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Mordprozess in Traunstein: Zeugen wollten bewaffneten Angreifer aufhalten

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Der wegen Mordes angeklagte Hamidullah M. im Landgericht Traunstein. Foto: Matthias Balk/dpa

Traunstein – Nach der Bluttat, bei der ein 30-jähriger Muslim eine 38-jährige afghanische Mutter mit einem Schlachtermesser vor einem Priener Supermarkt erstochen hatte, läuft seit letzten Dienstag der Prozess gegen den jungen Mann. Heute war der zweite Verhandlungstag.

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Update, Montagnachmittag:

Justizbeamte brachten den Angeklagten heute in Hand- und Fußfesseln in den Gerichtssaal. Rund ein Dutzend Zeugen wurden anschließend vor dem Schwurgericht unter Vorsitzendem Richter Erich Fuchs angehört.

Zeugenaussagen

Einen vielschichtigen Eindruck machte der Angeklagte auf die geladenen Zeugen. Während er von einer seiner Betreuerinnen als uneinsichtiges Kind, das immer seinen Kopf durchsetzen wollte, beschrieben wurde, gab die andere Zeugin an, dass es in den Gesprächen nie um Glaubensfragen ging. Dabei wird der Angeklagte durchgängig als religiöser Mensch beschrieben. Unumgänglich, aggressiv und unfreundlich wurde der Angeklagte, nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde, berichtet eine Sozialpädagogin.

Auch seine Arbeitsmoral hat sich anscheinend verschlechtert: Zwei seiner Kollegen vom Bauhof Prien, dort hatte der 30-Jährige zuvor gearbeitet, beschrieben ihn in den letzten Wochen bei seiner Arbeit als zunehmend aggressiv gegenüber Mitbewohnern und Kollegen.

Zeugen haben eingegriffen

Ein Polizeibeamter, der am Tattag, den 29. April 2017, privat beim Einkaufen war, beschreibt seine Erlebnisse. Er wurde durch die Situation auf dem Parkplatz aufmerksam. Ein anderer Zeuge beschreibt, wie er in der Nähe des blutenden Opfers stand, die Kinder standen direkt neben ihrer bereits am Boden liegenden Mutter. Der Angeklagte soll, so Zeugenaussagen und Anklage übereinstimmend, der Frau bereits aufgelauert haben. Als diese auf den Parkplatz des Supermarktes kam, soll er zugestochen haben. Die Anwesenden beschrieben den Angreifer bei seiner Tat als hasserfüllt, ohne Regungen.

Den anwesenden Passanten wurde die Situation schnell bewusst: Mit einem Bauzaun versuchten zwei Zeugen, den Mann daran zu hindern, weiter auf die Frau loszugehen. Schließlich sei der Täter dann doch wieder zum Opfer vorgedrungen und habe weiter auf die Frau eingestochen, so einer der beiden.

Der Polizist versetzte dem Angreifer einen Faustschlag. Als dieser daraufhin das Messer fallen ließ, stellte sich ein Zeuge sofort mit dem Fuß auf die Tatwaffe und zog diese vom Tatort weg. Zusammen konnten mehrere Passanten, darunter der Beamte, den Mann schließlich überwältigen. Wenig später traf die Polizei ein. Die 38-jährige Mutter erlitt 16 Stiche und Schnittverletzungen und starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Die zwei verbleibenden Verhandlungstermine sind für den 5. und 9. Februar, jeweils 9 Uhr, angesetzt.

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Der wegen Mordes angeklagte Hamidullah M. (r.) im Landgericht Traunstein mit seinem Rechtsanwalt Harald Baumgärtl (l). Foto: Matthias Balk/dpa

Vorbericht:

Am heutigen Montag will das Gericht unter anderem weitere Zeugen anhören, darunter zwei frühere Mitbewohner und die Betreuer des Angeklagten. Der 30-Jährige soll diesen gegenüber bereits Wochen vor der Tat mögliche Andeutungen gemacht haben.

Der Asylantrag des Mannes ist bereits 2016 abgelehnt worden. Seit der Festnahme im April letzten Jahres ist er fest in einer Psychiatrie untergebracht. Insgesamt wurden vier Verhandlungstage für den Fall angesetzt.

Vorbericht vom ersten Verhandlungstag:

Vor dem Schwurgericht beteuert der Angeklagte, sich an die Tat im vergangenen April nicht erinnern zu können. Im Gespräch mit dem Sachverständigen hatte er vor dem Prozess den tödlichen Angriff zugegeben und gesagt, sich danach "leichter" und "glücklicher" gefühlt zu haben. Die Frau habe ihn seit 2013 mehrfach aufgefordert, zum Christentum überzutreten, weil er dann in Deutschland bleiben könne. Das habe ihn schwer belastet und "seinen Kopf kaputt gemacht", hatte der Angeklagte dem Gutachter gesagt. Er habe deswegen bei der Arbeit weinen müssen, Alpträume bekommen und vier Jahre lang die Stimme der Frau im Kopf gehabt. Er habe sie gebeten, ihn in Ruhe zu lassen, weil er Muslim bleiben wollte. Schon 2013 habe er vorgehabt, sie zu töten.

Selbstmord-Gedanken verwarf der Mann, weil das mit seinem Glauben nicht vereinbar gewesen wäre, trug der Gutachter die Aussagen des Mannes weiter vor. Im April 2017 sah er die Frau in einem Supermarkt, holte aus seiner Wohnung ein Messer, kehrte zurück und stach die 38-Jährige vor den Augen ihrer damals fünf und elf Jahre alten Söhne nieder. Dem Gutachter sagte er, eine Sünde begangen zu haben und dafür bestraft werden zu müssen. Er wäre auch damit einverstanden, wenn man ihn töten würde. Lieber wären ihm jedoch zehn oder 20 Jahre Haft.

Der Vortrag des Gutachters sei richtig, bestätigte der 30-Jährige vor Gericht. Auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters Erich Fuchs und einer der beiden Nebenklage-Anwältinnen gab er jedoch an, sich an die Tat nicht erinnern zu können. "Vielleicht ist es so passiert, aber es ist mir nicht bewusst", ließ er den Dolmetscher übersetzen. Später ergänzte er, würde er jemanden umbringen wollen, dann würde er das doch nicht in der Öffentlichkeit machen. 

Auf die Frage des Richters, weshalb er als praktizierender Muslim Alkohol trinke, sagte der Angeklagte, der keine Schul- und Berufsausbildung hat und Analphabet ist, er sei auch ein Mensch und Menschen könnten verbotene Dinge tun. "Gott wird entscheiden, ob er mir vergibt." Der Angeklagte kam 2013 nach Deutschland. Kurz vor der Tat war sein Asylantrag abgelehnt worden.

Die brutale Attacke vor dem Supermarkt in Prien am Chiemsee hatten etliche Zeugen beobachtet. Passanten versuchten den Angreifer noch aufzuhalten, unter anderem mit einem Bauzaun und einem Einkaufswagen. Ein zufällig anwesender Polizist versetzte dem Mann einen Faustschlag und überwältigte ihn. Die Frau erlitt 16 Stiche und Schnittverletzungen und starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

An dem Prozess nehmen die beiden älteren der vier Söhne der Frau sowie ihre Schwester und ihr Bruder als Nebenkläger teil. Zunächst sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

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Blumen, Kerzen und Briefe liegen vor dem Supermarkt in Prien, vor dem am 29. April 2017 eine 38-jährige Mutter niedergestochen wurde. Foto: Florian Eckl/dpa

dpa/lby/red