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Messerstich aus Verfolgungswahn heraus

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Traunstein. Die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik ordnete am Dienstag die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein für einen 26-jährigen, psychisch kranken Bewohner eines Wohnblocks in Traunreut wegen gefährlicher Körperverletzung an einem Mitbewohner an. Er hatte dem 32-Jährigen in den Bauch gestochen. Die Verletzung heilte glücklicherweise folgenlos aus.


Der Beschuldigte hatte geglaubt, seine Mitbewohner hätten ein Video, das ihn beim Sex zeige, ins Internet gestellt und würden sich über ihn ständig lustig machen. Wie mehrere Zeugen gestern aussagten, stimmten die Vorwürfe aber nicht. Der 26-Jährige habe sich alles nur eingebildet.

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Der Mann war 2012 in den Wohnblock gezogen. Am 6. November 2013 gegen 11.35 Uhr lief er aggressiv von seiner Wohnung im ersten Stock eine Treppe höher und trat an eine Tür. Mehrere Personen bekamen das mit. Der 32-Jährige hörte den Lärm und öffnete die Tür. Der Beschuldigte war schon wieder auf dem Weg hinunter, als ihn der 32-Jährige mit der Hand an der Schulter ein bisschen anschob. Plötzlich blitzte ein Klappmesser auf. Der 26-Jährige stach zu und setzte eine 1,5 Zentimeter tiefe Wunde, die im Krankenhaus versorgt werden musste. Der Täter wurde festgenommen und war seither vorläufig in einem Bezirksklinikum untergebracht.

Der mehrfach vorbestrafte Beschuldigte, der früher massive Alkohol- und Drogenprobleme hatte, stand gestern zu der Attacke. Er berichtete von einer Freundin aus dem gleichen Haus, die ihn schlecht behandelt und etwa ein halbes Jahr nach der Trennung abfällig über ihn geredet habe. Sie habe die Leute auf ihn gehetzt. Er sei »total besoffen ins Internet gestellt worden«. Wochenlanger Psychoterror sei gefolgt. »Am Ende war ich total fertig mit den Nerven.«

Der Vorsitzende Richter merkte an, die Polizei habe nirgends im Internet entsprechende Videos gefunden. Das wollte der 26-Jährige auch gestern nicht akzeptieren. An jenem Tag sei er wütend geworden. Er habe das Messer genommen, um sich gegen den 32-jährigen Mitbewohner zu verteidigen. Er habe niemand etwas antun wollen, beteuerte der 26-Jährige: »Ich wollte ihn nur abwimmeln, verscheuchen.« Zugestochen habe er – »aber nur ganz leicht«. Zum Thema »Unterbringung« meinte er: »Ich habe es mir selbst eingebrockt und muss es ausbaden. Ich fühle mich gesund. Aber die Ärzte wissen es besser.« Er habe schon mal Tabletten abgesetzt. »Ich dachte, ich brauche sie nicht.« Dass er sich die Sache mit dem Internet und dem wochenlangen Gerede im Haus nur eingebildet habe, glaubte er nicht: »Da müsste ich schon ziemlich krank sein und in einer Fantasiewelt leben.«

Das Gericht vernahm zahlreiche Zeugen, die ausnahmslos die Existenz entsprechender Videos verneinten. Gleiches bestätigte ein Beamter der Kripo Traunstein. Als er mit Kollegen bei dem 26-Jährigen erschien, habe dieser sie für die »Mafia« gehalten und gesagt, die Kripo komme erst am nächsten Tag. Das 32-jährige Opfer erinnerte sich, der Beschuldigte sei »wirklich sauer« gewesen – »warum, wissen wir nicht«. Er habe das Messer am Hals gespürt und keine Luft mehr bekommen.

Der psychiatrische Sachverständige Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee sah alle Voraussetzungen für Unterbringung in der Psychiatrie erfüllt. Der 26-Jährige leide an einer paranoiden Schizophrenie und sei aufgrund eines florierenden Schubs nicht schuldfähig gewesen zur Tatzeit. Der Gutachter attestierte große Wiederholungsgefahr und Gefahr für die Allgemeinheit. Sowohl Staatsanwalt Björn Pfeifer als auch Verteidiger Herbert Buchner aus Traunstein beantragten in den Plädoyers die Unterbringung des 26-Jährigen.

Die Ursache der Tat liege wohl im Verfolgungswahn aufgrund der psychischen Erkrankung, betonte Vorsitzender Richter Erich Fuchs. Die äußerst gefährliche Vorgehensweise sei glücklicherweise ohne Folgen geblieben. Der Beschuldigte habe zwar gewusst, dass er eine Körperverletzung begeht: »Aber das Unrechtsbewusstsein hat ihm gefehlt.« Eine Notwehrlage sei nicht vorgelegen, ebenso wenig ein Tötungsvorsatz. Unbehandelt seien weitere erhebliche Taten zu erwarten. Die Aussetzung der Unterbringung zur Bewährung sei derzeit noch nicht möglich – »auch wenn positive Entwicklungen vorhanden sind«. kd