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Mindestens vier Jahre rückwärts fahren

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In seinem Reboard-Sitz ist der fast zweijährige Ludwig aus Übersee auch auf längeren Strecken bequem und gut geschützt im Auto seiner Mama unterwegs. (Foto: Hohler)

»Wenn man das Video von der kleinen Saya sieht, zahlt man jeden Preis«, sagt Christine Mader aus Übersee. Sie hat für ihren 18 Monate alten Sohn Ludwig einen sogenannten Reboard-Autositz gekauft, in dem der kleine Mann entgegen der Fahrtrichtung sitzt. Denn nach der Babyschale werden hierzulande die meisten Kinder möglichst schnell in einen Sitz gesetzt, der vermeintlich »richtig rum« steht. Dabei wissen die meisten Eltern gar nicht, wie gefährlich das sein kann: »Saya ist seit einem Frontalunfall im vorwärts gerichteten Kindersitz querschnittgelähmt. Dabei hatte ihre Mutter den am besten getesteten Sitz gekauft«, so Mader.


Problem: Schwerer Kopf und unfertige Wirbelsäule

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»Das Problem ist, dass der Kopf bei Kleinkindern relativ groß und schwer ist«, sagt dazu Peter Starnecker, Ausbilder am Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring. Er ist Vorsitzender der Kreisverkehrswacht im Landkreis Berchtesgadener Land und einer der sechs Vizepräsidenten der Landesverkehrswacht Bayern. »Nicht umsonst fahren in Schweden die meisten Kinder bis sie vier sind rückwärts. Denn bis dahin sind Wirbelsäule und Nackenmuskulatur noch nicht voll ausgebildet.«

Starnecker geht davon aus, dass überhaupt etwa zwei Drittel der Kinder im Auto falsch gesichert sind, etwa im falsch eingebauten oder nicht mehr passenden Sitz, mit zu lockeren oder zu festen Gurten. Gefährlich sind auch dicke Jacken. Im Extremfall kann das Kind – »das gilt übrigens auch für Erwachsene« – durch den Gurt rutschen.

Auf das kaum bekannte Thema Reboard-Sitze gestoßen sei sie über eine Freundin, berichtet Christine Mader. »Die hat so einen für 450 Euro. Da hat mich das interessiert, warum der so teuer ist.« Schließlich gibt es vorwärts gerichtete Sitze bereits unter 100 Euro. Je mehr sie sich informierte, desto mehr überzeugten sie die Argumente von Herstellern und Eltern.

Es drohen Querschnittlähmung oder gar Genickbruch

Vorwärts gerichtet wirken bei einem Frontal-Unfall enorme Kräfte auf das Genick, zumal der Kopf mit enormer Wucht nach vorn geschleudert wird, die Schultern aber von den Gurten zurückgehalten werden, berichtet der von Eltern gegründete Verein Reboard-Kindersitze mit Sitz in Freising. Bereits ab einer Streckkraft von 130 Kilogramm treten schwerwiegende Folgen auf – das Rückenmark in der Wirbelsäule wird überdehnt, es kann reißen, was zur Querschnittlähmung oder gar dem Tod durch Genickbruch führen kann. Tests aus der Unfallforschung hätten Nackenbelastungen bis zu 300 Kilogramm bei einem Aufprall mit 50 km/h ergeben. Rückwärts gerichtet habe man unter gleichen Bedingungen Belastungen von maximal 80 Kilogramm gemessen.

Im rückwärts gerichteten Sitz werde die Aufprallenergie über den ganzen Oberkörper verteilt, der in die Sitzschale gedrückt werde. »Auch beim Seitenaufprall ist rückwärts sicherer«, heißt es in der Informationsbroschüre des Vereins. Denn meist sehe man einen solchen kommen, etwa bei Vorfahrtsverletzungen, und bremse stark: »Vorwärts wird das Kind aus dem Sitz gezogen, beim Seitenaufprall gibt es dann nichts mehr, was den kleinen Körper schützt.« Rückwärts werde das Kind in den Sitz gedrückt und von den Seitenbacken des Sitzes geschützt. Dabei seien unter den Unfällen mit schweren oder tödlichen Verletzungen 59 Prozent Frontalunfälle, 49 Prozent Seitenunfälle und nur zwei Prozent Heckunfälle.

Das Argument des Preises kann Christine Mader nur bedingt verstehen: »Für den Kinderwagen gibt man schon mal 600 Euro aus, aber der ist nur schön oder praktisch. Beim Kindersitz geht's um die Sicherheit.« Dank guter Beratung in einem Traunsteiner Fachgeschäft mit Probeeinbau in beide Autos der Familie hat sie den für sich, Ludwig und die Autos passenden Sitz gefunden. Von dem ist sie absolut überzeugt, zumal man ihn zum An- und Abschnallen des Kindes um 90 Grad zur Tür hin drehen kann.

Ebenso begeistert äußert sich Katrin Baumgartner aus Teisendorf. »Ich bin da durchs Internet draufgestoßen, und wir haben uns den jetzt für unser drittes Kind noch geleistet, weil wir das bei den Großen noch nicht wussten. Die haben einfach nur Glück gehabt, dass nichts passiert ist.« Entgegen der Argumente von Kritikern sei das Rückwärtsfahren ihrer kleinen Tochter »völlig wurscht. Das sind die doch von der Babyschale gewöhnt.« Die Beinfreiheit sei sehr gut, der Einbau auch für sie als Frau absolut kein Problem gewesen.

Nur das beste Bio-Essen, aber an der Sicherheit wird gespart

»Mich hat das Crash-Test-Video absolut überzeugt«, sagt Kerstin Ermakow aus Waging am See. »Das hab ich mir nur einmal angeschaut und gewusst, das ist der richtige Weg. In Schweden ist das ja Standard, und da ist in den letzten 40 Jahren nicht ein Kind in einem Reboard-Sitz getötet worden.« Wenn andere Mütter sich am Preis stören, »dann erstaunt mich das. Auf alles andere wird Wert gelegt, und nur das beste Bio-Essen ist gut genug, aber an der Sicherheit wird gespart.« Natürlich seien Generationen zuvor ganz ohne Kindersitz groß geworden, »aber da gab's wesentlich weniger Verkehr und die Leute sind auch nicht so rücksichtslos gefahren.«

Ihr zweijähriger Sohn Niklas habe überhaupt kein Problem mit der Beinfreiheit, »und das ist echt ein Großer, Schlanker.« Selbst auf der über 1000 Kilometer langen Fahrt zur Kur an der Ostsee sei das kein Problem gewesen. Der Einbau dauerte vielleicht etwas länger als beim Vorwärts-Sitz, »aber das stört mich überhaupt nicht. Da geht's doch um die Sicherheit von meinem Kind!« coho