macht die Opfer blind.

Die vielen Warnzeichen hat auch Silvia B. übersehen. »Immer wenn ich ihn nach seiner verstorbenen Frau gefragt habe, speiste er mich damit ab, dass dies in seiner Vergangenheit liege, und er nicht darüber sprechen wolle«, erinnert sich die 59-Jährige. Auch Reimund passierte bei einem beruflichen Auslandseinsatz im Indischen Ozean auf einer Ölplattform ein Unglück; danach wollte man sich in München treffen. Doch dannhabe ein Zyklon wichtige Bauteile zerstört, die er nun – als selbstständiger Bauingenieur – aus eigener Ta-sche ersetzen müsse. »Natürlich habe ich das hinterfragt, aber es gab zu jener Zeit tatsächlich einen Wirbelsturm in der Region«, sagt Silvia B. und schüttelt den Kopf über die Rechercheleistung des Betrügers. Auch der Ton seiner Nachrichten wird in diesen Tagen dramatischer, »bete für mich, dass ich das überlebe«, schreibt er nicht nur einmal.

Treffen in München als Druckmittel

Schließlich kommt Reimund auf das Thema Geld zu sprechen. Die Ersatzteile können geliefert werden, aber nur, wenn die türkische Firma im Voraus für den Transport bezahlt wird. Dies könne er jedoch von der Bohrinsel aus nicht erledigen. »Ich hoffe, du kannst mir helfen, dieses Problem zu lösen«, schreibt er Silvia B. Je schneller dieses Problem gelöst sei, desto eher könne man sich in München treffen. Eine direkte Bitte um die angeblich benötigten 2200 Euro gibt es nie. Zunächst habe sie gezögert, sagt die 59-Jährige. Wollte eine Nacht darüber schlafen, bevor sie sich entscheidet. »Ich habe abgewogen, entweder ich sitze einem Betrüger auf, oder ich helfe einem Freund in Not«. Sie gibt nach, glaubt Reimund und überweist die 2200 Euro auf ein türkisches Bankkonto in Istanbul, die Falle schnappt zu. Sie erhält sogar noch die Kopie einer Quittung per E-Mail. Und die angeblichen Daten für seinen Flug nach München mit British Air-ways sowie das Verspre-chen, das Geld bekäme sie nach seiner Ankunft umgehend in bar zurück.

Doch damit ist die abenteuerliche Geschichte noch nicht zu Ende; für weitere Ersatzteile brauche er nun 12 000 Euro. Als Druckmit-tel nutzt der Betrüger wieder das geplante Treffen. Doch Silvia B. reicht es: Jetzt war mir klar, dass ich betrogen wurde.« Sie konfrontiert Reimund sogar damit, versucht, den Spieß umzudrehen, und zeigt ihn schließlich an.

Chance, dass sie ihr Geld wiederbekommt, gibt es jedoch kaum. »Das Geld wurde wie bei diesen Betrugsmaschen üblich auf ein Konto ins Ausland überwiesen«, sagt Hauptkommissar Volker Schach. Das Geld zurückzuholen ist damit nicht mehr möglich. Schach warnt daher, wenn es in Chats auf Dating-Portalen um Geld geht, sollte der Kontakt umgehend abgebrochen werden. »Die Betrüger wollen nur Ihr Bestes, Ihr Geld«, so der Polizist.

Silvia B. datet auch weiterhin online

Silvia B. nutzt auch weiterhin das Dating-Portal, will die Suche nach einem ehrlichen Partner wegen des Betrugs nicht aufgeben, sie schaut sich die Profile nun aber genauer an. »Kommunikation auf Englisch, verwitwet, gottesfürchtig sind für mich nun Signalwörter, von diesen Kontakten die Finger zu lassen«. Auch fordert die 59-Jährige den Betreiber als Fakeprofil-Finderin auf, die Mitglieder besser zu überprüfen, und meldet diesem ihr verdächtige Profile. So wie das von Reimund Kurzock. »Es hat noch zwei Wochen gedauert, bis sein Profil gelöscht wurde«, ärgert sich Silvia B.

Der Betreiber argumentierte gegenüber Silvia B., dass man gar nicht mehr hinterherkäme, falsche Profile zu löschen, da die Betrüger immer einen Schritt voraus seien, bemühe sich aber, gemeldete Fake-Accounts zu prüfen und gegebenenfalls zu löschen. Die schriftliche Anfrage unserer Zeitung, warum dies im Falle von Reimund Kurzock so lange gedauert habe und was das Portal, das zu den führenden in Deutschland gehört, gegen mögliche Betrüger unternimmt, blieb unbeantwortet. 

Verena Wannisch