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Missbrauch steigerte sich stufenweise

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Traunstein – Wegen schweren sexuellen Missbrauchs muss sich ein 49-jähriger Mann derzeit vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Traunstein verantworten. Er missbrauchte seine anfangs erst zehn Jahre alte Stieftochter in der Wohnung der Familie in Bruckmühl etwa eineinhalb Jahre lang sexuell – laut Anklage mehrmals pro Woche.


Die Übergriffe steigerten sich stufenweise: Aus einem harmlosen Gute-Nacht-Kuss wurde im Laufe der Zeit wesentlich mehr. Das räumte der teilgeständige Angeklagte gestern im weitgehend nichtöffentlichen Prozess ein – auch wenn er Häufigkeit und Intensität der Anklagevorwürfe herunterspielte.

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Ins Rollen geriet der Missbrauchsfall durch die jetzige Opferanwältin, Manuela Denneborg aus Rosenheim. Sie meldete sich im Juni 2014 bei der Kripo Rosenheim im Auftrag einer jungen Frau und von zwei Kindern. Die Schwestern seien alle von ihrem Stiefvater missbraucht worden. Der 49-Jährige hatte seit etwa Mitte 2009 mit der Mutter der Drei in einem Haushalt zusammengelebt. Im Mai 2010 heiratete das Paar. Für ihn war es die zweite Ehe. Im Oktober 2013 erfolgte die Trennung. Der gelernte Lackierer zog in eine neue Wohnung im Landkreis Ebersberg, wo er im Mai vorläufig festgenommen wurde.

»Ich habe mich nicht mehr im Griff gehabt«

Laut Anklage von Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess, die sich auf die Taten an der damals Zehnjährigen beschränkte, begann der Missbrauch circa im September 2011 und endete erst mit der Trennung der Eheleute im Oktober 2013. Dem Stiefvater liegen insgesamt 155 Einzeltaten zur Last. Der Angeklagte begründete sein Verhalten mit seinem zunehmenden Alkoholkonsum: »Ich habe mich nicht mehr im Griff gehabt.«

Gegenüber früheren Vernehmungen gestand der Angeklagte gestern erheblich weniger Missbrauchstaten ein. Die Kammer mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann hielt ihm die deutlich nach oben abweichenden Aussagen des Opfers zur Zahl der Fälle vor. Weiter behauptete der 49-Jährige, seine Frau habe »alles gewusst und gebilligt«. Das Gericht verwies auf gegenteilige Aussagen – der Mutter wie des Mädchens.

Eine Kripobeamtin gab gestern die Aussagen der mutmaßlich drei Geschädigten vor der Polizei wieder. Die Älteste schilderte sexuelle Übergriffe ab dem 18. Lebensjahr. Einzig die Angaben der Zweitältesten mündeten in der Anklageschrift. Der Stiefvater drohte dem Kind gegenüber, es dürfe mit niemandem über das Geschehene sprechen. Sonst komme er »ins Gefängnis«. Das jüngste Mädchen hatte der Angeklagte angeblich in sexueller Weise berührt. Auch dieses Kind bekam die besagte Drohung zu hören.

Die Mutter der Kinder erinnerte sich in ihrer Vernehmung durch die Kripobeamtin, die mittlere Tochter sei während der Missbrauchszeit relativ verschlossen gewesen und habe sich ihr gegenüber erst nach Wegzug des Stiefvaters mehr geöffnet. In dem Prozess wird die Mutter voraussichtlich nicht in den Zeugenstand treten. Sie befindet sich laut Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg aktuell in einer psychiatrischen Einrichtung.

Wahrscheinlich nicht in den Zeugenstand treten wird das mutmaßliche Hauptopfer, die inzwischen 16 Jahre alte, mittlere Tochter. Die Polizeizeugin bezeichnete deren frühere Aussage als »nachvollziehbar und widerspruchsfrei«. Die Kripo Rosenheim hatte ihre polizeiliche Vernehmung ebenso wie die ihrer jüngeren Schwester auf Video festgehalten. Zwei Stunden lang sah sich die Jugendkammer gestern die Aufzeichnung an.

23-jährige Schwester hatte einen gewissen Verdacht

Persönlich, begleitet von ihrer Therapeutin, erschien die älteste der Schwestern, mittlerweile 23 Jahre alt. Der Angeklagte sei impulsiv und aggressiv gewesen – der Familie wie dem Hund gegenüber. Vom Missbrauch der Schwester habe sie direkt nichts mitbekommen, hob die noch immer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidende Zeugin hervor. Einen gewissen Verdacht jedoch habe sie gehegt. Wenn sie den Stiefvater mit der Schwester im Bett überrascht habe, habe der gemeint: »Es ist nicht so, wie du denkst.« Die Schwester lebe mittlerweile in einer Pflegefamilie: »Es geht ihr gut.«

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem voll schuldfähigen 49-Jährigen in sexueller Hinsicht »normale Vorlieben«. Bei den Übergriffen sei dieser nach eigenen Worten jeweils stark alkoholisiert gewesen. Aus psychiatrischer Sicht gebe es beim Angeklagten wohl gewisse Persönlichkeitsakzentuierungen, aber keinen Befund von Krankheitswert. Auch sei er nicht als kernpädophil einzustufen. Dem Alkohol habe er im Tatzeitraum kräftig zugesprochen – »vielleicht auch aus einem schlechten Gewissen heraus«. Von einer Alkoholsucht sei jedoch nicht auszugehen. kd