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Mit »Enkeltrick« 90-jährige Traunreuterin hereingelegt

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Traunstein. Zwei 35 und 49 Jahre alte Litauer, die mit einem sogenannten »Enkeltrick« eine 90-jährige Traunreuterin zunächst um 2700 Euro gebracht hatten, wurden jetzt vom Schöffengericht Traunstein verurteilt: Richter Wolfgang Ott verhängte wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs jeweils Freiheitsstrafen von einem Jahr und acht Monaten ohne Bewährung.


Staatsanwältin Katharina Achhammer hatte überraschend einen ihr erst kürzlich bekannt gewordenen weiteren Fall präsentiert. In Langenberg nahe Bielefeld verlor eine Frau am 8. Mai 2014 auf ähnliche Weise wie die Zeugin in Traunreut mit 10 000 Euro noch mehr Geld, das auch nicht wieder auftauchte.

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Ein bei der Geldübergabe anwesender Zeuge identifizierte den 35-Jährigen zu »Hundert Prozent« als Geldabholer, wie die Anklägerin berichtete. Die Staatsanwältin wollte den Fall übernehmen und eine neue Anklage erstellen. Das Schöffengericht lehnte den Antrag auf Aussetzung der Hauptverhandlung jedoch ab.

Ein unbekannter Anrufer hatte die mit ihrer Familie in Traunreut lebende russischstämmigen Frau am 11. Mai mit der erfundenen Geschichte von einem Unfall ihres Enkels geschockt. Der junge Mann habe einen schweren Unfall verursacht. Dabei sei ein Verwandter verletzt worden, bekam sie auf Russisch zu hören. Der Anrufer drohte, der Enkel komme ins Gefängnis, wenn er nicht zahle. Der Mann betonte, alles werde »sehr teuer« werden. Sie jedoch könne dem Enkel helfen.

Auch 700 Euro Essensgeld hergegeben

Die schwerhörige 90-Jährige sammelte daraufhin alles Geld zusammen, das sie im Haus hatte – auch die 700 Euro, die sie noch für das Essen hatte. Ein Geldabholer kassierte das gesamte Bargeld in einem Umschlag. Die Frau und ihre Familie wurden hinterher misstrauisch und informierten die Polizei.

Bei einer sofort eingeleiteten Fahndungsaktion gingen die Betrüger mit ihrem Pkw auf der Bundesstraße 299 ins Netz. Beamte der zivilen Einsatzgruppe nahmen die zwei Litauer fest. Das Geld der Rentnerin hatte der 49-Jährige in einem Umschlag in seiner Jacke.

Beide Angeklagten beteuerten, nichts von Schockanrufen und Hintermännern zu wissen. Der 49-Jährige ließ seinen Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, erklären, er habe in Deutschland Arbeit suchen wollen. Im Raum Traunstein/Traunreut habe sein Beifahrer einen Anruf erhalten. Man habe dem 35-Jährigen eine Adresse mitgeteilt, die man ins Navi eingegeben habe. Der andere sei an der Wohnung kurz ausgestiegen. Nach der Rückkehr habe dieser ihm einen Umschlag zur Aufbewahrung gereicht.

Der 35-Jährige zeigte sich in dem Prozess anfangs teilgeständig, zog seine Angaben aber dann über seinen Verteidiger, Stefan Gilch aus Traunstein, zurück. Sein Mandant wisse gar nichts, habe nur etwas eingeräumt, um »Milderung« zu bekommen, begründete der Anwalt.

Staatsanwältin Katharina Achhammer meinte, selten sei eine Straftat so gut zu verfolgen wie diese. Über die SMS und die von der Kripo Traunstein drei Tage lang abgehörten Telefonate könne man die Tat gut nachvollziehen. Mindestens drei Personen, also eine Bande, seien beteiligt gewesen.

Das Vorgehen, alte Menschen auf diese Art auszunehmen, sei »menschenverachtend und skrupellos«. Jeweils zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe seien tat- und schuldangemessen. Der 49-Jährige sei nicht in alle Einzelheiten der Tat eingeweiht gewesen, trug Harald Baumgärtl vor. Zwei Jahre mit Bewährung seien ausreichend. Stefan Gilch beantragte Freispruch für den 35-Jährigen.

Zur Geldabholung kommen immer zwei Personen

Richter Wolfgang Ott betonte im Urteil: »Enkelbetrügereien laufen immer so ab, dass zwei Leute das Geld abholen. Einer ist der Chauffeur, der andere der Abholer.« Drei Tage des Zusammenseins der Angeklagten seien durch die abgehörten Telefonate und SMS dokumentiert. Mindestens drei Personen arbeiteten zusammen – mit Schockanrufen, Abholen des Gelds und Wegfahren. Ein zwingendes Indiz sei das von der Kripo überwachte Handy: »Es spielt keine Rolle, wem es gehört. Fest steht jedoch, dass die Angeklagten drei Tage durch Deutschland dirigiert werden. Der Anrufer spricht in der Mehrzahl und bekommt Antworten – ebenfalls in der Mehrzahl.«

Deshalb geht das Schöffengericht von Mittäterschaft der Angeklagten aus. Auch Gewerbsmäßigkeit sei gegeben. Lebensfremd sei die Behauptung, nur zu einer Tat eingereist zu sein, gab Ott der Staatsanwältin Recht. Somit sei gewerbsmäßiger Bandenbetrug erfüllt. Dass das Geld wieder da sei, sei nicht Verdienst der Angeklagten, »sondern weil Sie erwischt worden sind«, meinte Ott.

Für eine Strafaussetzung zur Bewährung sah der Richter »keine besonderen Umstände«. Einer Rentnerin mit 600 Euro Rente sei das ganze Geld abgezockt worden. Gezielt geschädigt würden alte Frauen, die Sorge um ihre Enkel tragen, schloss Ott. Die Angeklagten reagierten mit betretenen Gesichtern. Danach klickten wieder die Handschellen durch die Vorführungsbeamten der Polizei, hielt das Gericht doch die Haftbefehle aufrecht. kd