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»Multitasking gibt es nicht«

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Der 40-jährige Fahrdienstleiter und seine Verteidigerin Ulrike Thole vor Beginn des fünften Prozesstags am Donnerstag. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Der 40-jährige Fahrdienstleiter, durch dessen wohl fehlerhaftes Verhalten am 9. Februar 2016 zwölf Menschen auf der eingleisigen Mangfallstrecke zwischen Rosenheim und Holzkirchen bei Bad Aibling bei der Kollision zweier Regionalzüge starben, war an dem Unglücksmorgen durch ein Computer-Spiel auf dem kleinen Bildschirm seines privaten Smartphones abgelenkt.


Das war ein Ergebnis der am fünften Prozesstag vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein. Weiter hieß es, das häufige und zunehmende Spielen im Dienst führte zur Beeinträchtigung der dienstlichen Funktionsfähigkeit und Störungen in den »Gedächtnisspuren«. Und: Das Spiel »Dungeon Hunter V« hat aufgrund seines Belohnungssystems durchaus Suchtcharakter – auch, wenn ein Sachverständiger dem Angeklagten ausdrücklich »keine Spielsucht« im strafrechtlichen Sinn attestierte.

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In Zugpausen regelmäßig Computerspiel gedaddelt

Der Fahrdienstleiter hatte sich das Smartphone im Sommer 2015 zugelegt. Nach dem Unglück räumte er ein, in Zugpausen darauf Computer-Spiele gespielt zu haben. Wenn ein Zug gefahren sei, habe er sich jedoch voll darauf konzentriert, beteuerte er in ersten Vernehmungen. In dem Prozess äußerte er sich gar nicht zum Thema »Spielen«.

Die Spielgewohnheiten nahm gestern Dr. Alexander Brunnauer, Neuropsychologe am Bezirksklinikum in Gabersee, unter die Lupe. Zwischen dem 1. Januar 2016 und dem 8. Februar 2016 habe der Angeklagte an 17 Tagen während der Arbeit im Stellwerk Bad Aibling auf dem Smartphone gespielt. Die Spieldauer habe stetig zugenommen, ebenso die Länge der jeweiligen Sessions. Insgesamt habe der 40-Jährige in diesen 17 Tagen 435 Spielesitzungen aktiviert.

Der Neuropsychologe legte den Zeitstrahl der beruflichen Handlungen über die Aktionen des letzten Spiels vor der Katastrophe, das sehr lange dauerte – eine Stunde, 43 Minuten und sechs Sekunden lang. Dr. Brunnauer dazu: »Es könnte theoretisch ein Effekt sein, beruflich nicht mehr genau hinzuschauen und dann Fehler zu machen.« Warum der 40-Jährige den ersten Fehler beim Stellen der Fahrstraßen korrigiert habe und den zweiten nicht – darauf wisse er »keine schlüssige Antwort«.

»Ein Denkfehler setzt sich fort«

Vorsitzender Richter Erich Fuchs meinte: »Ein Denkfehler setzt sich fort – kann das die Folge der Konzentration auf das Spiel gewesen sein?« Das bejahte der Sachverständige, ebenso wie den Umstand, ob es während und nach Spielehandlungen zu Beeinträchtigungen kommen könne. Ganz klar konstatierte Dr. Brunnauer in seinem Gutachten: »Multitasking gibt es nicht. Die Informationsverarbeitungskapazität des Gehirns ist begrenzt.« Sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren sei nicht möglich – so der Sachverständige sinngemäß.

Die Aktivitäten des Angeklagten in der virtuellen Welt des Computer-Spiels »Dungeon Hunter V« im entscheidenden Zeitraum, also unmittelbar vor der Kollision der Züge, stellte Dennis Pielken, Sachverständiger für IT-Forensik aus München, dar, anhand der Protokolldateien von Handy und Server. Der 40-Jährige war erstmals an dem Morgen ab 3 Uhr 41 Minuten und 6 Sekunden für sieben Minuten in Kontakt mit dem Server in Kanada, dann für drei Minuten ab 5 Uhr und schließlich extrem lang zwischen 5:11.23 Uhr und 6:45.49 Uhr. Sieben Einzelspiele absolvierte er in dieser Zeitspanne. Um exakt 6.47 Uhr prallten die Regionalzüge auf der eingleisigen Strecke ineinander.

Die letzte Spielaktion auf seinem Smartphone führte der Angeklagte nach Worten Pielkens um 6:40.47 Uhr durch. Bis zum aktiven Beenden des 40-Jährigen vergingen fünf Minuten. Was in dieser Zeit geschah, sei nicht zu klären gewesen, unterstrich der Gutachter.

Fünf Minuten vor dem Unglück wirklich gespielt?

Entweder habe der Spieler keine Aktionen vorgenommen oder zumindest keine Aktionen mehr, die eine Veränderung des Spielstands zur Folge hatten. Ein Absturz des Computers sei ebenso auszuschließen wie eine abgebrochene Netzverbindung. Vorsitzender Richter Erich Fuchs fragte: »Wir wissen nicht, ob in diesen fünf Minuten noch gespielt wurde?« Das sei korrekt, erwiderte Pielken. Ein richtiger Chat mit anderen Spielern im Hauptmenü kam an dem Morgen nicht zustande. Die Auswertung der Dateien zeigte ein einziges »Chatereignis« um 6:34.49 Uhr. Ob es eine eingehende Nachricht oder eine Nachricht des Angeklagten war, ließ sich nicht klären, ebensowenig der Sender oder Empfänger.

Die Plädoyers sollen heute ab 9 Uhr gehalten werden. kd