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»Nüchtern ist er ein ganz anderer Mensch«

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Traunstein – 25 Jahre war ein Ehepaar verheiratet. Als die Frau sich Mitte September 2015 von ihrem Mann trennen wollte, drehte der alkoholisierte Arbeiter durch. Der 44-Jährige bedrohte und verletzte seine Frau. Das Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott verurteilte den Mann gestern zu einer Geldstrafe von 2400 Euro. Staatsanwältin Monika Veiglhuber hatte dem 44-Jährigen Vergewaltigung und vorsätzliche Körperverletzung zur Last gelegt. Sie will in Berufung gehen.


Das Ehepaar hatte sich 1988 in der früheren DDR kennengelernt und zog später in ein Dorf in der Nähe des Waginger Sees. Mehrfach gab es Krisen. Letztes Jahr verliebte sich die 44-Jährige in einen anderen Mann. In jener Nacht wollte sie dem Gatten mitteilen, dass sie ihn endgültig verlassen werde. Der 44-Jährige soll daraufhin Sex gefordert haben, was die Frau entschieden ablehnte. Er soll sie im weiteren Verlauf aufs Bett gestoßen haben, sie mit beiden Händen am Hals gepackt haben und erneut Geschlechtsverkehr gefordert haben mit den Worten: »Letzte Chance oder du bist tot.«

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Gestern hob die Zeugin heraus, ihr Mann habe das nicht ernst gemeint, sondern lediglich »seinen Willen durchsetzen wollen«. Im weiteren Tatverlauf spielte auch ein Vibrator eine Rolle, den der 44-Jährige gegen den Willen seiner Frau verwendete. Der Vorsitzende Richter betonte, dass eine Vergewaltigung grundsätzlich auch mit einem Vibrator geschehen könne.

»Die Anklage stimmt nicht«

Der Angeklagte beteuerte, keine Gewalt angewendet zu haben: »Die Anklage stimmt nicht. Ich habe sie nicht bedroht. Ich kann mir nicht erlauben, in den Knast zu gehen.«

Die 44-Jährige hingegen belastete ihren Noch-Mann im Sinn der Anklage – auch wenn sie Details nicht mehr genau wusste. Irgendwann habe er aufgehört und sei eingeschlafen. Geflüchtet sei sie nicht in dieser Situation: »Ich war mit ihm so lange verheiratet. Ich wusste, er lässt mich danach in Ruhe.« Die Frau führte alles auf den Alkohol zurück: »Nüchtern ist er ein ganz anderer Mensch.«

Die 44-Jährige wollte übrigens keine Strafanzeige erstatten. Sie bat am folgenden Vormittag per SMS ihren neuen Lebensgefährten, sie abzuholen. Als sie nicht zum vereinbarten Treffpunkt kam, suchte der Zeuge die Wohnung auf. Der Angeklagte trat ihm dort entgegen und wollte die 44-Jährige nicht gehen lassen. Da verständigte der 57-Jährige die Polizei, seine Freundin werde festgehalten. Beamte der Polizeiinspektion Laufen rückten an. Die 44-Jährige war zwischenzeitlich aus dem Haus gekommen. Der Kriminaldauerdienst befragte die Beteiligten, die Kripo Traunstein übernahm die Ermittlungen. Der Ehemann wanderte kurze Zeit in Untersuchungshaft.

Der rechtsmedizinische Sachverständige, Professor Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg, fand damals an der Frau »keine für eine Vergewaltigung spezifischen Verletzungen«. Eine Rötung am Hals könnte »von einem festen Packen« stammen, aber auch eine andere Ursache haben. Die Alkoholisierung des Angeklagten in der Tatnacht bezifferte der Gutachter rückgerechnet mit gut zwei Promille.

»Weder vergewaltigt noch gewürgt«

Die Angaben der Frau seien »glaubhaft und schlüssig«, unterstrich Staatsanwältin Monika Veiglhuber im Plädoyer auf Verurteilung im Sinn der Anklage zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Falls das Gericht zu einer Strafe von bis zu zwei Jahren gelange, sehe sie »keine besonderen Umstände, die für Strafaussetzung zur Bewährung sprechen«. Zu Lasten des Angeklagten gehe auch das »generelle Klima der Gewalt« in dieser Ehe.

Verteidiger Udo Krause aus Laufen betonte, was in jener Nacht passiert sei, wisse niemand. Der Angeklagte sei freizusprechen. Im »letzten Wort« beteuerte der 44-Jährige, er habe »weder vergewaltigt noch gewürgt«.

»Wir halten die Aussage der Ehefrau für glaubwürdig. Aber man kommt rechtlich nicht zu einer Vergewaltigung«, eröffnete der Richter die Urteilsbegründung. Das Gericht könne die erforderliche »vorherige Anwendung von Gewalt« vor dem Einführen des Vibrators nicht nachweisen. Auch eine »versuchte Vergewaltigung« scheide deshalb aus. Aber eine »Bedrohung« sei verwirklicht worden, dazu eine »vorsätzliche Körperverletzung« – durch leichtes Würgen am Hals.

Der Schuldspruch und die verhängte Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 40 Euro oder 2400 Euro gesamt werden nicht rechtskräftig. Staatsanwältin Monika Veiglhuber wird Berufung einlegen. kd