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»Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen«

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»Ich kam mir vor wie im Fernsehen«, sagt Eva. Als sie ihrer Tochter beim Umzug helfen wollte, fand sie sich in einer Messie-Wohnung wieder. Anders als andere Eltern verurteilte sie ihre Tochter nicht, krempelte die Ärmel hoch und half ihr mithilfe des Sozialpsychiatrischen Dienstes. Jetzt will Eva eine Selbsthilfegruppe für Messies und deren Angehörige gründen.

Traunstein – »Ich kam mir vor wie im Fernsehen«, berichtet Eva (Name von der Redaktion geändert).


Als sie die Tür zur Wohnung ihrer Tochter Marie öffnen wollte, ging das nur schlecht, weil irgendetwas dahinter klemmte. Drin dann ein schmaler Gang durch das brüllende Chaos, jede Menge Müll, Konservendosen und Essensreste. »Ich war fassungslos. Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen.«

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Aufgekommen war die Verwahrlosung der Tochter – im Privatleben, in der Arbeit funktionierte sie ganz normal weiter – nach Beschwerden von Nachbarn über unangenehmen Geruch aus ihrer Wohnung. Der Vermieter kündigte ihr und mehr noch, informierte rechtswidriger Weise ihren Arbeitgeber. Glücklicherweise hatte der im Bekanntenkreis einen ähnlichen Fall erlebt, reagierte außergewöhnlich menschlich und verständigte den Sozialpsychiatrischen Dienst.

Erste Anzeichen waren schon viel früher da

»Ich hatte keine Ahnung, was in dieser Wohnung vor sich ging«, sagt Eva rückblickend. Heute weiß sie, dass die ersten Anzeichen schon viel früher da waren. Marie schämte sich, ließ die Mutter nicht in die Wohnung. »Beim Mutter-Tochter-Tag hat sie immer schon im Auto gewartet. 'Ach nein, du musst die Einkäufe nicht rauftragen, das mach ich schon', hat sie zu mir gesagt.« Dass Maries Gewand manchmal ein bisschen unangenehm roch, führte Eva auf den Altbau zurück, in dem sie wohnte.

»Also dachte ich, ich bring' ein bissl Putzmittel mit und einen Eimer Farbe mit, dann werden wir die Wohnungsübergabe schon hinbringen. Aber ich hatte nicht dieses Ausmaß erwartet«, denkt Eva zurück und kämpft noch heute, etwa ein Jahr danach, mit den Tränen. Marie hatte – anders als andere vom Messie-Syndrom Betroffene – Glück. Ihre Mutter ließ sie nicht etwa aus Scham fallen, sondern half ihr.

»Ich hab sie erst mal aus der Wohnung rausgenommen in ein Hotel, und damit auch aus der Schusslinie des Vermieters.« Nach ein paar entsorgten Müllsäcken waren die Tonnen voll. Der Sozialpsychiatrische Dienst half weiter: Die Tochter suchte aus der Wohnung die wichtigsten Unterlagen zusammen, eine Firma wurde mit der Entrümpelung und Renovierung der Wohnung beauftragt. »Und ich hab bestimmt 20 Maschinen voll Wäsche gewaschen«, erinnert sich Eva.

Auch wurde ein Anwalt eingeschaltet – »den Arbeitgeber verständigen, das geht gar nicht«, sagt Eva. Und der Vermieter hätte Marie auch gern mehr abverlangt, als ihm zustand. »Die Küche war auch vorher schon alt, da hätte sie eine teure neue zahlen sollen.«

Aus Angst vor Rechnungen und Mahnungen öffnete Marie über einen längeren Zeitraum auch ihre Post nicht mehr – was finanzielle und rechtliche Folgen nur noch schlimmer machte. Marie sah ein, dass es so nicht weiter gehen konnte und ließ sich auf einen gesetzlichen Betreuer ein.

Betreuer hilft bei der Post und in finanziellen Dingen

»Der kommt und hilft ihr, die Post zu öffnen und sich um die finanziellen Dinge zu kümmern, verhandelt auch mit Gläubigern und dem Vermieter«, sagt Eva. Angehörige sollten das nicht übernehmen – wegen der emotionalen Nähe. Ein Betreuer habe keine Erwartungen an den Betreffenden, er könne sachlich-distanziert das Notwendige veranlassen.

»Das Messie-Syndrom ist nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt«, sagt Eva weiter. Aber es geht meist mit psychischen Erkrankungen einher. Die Betroffenen werden von der Gesellschaft als faul stigmatisiert. »Dabei sehen die einfach manches anders. Sie haben auch andere Prioritäten. Da ist es nicht so wichtig, ob das Glas vom Vortag noch rumsteht. Dann kommt noch eins dazu und noch eins, und so sammelt sich's dann an.«

Auch sie selbst brauchte nach dem Tag in Maries Wohnung Unterstützung. »Die erste Zeit hab ich gebraucht, um zu realisieren, was da passiert ist.« Versagensängste als Mutter plagten sie. Im Gespräch mit einer anderen Betroffenen, die ihr der sozialpsychiatrische Dienst vermittelte, fand sie hilfreiche Antworten und Unterstützung – wie dereinst in der Reha, nachdem innerhalb kürzester Zeit ihre Mutter, ihr Bruder und ihr Vater gestorben waren.

Die Familie war sich bei Marie einig: »Ich hab ihr gesagt, wir stehen absolut hinter dir, aber du musst uns die Wahrheit sagen.« Marie hatte durch den Verlust der Wohnung schmerzhafte Einschränkungen. Denn natürlich waren unter den entsorgten Dingen auch etliche tatsächlich noch brauchbare oder lieb gewonnene Dinge sowie Erinnerungen. »Sie hat jetzt wieder eine Wohnung, aber sie hatte erst mal nur einen Tisch und einen Stuhl und keine Schrankwand. Sie musste lernen, mit wenig auszukommen«, berichtet Eva weiter. Denn Marie sollte nicht wieder so weiter machen wie zuvor und in das gleiche Fahrwasser rutschen. »Zum Glück geht es jetzt bergauf. Sie sucht einen Reha-Platz, wo sie lernt, den Tag sinnvoll zu strukturieren.«

»Die Frage nach Schuld oder dem Warum hilft nicht weiter«

Wie es so weit kommen konnte, kann sich Eva bis heute nicht erklären. »Aber die Frage nach Schuld oder dem Warum hilft ja nicht weiter«, sagt dazu Elisabeth Pflugbeil vom Selbsthilfezentrum Traunstein. »Es gibt da keine Schuld. Es gibt verschiedene Veranlagungen für die verschiedensten psychischen Erkrankungen. Die Gesellschaft muss lernen zu akzeptieren, dass das jeden treffen kann, genauso wie Allergien oder Krebs. Wichtig ist aber in jedem Fall der Blick nach vorne.«

Nach all dem, was Eva mit ihrer Tochter durchgemacht hat, beschloss sie, eine Selbsthilfegruppe für Messies und deren Angehörige zu gründen. Sie wandte sich ans Selbsthilfezentrum Traunstein, wo sie auf offene Ohren traf. Wer als Betroffener, Angehöriger oder Bekannter Betroffener ebenfalls Interesse an einer solchen Gruppe hat, kann sich wenden an das Selbsthilfekontaktzentrum Traunstein, Telefon 0861/20 46 692. coho