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»Natürlich kann das im Extremfall auch mal schief gehen«

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Nur ein leichtes Hüsteln oder doch ein Notfall? Weil es vor allem im nördlichen Landkreis Traunstein zu wenig Hausärzte gibt, werden in den ärztlichen Bereitschaftsdienst auch Fachärzte einbezogen, die zum Teil seit Jahren keine Erfahrung mehr in der Diagnose von Akut-Erkrankungen haben.

Traunstein – »Natürlich kann das im Extremfall auch mal schief gehen«, sagt Dr. Herwart Schmidt, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Traunstein, auf die Frage nach der Neuorganisation des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Denn während sich früher benachbarte Ärzte – meist am gleichen Ort – die Versorgung der Patienten am Abend, am Wochenende und an Feiertagen teilten, änderten sich im Laufe der Jahre sowohl Einzugsbereiche als auch die Qualifikationen der beteiligten Ärzte. Sprich: Den ärztlichen Bereitschaftsdienst für akute Krankheiten und Verletzungen, die nicht bis zur nächsten Sprechstunde Zeit haben, aber nicht lebensgefährlich sind, versehen inzwischen auch Fachärzte wie Pathologen, Laborärzte oder Psychotherapeuten.


Nur Magenverstimmung oder Blinddarm-Entzündung?

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Genau hier setzt aber die Kritik eines Arztes an, der sich ans Traunsteiner Tagblatt wandte, aber namentlich nicht genannt werden möchte. »Ob der Bauchschmerz jetzt eine banale Magenverstimmung ist oder ein akuter Blinddarm, wird jetzt mit von diesen Ärzten eingeschätzt. Dass sie seit ihrem Studium vor Jahrzehnten damit nichts mehr zu tun haben, interessiert die Verantwortlichen nicht. Mit dem Argument, jeder Arzt sei zur Weiterbildung in Notfallmedizin verpflichtet, werden die Sorgen beiseite gewischt. Dabei geht es beim Bereitschaftsdienst gar nicht um akute, lebensbedrohliche Notfälle – dafür gibt es den Notdienst. Für alle anderen Akuterkrankungen, für die es eben keine Weiterbildungspflicht gibt und auch nicht geben kann, werden jetzt alle Ärzte herangezogen«, heißt es in seinem Schreiben.

Erst vor relativ kurzer Zeit seien die Bereitschaftsdienst-Grenzen verändert worden, sagt Dr. Schmidt dazu. »Wir waren zum Beispiel früher in Ruhpolding zwölf Ärzte, die alle in den Bereitschaftsdienst mit eingebunden waren. So haben wir die 52 Wochenenden im Jahr und die Feiertage abgedeckt.« Wer älter war als 65 Jahre oder selbst krank war, konnte sich vom Bereitschaftsdienst befreien lassen – heute geht das bereits ab 62 Jahren. Ansonsten waren alle Ärzte außer Psychotherapeuten und Pathologen dazu verpflichtet. »Ich selbst habe 25 Jahre lang oft dreieinhalb Monate am Stück von Freitag bis Freitag gearbeitet, weil ich auch noch Notdienst geleistet habe.« Wegen der Arbeitsbelastung habe man sich mit Ärzten aus Siegsdorf und Inzell zusammengetan. So hatte jeder nur noch zwei statt zuvor sechs oder sieben Wochenenddienste im Jahr zu leisten.

»Aber die Ärztedichte in der Peripherie wird geringer, es wird immer schwieriger, Nachfolger zu finden, und jeder Bereitschaftsdienst-Bereich soll aus mindestens 15 Ärzten bestehen, die sich die Dienste teilen.« So reicht beispielsweise der Einzugsbereich im Bereich Grassau/Unterwössen jetzt von Übersee bis Reit im Winkl – im Extremfall hat also ein Überseer Hausarzt knapp 30 Kilometer zu fahren, bis er am abgelegensten Reit im Winkler Bergbauernhof helfen kann – und das kann je nach Wetter schon mal eine Weile dauern. »Da kann es auch mal sein, dass er zu spät kommt. Wenn es ein echter Notfall ist, gibt es ja den Notarzt, aber wenn etwas vom Patienten als harmloser eingeschätzt wird, als es ist, kann das gefährlich werden.«

Ein Drittel der Hausärzte hört in spätestens fünf Jahren auf

»Und das wird noch schlechter werden, denn ein Drittel der Hausärzte ist älter als 60 Jahre und hört in den nächsten fünf Jahren auf.« Während einige Bereiche noch gut versorgt sind, weil dort auch noch Ärzte wohnten, sei es besonders im nördlichen Landkreis Traunstein schwierig, etwa in Schnaitsee. »Da hat ein Kollege keinen Nachfolger für seine Praxis gefunden. Jetzt muss der Bereitschaftsdienst Rosenheim das Gebiet mit abdecken.«

Zur genannten Angst vor Fehldiagnosen sagt Dr. Schmidt: »Nicht jeder Bereitschaftsarzt muss alles können, aber einen Notfall erkennen, das muss jeder Arzt können, auch ein Facharzt, und sei er noch so spezialisiert. Und wenn sich der Kollege nicht sicher ist, muss er eben auf den Notarzt verweisen und sich entsprechend selbst weiterbilden.«

Dass Nachwuchs nicht in Sicht ist, liegt seiner Meinung nach vor allem an der geringen Wertschätzung der Hausärzte seitens der Fachärzte, der Politik, der Kassen und der Gesellschaft. »Da verschläft die Politik die Zukunft. Sie muss doch die Vorgaben machen.« So kritisiert er auch die Vergabepraxis für neue niedergelassene Praxen: »Rechnerisch gibt es im Landkreis Traunstein eine Überversorgung mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Wenn sie jetzt in einem schlecht versorgten Bereich eine Praxis eröffnen wollen, dürfen sie das nicht. Das hilft aber den Patienten nicht, wenn die Ärzte alle in Traunstein, Traunreut und dem südlichen Landkreis sind.«

Ein weiteres Problem sei der Wegfall der Residenzpflicht. »Wir mussten halt damals alle noch am Ort wohnen, da waren wir rund um die Uhr für unsere Patienten da«, verweist er auf eine weitere Ursache des Problems, das Anspruchsdenken junger Mediziner: »Die Generation Y ist gut, die können was, und wissen das und stellen ihre Forderungen und sehen Freizeit, Familie und geregelte Arbeitszeiten als Prioritäten. Aber wir müssen uns nach der Jugend richten. Die sind die Zukunft.«

»Und wir bilden viel zu wenig Allrounder aus«, sagt Schmidt weiter. Junge Ärzte würden heute schnell zur Spezialisierung getrieben, nicht zuletzt wegen der Verdienstchancen: »Früher wusste ein Hausarzt, dass er mit einer bestimmten Zahl an Patienten gut über die Runden kommt und vielleicht auch noch ein Haus bauen konnte. Heute weiß er nicht einmal, ob er seine Schulden rechtzeitig zurückzahlen kann«, beklagt Dr. Schmidt. Denn die Honorierung erfolgt über Pauschalen nach einem komplizierten Berechnungsverfahren, das eine zuverlässige Kalkulation fast unmöglich macht.

Das Arztgeheimnis ist so gut wie ausgehebelt

Dabei sei grundsätzlich genug Geld im System. Doch werde viel zu viel Geld für medizinisch Unsinniges ausgegeben, abgesehen davon, dass man seiner Meinung nach sicher nicht so viele Kassen bräuchte. Problematisch sei auch deren Datensammelwut – die Diagnosen kämen heute nahezu patientenbezogen zu den Kassen, das Arztgeheimnis sei so gut wie ausgehebelt. »Das halte ich für das Gefährlichste überhaupt«. Abgesehen davon, dass besonders private Krankenkassen dazu neigten, sich aus Verträgen mit Patienten mit teuren Erkrankungen bei passender Gelegenheit so gut wie möglich rauszuwinden.

Dennoch wirbt Dr. Schmidt bei seinen jungen Kollegen für den Beruf des Hausarztes. Denn im Gegensatz zum Facharzt finde ein Hausarzt innere Zufriedenheit durch das Helfen-Können und den persönlichen Kontakt zum Patienten. Abgesehen von den günstigen Wohnmöglichkeiten in schöner Natur, die man auf dem Land noch finde. Geld allein ist eben doch nicht alles. coho

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