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Nächtliche Besucher kamen mit einer Pistole

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Ein Sondereinsatzkommando aus München rückte Anfang März in Grassau an, weil bei einem Überfall auf eine Familie geschossen worden war. Die beiden mutmaßlichen Täter, ein 18-Jähriger aus Staudach-Egerndach und ein 28-jähriger Grassauer, müssen sich seit gestern vor der Jugendkammer am Landgericht Traunstein verantworten. Neben dem Überfall liegen ihnen weitere Straftaten zur Last. Die Anklage umfasst schwere räuberische Erpressung, schweren Raub und Nötigung sowie gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen. Heute wird der Prozess fortgesetzt.


In der Nacht zum 3. März war ein 51-jähriger Grassauer in seiner Wohnung von drei Männern im Alter zwischen 16 und 28 Jahren herausgeklingelt worden. Das Ermittlungsverfahren gegen den 16 Jahre alten Schüler wurde schnell eingestellt. Er war selbst ein Opfer der Angeklagten.

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Die mutmaßlichen Täter, von denen einer eine übers Internet erworbene Schreckschusspistole dabei hatte, bedrohten den 51-Jährigen und forderten 350 Euro. Hintergrund waren angebliche Schulden des volljährigen Sohnes, der noch im Haus der Eltern wohnte. Der Vater weigerte sich, bekam daraufhin die Waffe an den Kopf gesetzt, konnte daraufhin in den ersten Stock flüchten, wurde aber verfolgt. Es kam zu einem Handgemenge zwischen dem bewaffneten 28-Jährigen und dem Familienvater. Der 18-Jährige kam dazu, legte den Arm um den Hals des 51-Jährigen und drückte zu. Daraufhin händigte der Vater 130 Euro in bar aus. Das war den Tätern nicht genug. Die zwischenzeitlich hinzugekommene Ehefrau musste weitere 120 Euro übergeben. Nach Durchsuchen des Zimmers des Sohns verließen die Männer die Wohnung und flüchteten.

Kurz vor dem Überfall hatten der 18- und der 28-Jährige den zunächst ebenfalls als Räuber tatverdächtigen 16-Jährigen heimgesucht. Der Schüler bestätigte, wie die Angeklagten in den frühen Morgenstunden bei ihm aufgekreuzt waren, ihn mit der Pistole bedroht und misshandelt hatten. Einer habe gefordert, ihm die Adresse des »Schuldners« zu sagen beziehungsweise sie dorthin zu führen. Die Pistole sei an seinen Kopf gerichtet und abgedrückt worden. Es habe nur »Klack gemacht«. Danach sei der 16-Jährige gezwungen worden, mitzugehen – erst zum Reifinger Weiher, wo er geschlagen wurde, und dann zum Haus der Familie. Dabei wurde die Waffe vier- bis fünfmal abgefeuert. Dies sei »seine letzte Chance, aus der Sache herauszukommen«, musste sich der 16-Jährige anhören. Gestern berichtete der Schüler, er habe große Angst gehabt und um sein Leben gefürchtet. Während des Überfalls gelang es dem Jugendlichen, zu fliehen.

Der 51-Jährige erstattete erst am Nachmittag des 3. März Anzeige. Am Abend ging auch der 16-jährige Zeuge zur Polizei, »weil ich die psychische Belastung nicht mehr aushielt«. Eine Woche lang hatte er noch seelisch unter den Folgen zu leiden. Inzwischen habe er alles einigermaßen verkraftet. Der jüngere Angeklagte bat den Jugendlichen gestern um Verzeihung und meinte: »Du brauchst keine Angst mehr vor mir zu haben.« Der 28-Jährige entschuldigte sich auch, berief sich aber gleichzeitig auf große »Erinnerungslücken«: »Ich hoffe, dass du irgendwann vergessen kannst, was wir gemacht haben.«

Die bei dem Überfall verwendete Schusswaffe sowie das geraubte Geld konnten SEK-Kräfte bei der Festnahme der Angeklagten am 3. März sicherstellen. Später stellten Fachleute fest, dass es sich um eine, einer echten Waffe täuschend ähnliche, Gaspistole handelte.

Vor Gericht führten die beiden Angeklagten an, bei den Taten betrunken gewesen zu sein und Drogen genommen zu haben. Die Verteidiger hatten volle Geständnisse angekündigt. Gestern schränkten die Angeklagten jedoch vieles ein. Den 18-Jährigen verteidigt Miguel Moritz aus Traunstein, den 28-Jährigen Verena Huber aus Altötting. Der ältere Angeklagte stand einzig zu zwei Drogendelikten, die ihm Staatsanwältin Ulrike Stehberger zusätzlich vorwirft. Der 28-Jährige soll in seiner Wohnung mindestens fünf »Kifferrunden« mit Minderjährigen veranstaltet und zweimal einer Jugendlichen Marihuana gegeben haben. kd