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Normalität als Herzenswunsch fürs neue Jahr

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Ein Symbol der Hoffnung: Evi und Hansi Schwabl mit den Kindern Maxl und Tobi nach ihrer Standesamtlichen Hochzeit.

Inzell. »I überleg´ scho de ganze Zeit, wos ma mit dem Saukopf macha kannt’n«, meint Hansi Schwabl zu seinem dreieinhalbjährigen Sohn Tobi. Dem quirligen Buben macht es sichtlich Freude, bei der Dekoration der noch etwas leeren neuen Wohnung mit vom Vater geschnitzten Krampusmasken einbezogen zu werden. Bis vor kurzem hatten der 25-jährige Inzeller Betonschneider und Maskenschnitzer und seine Frau Evi (28) keine rechte Lust darauf, Weihnachten zu feiern: Ihr Zuhause, ihr ganzes Hab und Gut und unzählige Erinnerungen, bis hin zu ihren eigenen Kinderfotos, haben sie am 18. November durch einen Brand verloren.


Natürlich kann man Weihnachten nicht einfach ausfallen lassen, wenn man zwei kleine Kinder hat, neben Tobi den fast einjährigen Maxl. Und doch ist seit dem 18. November nichts, wie es vorher war. Unmittelbar, nachdem Evi an diesem Tag um kurz vor 11 Uhr aus dem Haus gegangen war, um Tobi von der Spielgruppe abzuholen, muss die Wohnung durch einen Kabelschaden in Brand geraten sein. Zum Glück hatte sie den kleinen Maxl dabei.

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Wie ein Film läuft das Erlebte vor dem inneren Auge ab

Wie ein Film laufen die damaligen Ereignisse vor dem inneren Auge der jungen Eltern ab. Hansi war gerade in der Arbeit und erfuhr per Handy von einem Freund von der Katastrophe. »Meine größte Sorge war, dass Evi mit den Kindern in der Wohnung ist. Ich hab’ mir das zuerst aber nicht so schlimm vorgestellt«, erzählt er. Vor Ort sah er dann erschüttert die Flammen aus den Fenstern der gemütlichen Dachwohnung mit offenem Dachstuhl züngeln. »Ich hab’ geglaubt, mich trifft der Schlag.«

Als sie abends in der Ferienwohnung von Hansis Tante, die bis vor einer Woche ihre Übergangsheimat war, im Schock im Bett gelegen sei, sei sie erleichtert gewesen, dass ihre Kinder noch atmen, erzählt Evi. Am nächsten Tag sammelte das Paar in Müllsäcken die verkohlten Reste seiner Existenz ein. Die Vier hatten nichts mehr als das, was sie am Leib trugen.

Die ersten Tage danach gaben sich die Besucher in der Ferienwohnung die Klinke in die Hand: »Die Leute haben uns kistenweise Hilfsgüter gebracht. Da merkt man, wie ein Dorf zusammenhält«, erzählt Hansi. Windeln, Decken, Kleidung, Lebensmittel, eine kleine Hausapotheke und vieles mehr war dabei. Sofort hätten auch der Pfarrer und der Bürgermeister, der eine Spendenaktion initiierte, ihre Hilfe angeboten.

Evi und Hansi Schwabl sind tief bewegt über diese Hilfsbereitschaft, und doch ist es ihnen peinlich, die Kleidung von fremden Leuten tragen zu müssen. »Wir waren noch niemals im Leben auf andere angewiesen. Das kratzt schon an der Ehre«, sagt der Maskenschnitzer. Ihre bisherige Kleidung habe sie sich erarbeitet, ergänzt seine Frau, eine Friseurin in Elternzeit. »Da war man stolz darauf und hat das gern getragen.«

Ihren Kindern erklärten sie, dass das verbrannte Spielzeug keine Seele hat und dass sie neues Spielzeug bekommen. »Tobi hat geantwortet: Ich war aber mit meinem alten Zeug auch zufrieden«, berichtet sein Vater. Zu Tobis liebsten Spielsachen gehörten eine kleine Eishockey- und Motocross-Ausrüstung und vom Vater geschnitzte Krampuslarven. Der Bub ist ein Bewegungstalent, fuhr mit zweieinhalb schon ohne Stützen Rad und kann bereits Schlittschuh laufen.

Wenn Tobi malt, werden die Bilder ganz schwarz, und er möchte immer wieder das Lied oder die Geschichte vom Kabelbrand hören. Maxls Neurodermitis ist nach dem Brand schlimmer geworden. »Den Stress kriegen´s halt voll mit, die Buam«, meint Evi Schwabl.

Der größte Wunsch der Beiden fürs neue Jahr ist, dass wieder Normalität einkehrt, dass sie ihren Alltag wiederbekommen und dass sie auch Zeit für sich haben. Im Moment funktioniere sie auf »so einem Stress-Pegel«, erklärt die 28-jährige Mutter. Unzählige Male am Tag läute das Telefon: Immer wieder sei etwas neu zu beantragen oder umzuschreiben. Auch der ganze Hausstand muss in kürzester Zeit neu organisiert werden. In einem Möbelmarkt wurde das Paar, das sofort neue Schränke braucht, auf Februar vertröstet.

Ihre standesamtliche Hochzeit, die sie schon länger und größer geplant hatten, feierten der Inzeller und seine aus Aufham stammende Partnerin, die sich wie ein ganz normales junges Paar beim »Fortgehen« kennengelernt haben, vor einer Woche im engsten Familienkreis. Nach dem Essengehen wurden vier Stunden lang in der neu angemieteten Wohnung, die das Paar sich selber gesucht hat, Möbel aufgebaut; darüber habe Hansi ganz vergessen, sie über die Türschwelle zu tragen, schildert Evi mit einem verliebten, aber etwas traurigen Lächeln.

»Wir möchten uns aus tiefstem Herzen bedanken«

Nun werden sie in ihrer neuen, hellen Erdgeschoß-Wohnung doch Weihnachten feiern und versuchen, hier heimisch zu werden. »Daheim ist ja nicht nur Material. Das hat mit Wohlfühlen zu tun«, beschreibt es Evi. Tobis Spezln haben gefragt, ob ihn heuer das Christkind überhaupt findet, und ihm ihr Lieblingsspielzeug geschenkt. Die Klöpfelkinder spendeten ihre Einnahmen.

»Wir möchten uns auf alle Fälle aus tiefstem Herzen bedanken bei jedem, der uns finanziell oder materiell geholfen hat, vor allem im Namen unserer Kinder. Sonst wären wir nie so schnell auf die Füße gekommen«, betont das frischvermählte Ehepaar. Beide sind dankbar, dass sie einander noch haben. In einer Kiste wartet der gespendete Christbaumschmuck auf seinen Einsatz. Nur eine Krippe gibt es heuer nicht: Die selbst geschnitzte stinkt zu sehr nach Rauch. Bis zum nächsten Jahr wollen Hansi und Evi in der Natur Utensilien für ein Wurzelkripperl sammeln, und der leidenschaftliche Schnitzer wird neue Figuren kreieren. vm