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»Oberste Priorität hat für uns der Schutz des Mädchens«

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Was in vielen Ländern zum Alltag gehört, ist für uns befremdlich: Ein 13-jähriges Mädchen aus einer Asylunterkunft im Landkreis hätte mit einem 35-Jährigen verheiratet werden sollen.

Es ist schon eine befremdliche Vorstellung: Ein junges Mädchen soll mit einem deutlich älteren Mann verheiratet werden, weil die Eltern das wollen. Was in vielen fremden Ländern wohl zum Alltag gehört, ist bei uns in Deutschland kaum vorstellbar. Und doch hat es genau so einen Fall nun im Landkreis Traunstein gegeben. Das bestätigte Landrat Siegfried Walch im persönlichen Gespräch mit unserer Zeitung.


»Es ist der erste Fall von Zwangsehe, der uns bekannt geworden ist«, sagt Walch. Das Traunsteiner Tagblatt hatte zuvor mitbekommen, dass es in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis zu so einem Vorfall gekommen ist, und hat deshalb beim Landratsamt nachgefragt.

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Wie Walch erklärte, sollte das 13-jährige Mädchen gegen ihren Willen, aber auf Wunsch der Familie mit einem 35 Jahre alten Mann aus der gleichen Unterkunft verheiratet werden. »Aufgrund von einem Hinweis aus dem Umfeld haben wir von dem Vorfall erfahren«, so der Landrat. »Wir haben sofort reagiert.« Die 13-Jährige wurde nur wenige Stunden nach dem Hinweis aus der Asylunterkunft geholt und lebt seitdem – und auf eigenen Wunsch, wie Walch betont – in einer Pflegefamilie. »Oberste Priorität hat für uns der Schutz des Mädchens.«

Die Themen Kinderehe und Zwangsehe spielten in Deutschland sehr lange eine nachgeordnete Rolle. Doch mit der großen Zuwanderung von Migranten und Flüchtlingen in den vergangenen beiden Jahren nahm auch hier die Zahl der verheirateten Minderjährigen deutlich zu. Die letzten bekannten Zahlen stammen aus dem Juli 2016: Damals gab es in Deutschland rund 1500 verheiratete Minderjährige. Mehr als die Hälfte stammt aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Der Großteil der verheirateten minderjährigen Flüchtlinge oder die, die erst noch verheiratet werden sollen, sind laut der Hilfsorganisation »Terre des Femmes« Mädchen. Häufig drängen Eltern aus Flüchtlingsfamilien ihre Kinder, einen Nahestehenden zu heiraten, auch wenn dieser deutlich älter ist, damit sie abgesichert sind. Weitere Rollen spielen häufig auch die Religion und streng patriarchisch geprägte Lebensformen in Großfamilienverbänden sowie Armut und Bildungsferne.

Da eine Eheschließung nach deutschem Gesetz im Fall der 13-Jährigen natürlich nicht möglich ist, kann man davon ausgehen, dass die Ehe wohl eher nach einem religiösen Ritual geschlossen werden sollte. Um Kinder und Jugendliche generell zu schützen, geht aber inzwischen auch die Bundesregierung gegen Kinderehen vor. Anfang Juni hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, laut dem Ehen von Personen unter 16 Jahren grundsätzlich nichtig sind. Zudem sollen sie gerichtlich annulliert werden, wenn ein Gatte zum Zeitpunkt der Eheschließung zwischen 16 und 18 Jahren alt war. Nur in besonderen Härtefällen kann davon abgesehen werden – und das auch nur, wenn ein minderjähriger Ehepartner zwischenzeitlich volljährig geworden ist und die Ehe bestätigt.

Eine Zwangsheirat blieb der Jugendlichen aus dem Landkreis glücklicherweise erspart. Wie Landrat Walch erklärt, wird das Mädchen erst einmal weiter in der Pflegefamilie bleiben. Welche Konsequenzen der Vorfall für ihre eigene Familie hat, steht unterdessen noch nicht fest. Jetzt werden weitere Gespräche mit allen Betroffenen geführt und das Umfeld genau beleuchtet.

Zwar handelt es sich nun um den ersten bekannten Fall von Zwangsehe im Landkreis Traunstein, Landrat Walch sagt aber auch: »So traurig es ist, aber solche Dinge werden uns wohl in Folge der unkontrollierten Masseneinwanderung der letzten Jahre noch öfter treffen. Für uns steht fest, dass in jedem Fall der Schutz der Kinder oberste Priorität hat.« jar

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