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Mordverdächtiger war schon im Heim auffällig und aggressiv

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Der Angeklagte wurde von zwei Polizeibeamten in Fußfesseln, mit Bauchgurt und Handfesseln vorgeführt. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Schon im Kinderheim war er auffällig und aggressiv. Das berichtete ein 50-jähriger Kinderheimleiter am Freitag als Zeuge vor dem Schwurgericht Traunstein. Dort muss sich ein 21-jähriger ehemaliger Soldat verantworten, der am 14. Juli 2014 einen 72-Jährigen getötet und eine 17-Jährige schwerst verletzt haben soll.


Der Bub war mit sechs Jahren zusammen mit seiner jüngeren Schwester wegen Gewalttätigkeit des Vaters in das Kinderheim »Haus Schmiedel« in Simmern/Hunsrück eingewiesen worden. Dort lebte er elf Jahre lang. Der Vater soll die Mutter geschlagen und sie vor den Augen der Kinder vergewaltigt haben. Das Verhältnis des Buben zu Frauen war nach Worten des Heimleiters »von Anfang an gestört«: »Vor allem Praktikantinnen bekamen das zu spüren«, sagte der Kinderheimleiter.

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Erstmals in dem Prozess überzog eine leichte Röte das Gesicht des weiterhin schweigenden Angeklagten, als er seinem Ex-Erzieher zuhörte. Nach der Schulzeit mit zumeist guten Leistungen bis zur Mittleren Reife kam der Jugendliche in einer Berufsfachschule im Fach Informatik an seine Grenzen. Nach 21 Fehltagen flog er von der Schule.


Ab dem Jahr 2010 registrierte das Heim massive Veränderungen bei dem Jugendlichen. Im November musste der 16-Jährige seine Wohngruppe verlassen. Der Grund: Er hatte die Chefrolle übernommen und schlug seine Mitschüler. In seiner neuen Gruppe häuften sich Verbalattacken gegen Heimmitarbeiterinnen wie »Halt's Maul, du hast mir nichts zu sagen«, »blöde Kuh«, »ich zieh dir eine ab« oder »alte Fotze«.


2009 stieg er in ein Wohnhaus – dort verwüstete er alles mit Ketchup – und in eine Leichenhalle ein. Polizeibekannt wurden 2011 der Diebstahl einer Geldbörse, Ladendiebstahl und Sachbeschädigungen. Der Heimleiter informierte weiter über einen Angriff gegen ein Mädchen in dessen Bett, aber ohne sexuellen Übergriff. Eine gravierende Sache ereignete sich Anfang 2012. Mehrere Jugendliche lockten einen Buben in einen Hinterhalt in einem Parkhaus. Während die anderen von dem Opfer abließen, trat der Angeklagte weiter zu. Erst als ein Erwachsener eingriff, hörte er auf. »Sonst hätte er den Jungen totgetreten«, betonte der Zeuge.


Alkohol konsumierte der Angeklagte in der Heimzeit nicht oft. Nach einer Flasche Wodka musste er einmal mit Alkoholvergiftung in eine Kinderklinik. Eine Ärztin und eine Schwester hatten hinterher jeweils ein blaues Auge. Drogen waren in der Regel kein Problem. Eine Verhaltenstherapie lehnte der Jugendliche nach Auskunft des Heimleiters strikt ab. So etwas brauche er nicht. Der 50-Jährige wörtlich: »Er hielt sich für den Besten. Der Rest der Menschheit war für ihn nur Fußvolk.« Letztmals sprach der Zeuge mit dem jungen Mann im Mai 2012 – beim Auszug aus dem Heim: »Unser Gespräch verlief nett und freundlich.« Einmal noch, in der anschließenden Zeit als Kickboxer, habe ihm der Angeklagte geschrieben. Er lebe jetzt »in einer Traumwelt, überhaupt nicht mehr in der Realität«, gab der Heimleiter wieder. - kd

Mehr vom Prozesstag lesen Sie am Samstag, 25. April, in den Ausgaben von Traunsteiner Tagblatt und Berchtesgadener Anzeiger.