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»Nicht die Opfer müssen sich schämen«

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Traunstein – Ein 37-jähriger Landwirt, der zwischen 2007 und 2013 fünf Burschen im damaligen Alter von 16 bis 21 Jahren bei ländlichen Festen teils unter Einsatz von körperlicher Gewalt sexuell anging, muss für fünf Jahre und neun Monate Jahre hinter Gitter. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein verurteilte den lediglich teilgeständigen Angeklagten wegen Vergewaltigung eines mittlerweile 22-Jährigen sowie wegen sexueller Nötigung, versuchter und vollendeter Nötigung von weiteren jungen Männern.


Staatsanwalt Dr. Andreas Alscher hatte das Ergebnis der Beweisaufnahme im Plädoyer als »eindeutig« bezeichnet. Der Sachverhalt der Anklage habe sich in allen fünf Fällen bestätigt. Alle Zeugen seien glaubwürdig: »Ich habe keine Zweifel, dass sich alles so zugetragen hat, wie sie es geschildert haben.« Ein »roter Faden« ziehe sich durch alle Taten: »Der Angeklagte geht auf Feste und spricht junge Männer an. Er vermag es zu steuern, dass sie ihm folgen – an Orte, an denen Hilfe nicht sofort zugänglich ist.« Das 22-jährige Hauptopfer habe das Geschehen »absolut nachvollziehbar« geschildert. Die Vergewaltigung im Auto sei möglich gewesen, wie sich das Gericht überzeugt habe. Die Tat habe keine Verletzungen zur Folge haben müssen. Dabei bezog sich der Staatsanwalt auf das gestrige Gutachten des rechtsmedizinischen Sachverständigen, Professor Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg.

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Unter den strafschärfenden Aspekten führte Dr. Alscher den langen Tatzeitraum, die teils schweren Folgen für die Geschädigten, das planvolle Vorgehen und die einschlägige Vorstrafe des 37-Jährigen an. Eine Gesamthaftstrafe von sechs Jahren sei angemessen.

»Es war bekannt, dass er zu sexuellen Übergriffen neigt«

Opferanwältin Manuela Denneborg aus Rosenheim schloss sich namens des 22-jährigen Nebenklägers an. Die Aussage vor der Kammer sei ihrem Mandanten bestimmt nicht leicht gefallen. Die Folgen der Tat seien massiv: »Er ist in seiner Persönlichkeit buchstäblich erschüttert worden – bis er drauf und dran war, sich das Leben zu nehmen.« Der 22-Jährige hätte darüber hinaus keinerlei Motiv, den Angeklagten falsch zu belasten. Unverständlich sei, wie das Umfeld – damit meine sie nicht die Familie – reagiert habe: »Es war unter den Burschen bekannt, dass der Angeklagte zu sexuellen Übergriffen neigt.« Niemand habe etwas dagegen unternommen.

Die Verteidiger, Miguel Moritz und Dr. Herbert Buchner, beide aus Traunstein, wollten auf weniger schwerwiegende Straftatbestände wie einfache »Nötigung« hinaus – mit der Folge, dass ein Teil der Vorwürfe bereits verjährt wäre. Moritz betonte, die Geschädigten seien bei den »Grabscherfällen« nicht in einer schutzlosen Lage gewesen. Manches sei nicht mit sexuellem Bezug passiert. Nicht jeder Heterosexuelle lehne homosexuelle Handlungen ab. »Schwierigster Fall« sei der Vorwurf der Vergewaltigung. Dafür gebe es nur die Aussage des Nebenklägers, argumentierte Moritz, der Zweifel an der Darstellung des 22-Jährigen zu säen versuchte: »Ich bin überzeugt, dass zwischen den Männern etwas passiert ist – aber was?« Der 37-Jährige sei nach dem Grundsatz »in dubio pro reo«, im Zweifel für den Angeklagten, vom Vorwurf der Vergewaltigung freizusprechen. Angebracht sei wegen nur zwei Fällen der »Nötigung« eine geringe Strafe.

Dr. Herbert Buchner ergänzte mit kritischen Anmerkungen zur Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. Bei der Vergewaltigung stehe Aussage gegen Aussage. Einige Details der Zeugenaussage seien mit Vorbehalt zu sehen. Der 37-Jährige äußerte sich an allen vier Verhandlungstagen nicht selbst, nahm auch die Gelegenheit zum »letzten Wort« nicht wahr, sondern verwies auf seine Verteidiger.

Im Urteil unterstrich der Vorsitzende Richter Erich Fuchs, das Gericht habe allen Geschädigten Glauben geschenkt. Gravierendster Fall sei die Vergewaltigung des heute 22-Jährigen. Der Angeklagte sei dem schüchternen, introvertierten jungen Mann körperlich überlegen gewesen. Der Geschädigte sei dem 37-Jährigen nachts mitten im Wald schutz- und aussichtslos ausgeliefert gewesen und habe die sexuellen Handlungen letztlich über sich ergehen lassen. Der Angeklagte habe eine Vergewaltigung bestritten und behauptet, er sei nicht auf dem Helferfest der Kirchenverwaltung am 1. Mai 2013 gewesen. Diese Einlassung sei widerlegt, hob Fuchs heraus. Kein Familienmitglied habe ein Alibi für die Tatzeit bestätigen können. Der 37-Jährige habe durchaus bei dem Familientreffen sein, aber anschließend zum Helferfest fahren können.

»Verantwortung liegt allein beim Angeklagten«

Für die Glaubwürdigkeit des Geschädigten sprächen das fehlende Belastungsmotiv, seine schlüssige Darstellung des Geschehens und keinerlei Belastungseifer. Der 22-Jährige habe viele Randdetails berichtet: »Wir haben keine Anhaltspunkte, dass er etwas Erfundenes erzählt hat.« Hinzu kämen die einschlägige Vorstrafe des Angeklagten und seine »Masche«, auch andere Opfer zu abseits gelegenen Stellen zu locken. »Wir hoffen und wünschen, dass bei den Geschädigten Ruhe einkehrt. Sie trifft keinerlei Schuld. Die Verantwortung liegt allein beim Angeklagten.« Viele Leute hätten von Übergriffen des 37-Jährigen gegen junge Männer gewusst, aber keine Zivilcourage bewiesen. Fuchs wörtlich: »Es sind nicht die Opfer, die sich zu schämen haben.« kd