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Messerstich in den Hals

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Traunstein – Seinem schlafenden, 31-jährigen Mitbewohner stach ein psychisch kranker 23-Jähriger aus Franken in einem Therapiezentrum in Tittmoning ein 18,7 Zentimeter langes Küchenmesser in den Hals. Das Opfer hatte Glück und überlebte den Angriff am Vormittag des 11. Juli 2015 mit einer leichten Halsverletzung. Das Schwurgericht Traunstein ordnete die zeitlich unbegrenzte Unterbringung des Beschuldigten in einer psychiatrischen Einrichtung an.


Der durch eine schizophrene Psychose schuldunfähige 23-Jährige habe eine gefährliche Körperverletzung begangen, könne dafür aber nicht bestraft werden, befand das Gericht. Hinsichtlich des Vorwurfs des versuchten Mords ging die Kammer von einem strafbefreienden Rücktritt aus.

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Mit dem Zimmerkollegen habe er sich gut verstanden. Den Tathergang räumte der Beschuldigte ein. Das Opfer habe in Selbstgesprächen Sätze geäußert wie »ich hasse dich, ich töte dich, hau lieber ab«. Der Mitbewohner habe ihm zwar versichert, nicht er sei gemeint. Er habe jedoch Angst bekommen, sei nächtelang wach gelegen und habe überlegt, was er tun könne: »Ich dachte, ich muss mich schützen. Ich wollte ihm zuvor kommen. Ich hab mir das Messer besorgt. Ich wollte ihn töten.« Auf die Idee, das Zimmer zu wechseln, sei er nicht gekommen. Eine Woche vor der Tat habe er sich in der Küche das Messer besorgt – »um die Sache durchzuziehen«. Er habe mit dem Messer einmal zugestochen und es wieder rausgezogen. »Ich war überrascht, dass er gleich aufgestanden ist und laufen konnte. Ich bin zum Pfleger gerannt«, berichtete der 23-Jährige. Die Geschichte mit den »Mordgelüsten« sowie die Erklärung, er habe wissen wollen, »wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten«, habe er nur erfunden. Dieser Version widersprachen jedoch mehrere Zeugen.

»Ich bin hochgeschreckt von der Attacke«

Das 31-jährige Opfer bezeichnete das Zusammenleben mit dem 23-Jährigen als »stressfreie Angelegenheit«. Man sei freundlich miteinander umgegangen. Der Zeuge bestätigte die »Selbstgespräche«. Sätze wie »ich hasse dich« beziehe er nicht auf konkrete Personen. Dass er »ich töte dich« gesagt habe, glaube er nicht. An jenem Tag habe er vormittags geschlafen. »Ich bin hochgeschreckt von der Attacke. Das Messer war in meinem Hals. Er hat was von 'Stimmen' gesagt. Ich habe seine Hände zurückgeschoben. Er wich zurück«, erinnerte sich der 31-Jährige.

Beide Bewohner seien sehr umgänglich gewesen, bescheinigte ein Heimmitarbeiter. Auf seine Weisung hin habe der Täter das Messer sofort fallen lassen. Der 23-Jährige sei zuvor nie aggressiv gewesen, hob eine Psychologin heraus. Um den verletzten 31-Jährigen habe der große Sorge gehabt. Der Fachfrau hatte er von seinen »Mordgelüsten« erzählt.

Der rechtsmedizinische Sachverständige, Professor Dr. Fritz Priemer, berichtete von einer oberflächlichen Stichwunde, die im Klinikum Burghausen chirurgisch versorgt wurde. Die Verletzung sei potenziell lebensgefährlich gewesen. Konkrete Lebensgefahr habe nicht bestanden.

Der Beschuldigte hat trotz seiner jungen Jahre schon eine Drogenkarriere hinter sich. Der psychiatrische Gutachter, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee, sprach von »einem Knick in der Lebenslinie« des 23-Jährigen in der Pubertät – möglicherweise als Folge einer beginnenden psychischen Erkrankung. Die Betäubungsmittel hätten zu einer drogeninduzierten Psychose geführt. So hätten sich zwei Psychosen parallel entwickelt. Gerth informierte über zahlreiche stationäre Therapien in Franken und zuletzt in Tittmoning. Der Beschuldigte verfüge über keine Krankheitseinsicht. Wahngedanken oder akustische Halluzinationen, denen er ausgeliefert war, hätten zur Tatzeit seine Gedankenwelt geprägt. Aufgehobene Schuldfähigkeit sei zu bejahen, die Wiederholungsgefahr groß. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien erfüllt.

Mit »direktem Tötungsvorsatz« gehandelt

Dem schlossen sich in den Plädoyers Staatsanwalt Björn Pfeifer, Nebenklagevertreter Bernd Hönicka aus Ansbach und Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim an. Gleiches galt für die Einstufung der Tat als versuchten Mord. Der 23-Jährige habe mit »direktem Tötungsvorsatz« gehandelt. Während Pfeifer und der Opferanwalt einen »Rücktritt vom versuchten Mord« ausschlossen, plädierte Harald Baumgärtl auf einen strafbefreienden freiwilligen Rücktritt. Hätte der 23-Jährige bei dem Stich mehr Druck ausgeübt, hätte der sehr schmächtige Geschädigte »keine Chance gehabt« gegen den körperlich weiter überlegenen Täter. Deshalb habe sein Mandant  nur eine   gefährliche Körperverletzung begangen. Diese strafrechtliche Einschätzung übernahm das Schwurgericht und ordnete – die  von  allen Beteiligten geforderte – Unterbringung in der Psychiatrie an. kd