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»Natürlich gibt es gute und schlechte Tage«

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Ingrid Lischke ist seit ihrer Jugend blind. Am Samstag berichtet sie im Rahmen der Medienwoche in der Stadtbücherei Traunstein, wie blinde und sehbehinderte Menschen leben und wie sie ihren Alltag meistern. (Foto: Reiter)

Traunstein – Auf den ersten Blick fällt es nicht auf, dass Ingrid Lischke blind ist. Sie trägt eine schicke Brille und ist farblich perfekt aufeinander abgestimmt gekleidet. Nur der Blindenstock pendelt ohne Pause von links nach rechts.


So kann Ingrid Lischke spüren, wenn ein Hindernis auf ihrem Weg ist. Sie kennt bestimmte Strecken in Traunstein, die sie mit einem Trainer geübt hat. Bei anderen braucht sie ihren Mann oder eine Freundin, um sich zurechtzufinden. »Ich habe gelernt, mir Hilfe zu nehmen und meine Bedürfnisse zu äußern«, sagt Ingrid Lischke. Sie ist eine starke Frau, doch das war nicht immer so.

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Die Traunsteinerin kam als Baby einige Wochen zu früh auf die Welt. Wie bei vielen Frühchen, war dadurch ihre Sehfähigkeit stark beeinträchtigt. »Als Kind habe ich noch Farben und Umrisse erkennen können, als Jugendliche bin ich dann vollständig erblindet«, sagt sie. Eine große Stütze sei ihr Vater gewesen. »Er hat mich sehr gefördert. Ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen«, sagt Ingrid Lischke. Sie ging in München auf die Blindenschule, wohnte dort im Internat. »Das war am Anfang sehr schwer für mich, aber ich habe viel gelernt, auch was den Umgang mit dem Blindsein im Allgemeinen betrifft.«

»Ich war dort sehr gut integriert«

Nach der Mittleren Reife bekam Ingrid Lischke einen Arbeitsplatz als Schreibkraft beim Arbeitsamt in Traunstein. Dort war sie 30 Jahre angestellt. Zunächst schrieb sie noch auf der Schreibmaschine, später am Computer. »Ich hatte natürlich meine Hilfsmittel, aber das hat sehr gut geklappt. Ich war dort sehr gut integriert«, macht Ingrid Lischke auch anderen Betroffenen Mut. Vieles sei selbstverständlich etwas komplizierter, wenn man blind sei, »aber man darf sich nicht aufgeben«. Vor allem bei älteren Menschen mache sie immer wieder die Erfahrung, dass sie sich zurückziehen, wenn sie schlechter sehen oder erblinden.

Diesen Leuten und anderen Betroffenen möchte Ingrid Lischke helfen. Die Traunsteinerin ist seit 40 Jahren ehrenamtlich beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund aktiv. »Seit ich nicht mehr arbeite, mache ich da wirklich sehr viel«, sagt Ingrid Lischke. Sie organisiert Treffen von Blinden und Sehbehinderten, hat regelmäßige Beratungsstunden für Betroffene, spricht in Schulen und gibt öffentlichen Einrichtungen Tipps, was für Blinde wichtig ist. Zum Thema Barrierefreiheit sagt Ingrid Lischke: »Es wird viel gemacht, aber es ist bei Weitem noch nicht genug. Vor allem in Sachen Aufklärung wird viel zu wenig unternommen. Viele wissen ja gar nicht, mit welchen Problemen Blinde in der Stadt zu kämpfen haben.«

Ein Horror sind für Ingrid Lischke beispielsweise ungesicherte Baustellen oder Werbeschilder, die in Kopfhöhe hängen. »Das ist gefährlich und kann zu schlimmen Verletzungen führen.« Doch auch bei Blinden und Sehbehinderten zuhause sei es wichtig, dass Angehörige einiges beachten. »Ganz schlimm sind halboffene Türen. Entweder ganz zu oder auf«, betont Ingrid Lischke, die zuhause fast alles selbst machen kann, auch wenn sie von ihrem Mann Dieter natürlich unterstützt wird. »Er staubsaugt, putzt die Fenster, kocht. Ich spüle ab, mache die Wäsche. Den Haushalt teilen wir uns, aber das ist ja bei anderen Paaren auch nichts anderes, zumindest nicht, wenn beide arbeiten«, sagt Ingrid Lischke.

Ihre Kleidung erkennt die blinde Frau anhand des Materials. Sie ordnet Pullover, T-Shirts und Hosen gleich beim Zusammenlegen nach Farben. So weiß sie schnell, was sie zusammen tragen kann und was nicht. »Gut auszusehen, ist mir wichtig«, sagt Ingrid Lischke, die aus diesem Grund auch eine schicke, goldfarbene Brille trägt. »Ich möchte nicht, dass jeder sofort sieht, dass ich blind bin. Außerdem sind meine Augen so besser vor Staub geschützt.«

»Es gibt natürlich gute und schlechte Tage«

Auf die Frage, ob sie mit ihrem Schicksal hadert, sagt Ingrid Lischke: »Nein, aber es gibt natürlich gute und schlechte Tage. Manchmal wird mir sehr bewusst, dass ich auf andere angewiesen bin. Aber ich habe das mittlerweile akzeptiert.« Früher sei sie sehr zurückhaltend und schüchtern gewesen, »heute fordere ich meine Bedürfnisse besser ein«, sagt die Traunsteinerin, die gerne unter Menschen ist.

Beim Essengehen achtet sie besonders darauf, in Restaurants zu gehen, in denen man sie kennt. »Dann wissen die Leute, wo ich gerne sitze und auf was sie bei mir achten müssen«, sagt Ingrid Lischke. Denn Essen sei für blinde Menschen grundsätzlich ein schwieriges Thema. »Da gibt es schon die eine oder andere Leerfahrt«, sagt sie und lacht.

Wenn sie mit ihrem Mann beim Essen ist, dann sagt ihr Dieter, wo was auf dem Teller liegt – »auf sechs der Brokkoli, auf zwölf die Kartoffeln und auf drei das Fleisch«. So weiß Ingrid Lischke, was sie auf die Gabel oder den Löffel lädt.

Kochen kann Ingrid Lischke nicht, »weil ich mich da nie so reingehängt habe«, sagt sie und ergänzt. »Natürlich können Blinde das auch lernen. Aber ich war immer viel in der Kantine, als ich noch gearbeitet habe. Deshalb habe ich mir das nie angeeignet.« Denn fast alles, was Blinde lernen wollen, ist mit viel Arbeit und stundenlangem Üben verbunden. »Es gibt natürlich viele Hilfsmittel, die einem das Leben erleichtern«, sagt die Traunsteinerin.

Sie hat einen Wecker, der nicht nur läutet, sondern auch die Uhrzeit ansagt. Außerdem gebe es Geräte, die Farben von Kleidungen erkennen können – »so was habe ich nicht, ich mache das lieber über Fühlen, denn die Technik spinnt auch gerne mal« – oder Waagen, die erkennen, um welches Lebensmittel es sich handelt. Doch beim Kochen bleibt natürlich die Gefahr, die vom Herd ausgeht. Deshalb gehen die Lischkes gerne Essen. »Ich genieße es einfach, unter Menschen zu sein.«

Wenn Betroffene Fragen haben, können sie sich an Ingrid Lischke unter Telefon 0861/2429 wenden. Sie ist Blinden- und Sehbehindertenberaterin für die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land. Die Beratungen sind kostenlos. Klara Reiter