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Messerangriff nach Kündigung

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Wegen eines Messerstichs in Richtung seines 29-jährigen Vorarbeiters verhängte das Amtsgericht Traunstein gestern gegen einen 22 Jahre alten polnischen Staatsangehörigen eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten – ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Hintergrund des Prozesses war eine Auseinandersetzung unter polnischen Leiharbeitern am 16. Juli 2016 abends in einer Firmenwohnung in Traunreut. Zu der versuchten gefährlichen Körperverletzung gesellte sich die Beleidigung eines Polizeibeamten. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.


Mehrfach fiel der Ausdruck »Kurwa«

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Zu den Beleidigungen kam es nach der vorläufigen Festnahme in der Dienststelle der Polizeiinspektion Trostberg sowie bei der Blutentnahme im Krankenhaus. Mehrfach fiel der Ausdruck »Kurwa«, was übersetzt »Hure« oder »Nutte« bedeutet. »Kurwa« gesagt zu haben, räumte der 22-Jährige über seinen Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim ein. Das polnische Wort bedeute aber auch »Scheiße« und »Aua«. Das bestätigten der Dolmetscher wie der beleidigte Polizeibeamte, dem »Kurwa« auch ohne weitere Kenntnisse der polnischen Sprache ein Begriff war. Das bekomme er im Dienst öfter zu hören.

Keine Fingerspuren am Messer zu finden

Der 29-Jährige, so Baumgärtl in seiner Erklärung, habe den Angeklagten wegen einer Unterschrift zu sich gebeten und ihm dabei die Kündigung ausgehändigt. Der 22-Jährige habe gefragt, ob er noch in der Firmenunterkunft mit anderer Adresse wohnen bleiben dürfe. Im Zug der folgenden verbalen Auseinandersetzung habe der 22-Jährige keinesfalls ein Messer genommen und damit zugestochen. Ein Indiz sei das Fehlen von Fingerspuren an dem Messer. Der 22-Jährige selbst berichtete von zwei Drinks vor dem Eintreffen bei dem 29-Jährigen. Das schien Richter Wolfgang Ott zu wenig für über ein Promille Alkohol im Blut zur Tatzeit. Es seien große Gläser gewesen, meinte der junge Mann.

Angeklagte wollte sich nach Wortgefecht »verziehen«

Ott zeigte Fotos, die den 22-Jährigen mit zerrissenem T-Shirt und einer leichten Verletzung am Hinterkopf zeigten. Das sei alles in der Wohnung passiert, erklärte der Angeklagte. Nach dem Wortgefecht habe er sich »verziehen wollen«. Die Landsleute hätten sich ihm in den Weg gestellt, ihn »ganz gewaltig angegriffen« und »regelrecht gemartert«. Der Richter wollte einen Grund dafür wissen. Der 22-Jährige sprach von Alkohol und einer »grundsätzlichen Antipathie«.

22-Jähriger kam betrunken und unangemeldet zur Party

Der Vorarbeiter schilderte eine andere Version. Er habe mehrere Mitarbeiter und seinen Cousin zum Grillen im Freien eingeladen. Der 22-Jährige sei unangemeldet und angetrunken mit dem Fahrrad gekommen, habe die Gäste aggressiv angesprochen und noch eine Zeit in seiner bisherigen Firmenwohnung bleiben wollen. Im Garten habe er aus dem Rucksack eine Flasche Whiskey geholt und den Leuten einschenken wollen – »ohne mich als Gastgeber zu fragen. Da spürte ich, dass etwas im Busch ist«.

Die verbale Auseinandersetzung sei unglaublich laut geworden. Da habe er den 22-Jährigen mit in die Wohnung genommen, »um dort die Situation zu klären«. In der Küche habe sich alles noch gesteigert. Plötzlich habe der 22-Jährige das 32 Zentimeter lange Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 18 Zentimetern gegriffen und in seine Richtung gehalten, erinnerte sich der Vorarbeiter. Sein Cousin habe die Messerhand sofort gepackt. Das Messer sei zu Boden gefallen.

Jemand habe es mit einem Tritt außer Reichweite gestoßen. Niemand habe es angefasst, bis die Polizei kam. Die anderen hätten sich auf den Angeklagten gestürzt, um ihn »unschädlich« zu machen. Dabei seien ihm die Füße zusammengebunden worden. Kurz danach sei die Polizei eingetroffen, so der 29-Jährige gestern. Ähnlich äußerten sich die Zeugen.

Zeugen schränkten Aussagen wieder ein

Richter Wolfgang Otts Fragen konzentrierten sich darauf, wie das Messer vom Angeklagten genau gehalten oder geführt wurde. Die Zeugen schränkten ihre anfänglich sicheren Antworten teils wieder ein, der 22-Jährige habe ausgeholt und gezielt gegen den 29-Jährigen gestochen – unter Berufung auf das blitzschnelle Geschehen.

Keine Zweifel am Wahrheitsgehalt der Zeugenaussagen hatte Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel. Zur Messerführung hätten sich die Zeugen etwas unterschiedlich geäußert. Die Tat mit dem Messer sei von hoher abstrakter Gefährlichkeit gewesen. »Kurwa« sei ein »praktisches Schimpfwort« mit mehreren Bedeutungen, aber dennoch als Beleidigung zu werten. Eine Gesamtstrafe von 22 Monaten mit dreijähriger Bewährungszeit sei angemessen. Die Zeugen seien »nicht unglaubwürdig«, argumentierte Verteidiger Harald Baumgärtl. Der nicht vorbestrafte 22-Jährige habe zu einem Stich angesetzt, der sofort verhindert werden konnte. Eine Gesamtfreiheitsstrafe von nicht mehr als einem Jahr, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sei ausreichend.

»Muss froh sein, dass nicht mehr passiert ist«

Im Urteil stellte der Richter fest, die Zeugen seien glaubwürdig. Sie hätten sich bemüht, sich genau zu erinnern. Direkt an den Angeklagten richtete Ott: »Wenn man sich dieses Messer ansieht, muss man froh sein, dass nicht mehr passiert ist. Sie können dem Zeugen dankbar sein, dass er Ihnen das Messer aus der Hand geschlagen hat.« Der Richter mahnte den 22-Jährigen, die Bewährung ernst zu nehmen. Er neige offensichtlich dazu, unter Alkohol aggressiv zu werden. kd