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Nach Vorwürfen gegen Ex-Leiter des Studienseminars: Er vereinte »Licht und Schatten«

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Der frühere Erziehungsstil im Erzbischöflichen Studienseminar St. Michael ist in die Kritik geraten. (Foto: Pültz)

Traunstein – Eine Diskussion schlägt hohe Wellen: Die Geister scheiden sich am Erziehungsstil, der in der Vergangenheit im Erzbischöflichen Studienseminar St. Michael in Traunstein vorherrschte. In der Kritik steht Engelbert Siebler (1937-2018), der das Bubeninternat von 1976 bis 1985 leitete.

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Aus dem Kreis der früheren Seminaristen verlautet einiges über den damaligen Direktor – jeder hat seine eigenen Erfahrungen gesammelt. Einer von ihnen, Karl Schulz, fasst seine Eindrücke von damals im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt wie folgt zusammen: Siebler habe »Licht und Schatten« vereint, er sei eine »sehr strenge Person gewesen, vor der man Respekt hatte«.

Nach seiner Weihe 1963 war Siebler zunächst drei Jahre als Seelsorger tätig. Von 1966 bis 1971 war er Präfekt am Erzbischöflichen Studienseminar St. Michael in Traunstein, von 1971 bis 1976 war er dann Religionslehrer an Gymnasien in Traunstein, Traunreut und Bad Reichenhall. Von 1976 bis 1985 war er Direktor des Studienseminars in Traunstein. 1985 berief ihn Friedrich Kardinal Wetter zum Ordinariatsrat und Leiter des Schulreferates I des Erzbischöflichen Ordinariats München. Papst Johannes Paul II. ernannte Siebler 1986 zum Titularbischof von Tele und zum Weihbischof in München und Freising.

Einer der früheren Seminaristen, der aus seiner Zeit in dem Internat erzählt und auch seinen Namen nennt, ist Karl Schulz. Von September 1977 bis Juli 1985 war er im Studienseminar gewesen. Wenn Schulz – er ist schon seit vielen Jahr Stadtrat in Traunstein – an seine Zeit im Internat zurückdenkt, dann ist er vor allem von Dankbarkeit erfüllt: »Ich weiß, was ich dem Studienseminar zu verdanken habe«, sagt er.

Als schmächtiger, kleiner, unsicherer Bub sei er einst in die Einrichtung gekommen. Und dort habe er dann Sicherheit im Auftritt bekommen und vor allem auch Selbstdisziplin gelernt – Eigenschaften, die ihm, wie er meint, das heutige Leben erleichtern. Ohne das Seminar hätte er wohl kaum die ersten Jahre am Gymnasium überstanden. Doch mit der Unterstützung, die er im Internat erfuhr, schaffte er diese schwierige Zeit.

Alltag im Studienseminar war sehr strukturiert«

»Ohne das Seminar wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin«, betont Schulz. Er stellt jedoch nicht in Abrede, dass natürlich jeder das Internat auf seine persönliche Art und Weise kennengelernt hat – und dass jeder heute einen eigenen, individuellen Rückblick erstellt. Und so nimmt Schulz auch an, dass sich seine Schilderung von jenen, die andere geben, sicherlich unterscheidet.

Der Alltag sei, wie Schulz auf seine Internatsjahre zurückblickt, »sehr strukturiert« gewesen. Nach dem Unterricht im Chiemgau-Gymnasium habe sich der größte Teil seines Tages dann im Studienseminar abgespielt. Nach dem Mittagessen sei eine Nachmittagsfreizeit auf dem Programm gestanden. So habe er Fußball spielen oder auch zum Schwimmen gehen können. Der Sport habe ihm »gut getan«. Von 15.30 bis 18 Uhr habe er sich dann ins Studium begeben und die Hausaufgaben erledigt. »Um 18 Uhr gab's das Abendessen, um 19.30 Uhr begann die Abendbeschäftigung.«

So frei wie die Klassenkameraden, die zuhause in ihren Familien lebten, waren die Seminaristen nicht. Und wenn Schulz diesen Vergleich zieht, dann macht er kein Hehl daraus, dass – vor allem mit zunehmenden Alter – manche Begehrlichkeiten gewachsen seien. So habe er eben nicht am Nachmittag »einfach mal zum Eisessen in die Stadt gehen können«. Wer Ausgang bekommen wollte, musste laut Schulz eine Anfrage stellen – und dann hoffen, dass er ein »Ja« kommt.

Mit Engelbert Siebler hatte Schulz nach eigenem Bekunden nicht viel zu tun. Der direkte Umgang sei »überschaubar« gewesen. Wenn er den damaligen Direktor beschreibt, dann sagt Schulz, dass »Licht und Schatten« beieinander gewesen seien. Siebler sei eine »sehr, sehr strenge Person« gewesen, die Respekt eingeflößt habe – und die »sich seiner Macht bewusst war«.

Siebler habe versucht, Einfluss zu nehmen, so Schulz. Und der frühere Seminarist nennt ein Beispiel: Als er sich für eine dritte Fremdsprache habe entscheiden müssen, habe ihm Siebler unmissverständlich zu verstehen gegeben, nicht Französisch, sondern Altgriechisch zu wählen.

»Schwieriger Charakter«

Schulz bezeichnet Siebler als einen »schwierigen Charakter«. Doch auch wenn der Direktor nicht leicht zu nehmen gewesen sei, habe er – wie Schulz seine eigenen Erfahrungen und seine Beobachtungen zusammenfasst – keine Gewalt angewandt. Und so habe er, Schulz, etwa auch nicht gesehen, dass Siebler einem anderen eine Ohrfeige gab. Weder gesehen noch vorstellen kann sich Schulz, dass Siebler sich des »sexuellen Missbrauchs« schuldig gemacht habe. »Ich habe nie etwas Grenzwertiges erlebt.« Hatte Schulz nach eigenem Bekunden keine Probleme mit dem Direktor, konnte er jedoch wahrnehmen, dass »es auch Ärger gab« – und dass Schüler mit ihm nicht zurechtkamen.

Laufen mittlerweile in der Öffentlichkeit Diskussionen über den Erziehungsstil, der in den 70er und 80er Jahren im Studienseminar vorherrschte, so sind bislang, wie der heutige Direktor Wolfgang Dinglreiter auf Anfrage mitteilte, noch keine Vorwürfe oder gar Klagen bis ins Internat vorgedrungen. Er signalisiert Gesprächsbereitschaft: »Es ist mir wichtig, dass wir uns auch dunklen Kapiteln in der Geschichte unseres Hauses stellen. Wir wollen versuchen, denjenigen, die ihre Lebensphase im Studienseminar St. Michael als bedrückende und belastende Zeit erlebt und erlitten haben, gerecht zu werden.«

Pläne für ein Gesprächsforum

Dinglreiter habe wahrgenommen, dass es Betroffenen wichtig sei, gehört zu werden – und zwar »mit allem, was sie an Unrecht erlebt haben«. Ihre Schilderungen müssten ebenso wie Berichte anderer, die positive Erfahrungen gemacht haben, als ihre authentischen Geschichten, ihr persönliches Erleben der Zeit im Seminar wahrgenommen und angenommen werden. »Den dafür notwendigen Raum wollen wir schaffen. Wir werden ein Konzept für ein Gesprächsforum erarbeiten.« Geplant sei, dass dieses Forum »von einer Haltung des Zuhörens, der Empathie und der Aufklärung getragen« ist sowie »einer offenen, ehrlichen und differenzierten Aufarbeitung der Vergangenheit« dient.

Und Dinglreiter weiter: »Anhand der Ergebnisse soll überprüft werden, welche weiteren Schritte der Aufarbeitung sinnvoll und nötig sind.« Vorwürfe, die den Bereich des sexuellen Missbrauchs betreffen, werden laut dem Direktor auch künftig durch die zuständigen Missbrauchsbeauftragten bearbeitet werden. »Soweit Straftaten im Raum stehen, ist die uneingeschränkte Kooperation mit der Staatsanwaltschaft bei Ermittlungen selbstverständlich.«

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