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Müll soll schnellstmöglich raus aus der Hirschauer Bucht

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Einer kanadischen Wildnis gleicht derzeit das Delta am Rande der Tiroler Achen, das gestern von Mitgliedern des Kreisumweltausschusses besichtigt wurde. (Foto: Kretzmer)

Grabenstätt. Das von dem Hochwasser im Juni in die Hirschauer Bucht geschwemmte Treibgut der Tiroler Achen – Müll und wesentliche Teile des Holzes – sollen schnellstmöglich entfernt werden. Dabei ist der Freistaat Bayern, konkret das Finanzministerium, als Seeeigentümer gefordert. Zu diesem Ergebnis gelangte der Kreisumweltausschuss gestern einhellig zum Abschluss seiner Besichtigungstour im »Naturschutzgebiet Tiroler Achen«.


Suche nach Ursachen wird forciert

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Das Bayerische Umweltministerium soll die Räumaktion fachlich begleiten. Landrat Hermann Steinmaßl verpflichtete sich, umgehend an die zuständigen Stellen zu schreiben. Ein weiterer Aspekt soll sein, die Ursachen massiver Hochwasser, wie zum Beispiel fehlende Retentionsräume flussaufwärts, anzugehen.

Steinmaßl kündigte zudem eine »Hochwasserkonferenz« mit Workshops am 8. November im Chiemgau-Gymnasium in Traunstein an. Daran würden Vertreter des – gestern von Dirk Reichenau vermissten – Wasserwirtschaftsamts Traunstein ebenso teilnehmen wie Fachleute von Ministerien, dazu »Oberlaufverantwortliche« aus Tirol und Salzburg. Steinmaßl trat für »eine klare Flussaufwärtsstrategie«, beginnend am Achendelta, ein, um verschiedene Probleme am Chiemsee zu lösen. Das Thema gehöre auch laut dem Landrat auf die Tagesordnung der nächsten »Chiemsee-Konferenz«.

Für den gestrigen Besuch in der Kernzone des Naturschutzgebiets bis zum Rand des weitläufigen Flussdeltas, einem Schutzgebiet höchster Wertigkeit im europäischen Raum, benötigte der Kreisumweltausschuss eine Ausnahmegenehmigung der Regierung von Oberbayern.

Hannes Krauss, »Gebietsleiter Chiemsee« für die Landkreise Traunstein und Rosenheim informierte, dass die Tiroler Achen vor 200 Jahren bei dem Weiler Lachsgang in Übersee in den Chiemsee mündete. Um den Fluss, ein hochalpines Gewässer und Wildwasser, in seinen neuen Lauf zu zwingen, sei 1860 der heutige Damm bis zum Delta gebaut worden. 1956 wurde das Delta nach Krauss Naturschutzgebiet – übrigens gemäß dem bis 1976 geltenden Reichsnaturschutzgesetz.

An das Juni-Hochwasser erinnerte Grabenstätts Bürgermeister Georg Schützinger: »Nördlich von Staudach ist der Damm gebrochen. Die Ache floss um den Osterbuchberg herum bis in das Bergener Moos, ehe sie sich an der Eisenbahnüberführung an der Staatsstraße 2096 wieder den Weg Richtung See bahnte.«

Kreisrat Sebastian Röckenwagner präsentierte einen interessanten Vorschlag: Den jetzigen östlichen Damm weiter nach Osten zu verlegen, um den staatlichen Auwald als Überschwemmungsraum und zur Ablagerung von Treibgut zu nutzen. Röckenwagner hatte noch eine Idee: Für den Besuch des Naturschutzgebiets »Eintritt zu verlangen«. Das hielt Hannes Krauss für überlegenswert vor dem Hintergrund, um nach dem USA-Vorbild Schutzgebiete aufzuwerten. Dort würden solche Schutzbereiche »inszeniert«. Die Kernzonen-Beschilderung am Chiemsee mit strengen Verboten und am Achendamm sogar zusätzlich mit Stacheldraht sei »nicht wertig«. Anzudenken seien eventuell mehr Zugangsflächen und ein neuer Fußgängersteg über die Tiroler Achen.

»Nicht alles abzusperren vor der Bevölkerung«, begrüßte Josef Konhäuser. Durch behutsames Öffnen werde der Schutzgedanke möglicherweise besser akzeptiert. Irmgard Siglreithmayer regte einen Aussichtsturm an geeigneter Stelle an. Dass die jetzige Kernzone »tabu« bleiben müsse für Besucher, darüber waren sich jedoch alle Ausschussmitglieder einig.

»Eine Wildnis wie in Kanada, eine naturgegebene Besucherlenkung«, so Krauss, fand das Gremium am Ende des Dammes vor. Die Trübung des Wassers rühre von der Gesteinsart Grauwacke in Tirol her. Sie bilde den größten Teil der mitgeführten Stoffe. Der Kiesanteil sei deutlich weniger. Im Deltagebiet halten sich nach Auskunft des Gebietsleiters temporär seltene Vogelarten auf, etwa der Seeadler: »Ein Paar unternahm vor einigen Jahren Brutversuche – leider nicht erfolgreich.« Kormorane hätten ein Problem mit Seeadlern, nähmen ihnen letztere doch die Reviere weg. Fotos zeigte Krauss auch von Pirol und Schellente, die in Baumhöhlen im Delta brüten.

Interessengemeinschaft will Seitenarm öffnen

Großen Diskussionsraum nahm die Zukunft der Hirschauer Bucht ein. Das Gremium ließ mit Albert Multerer den Vertreter einer Interessengemeinschaft zu Wort kommen, die fordert, einen 1970 zugeschütteten Seitenarm der Tiroler Achen am Damm wieder zu öffnen, dadurch mehr Hochwasserschutz für alle Flussanlieger zu gewinnen. In der Hirschauer Bucht könne zur touristischen Nutzung ein Info-Pavillon entstehen, dazu ein Steg bis zum Damm.

Auch diese Ideen gefielen Gebietsleiter Krauss: »Wenn man über solche Konzepte nachdenkt, muss man groß denken.« Man könne den neuen Flussarm per Computersimulation darstellen und überprüfen. Am Aussichtsturm erläuterte Krauss, der Chiemsee verliere durch das täglich wachsende Delta jährlich 7000 bis 10 000 Quadratmeter Fläche. kd