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Nach Millionenbetrug: Trostberger muss hinter Gitter

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Traunstein – Der Millionenbetrug durch erhöhte Speditionskosten bei Schwertransporten der Linde AG brachte dem 55-jährigen Haupttäter aus Trostberg gestern vom Landgericht Traunstein eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten ein. Zu 22 Monaten Strafe mit dreijähriger Bewährungszeit verurteilte die Zweite Strafkammer dessen früheren Mitarbeiter, einen 47-jährigen Speditionskaufmann aus Rosenheim.


Aus der Kaution des 55-Jährigen – dafür blieb er von Untersuchungshaft verschont – kann das Weltunternehmen mit 40 000 Euro Schadenswiedergutmachung an dem Gesamtschaden von knapp 1,268 Millionen Euro rechnen. Der 47-Jährige wird aus seiner Kaution von 200 000 Euro genau 151 257,09 Euro überweisen – Schadensersatz für die 20 Einzelfälle, an denen er seine Beteiligung gestern doch noch einräumte. Bis dahin hatte er alles abgestritten.

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Vorsitzender Richter Erich Fuchs umriss gestern die kriminelle Betrugspraxis. Zwischen dem 55-Jährigen und der Linde AG hätten langjährige Geschäftsbeziehungen bestanden. Diese seien 2003 fortgesetzt worden mit der damals neugegründeten – und im Juli 2012 in Konkurs gegangenen – GmbH des Trostbergers. Aufgabe des Unternehmens war es, Speditionen für Schwertransporte als Subunternehmer zu vermitteln. Die Linde AG wählte den günstigsten Bieter aus. Die Firma des 55-Jährigen beauftragte die Speditionen, überwachte die Schwertransporte und bekam für alles eine Provision.

Ein Teil der Vorfälle war bereits verjährt

Der Hauptangeklagte gab jedoch nicht die Originalpreise der Speditionen weiter, sondern manipulierte die Beträge nach oben mithilfe eines Scanners. Die Linde AG bezahlte somit überhöhte Speditionsrechnungen und auch zu viel Provision. Wie der Vorsitzende Richter betonte, war strafrechtlich nur der nicht verjährte Teil ab August 2008 relevant mit 144 Einzelfällen und Schadenssummen zwischen einigen Hundert und über 41 000 Euro.

Entdeckt wurden die Manipulationen durch Mitarbeiter des Weltunternehmens. Zunächst fielen laut Fuchs »Ungereimtheiten« bei den Transportnebenkosten auf, dann die betrügerischen Manipulationen bei den Speditionskosten. Der 55-Jährige habe von Anfang an alles gestanden. Die genannte Schadenshöhe decke sich mit dem Ermittlungsergebnis der Kripo und den Unterlagen der Linde AG. Der Vorsitzende Richter hob heraus: »Der Betrug ging offensichtlich so lange Zeit gut, weil zu Mitarbeitern der Linde AG vertrauensvolle Verbindungen bestanden. Es gab keinen Anlass zu Misstrauen.«

Zunächst fraglich war die Rolle des 47-Jährigen bei den Betrügereien, fuhr der Vorsitzende Richter fort. Der Mitangeklagte sei schon in einer früheren Firma des 55-Jährigen involviert und in alle Geschäftsvorgänge eingeweiht gewesen. Aus den Unterlagen sei zu ersehen, dass auch der 47-Jährige Angebote eingeholt und weitergeleitet habe: »Es ist lebensfremd zu glauben, dass er gar nichts wusste. Ein derartiges Vorgehen erfordert gewisse Vereinbarungen, etwa bei Rückrufen.«

Letztlich habe der 47-Jährige 20 Fälle eingeräumt. Nicht beweisbar seien gemeinschaftliches Handeln und ein eigener Tatbeitrag. Nach den polizeilichen Unterlagen habe sich der 47-Jährige selbst nicht bereichert – »abgesehen von einer guten Stellung im Arbeitsleben«.

Geständnisse wirkten sich strafmildernd aus

Positiv wirkte sich das Geständnis des 55-Jährigen bei der Strafzumessung aus. Dazu Erich Fuchs: »Es hat einen sehr hohen Stellenwert.« Durch die im Grundmuster immer gleiche Handlung sei im Laufe der Jahre Gewöhnung eingetreten. Strafschärfend werte das Gericht die hohe Schadenssumme, die Vielzahl der Fälle, den erheblichen Vertrauensmissbrauch. Der Angeklagte habe seiner eigenen Firma viel Geld entzogen durch sein hohes Geschäftsführergehalt von zuletzt 8000 Euro. Er habe eine weitere Firma gehabt als »Konstrukt zum Umverteilen in sein Privatvermögen«.

Bei dem 47-Jährigen sei das Teilgeständnis »spät, aber noch rechtzeitig gekommen«, ergänzte Erich Fuchs. Damit spielte der Kammervorsitzende auf die erst gestern erzielte Einigung auf eine Freiheitsstrafe mit Bewährung im Gegenzug für ein Geständnis und Schadenswiedergutmachung an. Der Verteidiger hatte erklärt, der 47-Jährige habe ab etwa Mai 2011 von den Machenschaften des Chefs gewusst und Angebote verändert. Vorteile habe er nicht daraus gezogen, nur den 55-Jährigen unterstützt. Das Gericht folgte dem Antrag von Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel, die restlichen Vorwürfe einzustellen.

Der Anklagevertreter plädierte auf eine Haftstrafe von fünf Jahren und drei Monaten für den 55-Jährigen. Die Betrügereien seien nicht sehr schwierig gewesen: »Bei einem Schwertransport mit Kosten von 500 Millionen Euro fallen um 20 000 Euro höhere Nebenkosten nicht auf.« Der Verteidiger, Dr. Markus Frank aus Rosenheim, hielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit Bewährung und eventuell einer Geldauflage für ausreichend – vor allem wegen des frühen und umfassenden Geständnisses.

Für den 47-Jährigen forderte der Staatsanwalt zwei Jahre mit Bewährung. Der Verteidiger, Michael Vogel aus Traunstein, wollte ebenfalls eine Bewährungsstrafe, aber vier Monate weniger als der Ankläger. kd

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