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Messer bis zum Anschlag in der Brust

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Traunreut – Nur schneller ärztlicher Hilfe verdankt ein 42-jähriger Pole sein Leben. Ein 38-jähriger Arbeitskollege hatte ihn mit weit über zwei Promille Alkohol im Blut in einer Wohnung in Traunreut mit einem Steakmesser in die Brust gestochen – mit lebensgefährlichen Folgen. Die Tat in der Nacht zum 24. April 2016 brachte dem Angeklagten gestern vom Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung ein.


Das spätere Opfer war zwei Wochen vor der Tat in die Wohngruppe in dem Gebäude an der Kantstraße gezogen. Die vier Mitbewohner waren, wie der 42-Jährige auch, als Zeitarbeiter in einer Lebensmittelfirma tätig. Bereits am Nachmittag des 23. April 2016 gerieten der Angeklagte und der 42-jährige Landsmann verbal aneinander. Am Nachmittag und am Abend konsumierten sie zusammen mit den anderen reichlich Alkohol.

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Der 38-Jährige kehrte mit einem Begleiter vom Besuch eines Lokals in Traunreut gegen 4 Uhr in die Wohnung zurück, wo der 42-Jährige schon schlief. Der Lärm weckte ihn auf. In der Küche, wo sich der Angeklagte ein Brot schmieren wollte, kam es zu einem erneuten Streit. Die Auseinandersetzung eskalierte. Der Täter griff das 22 Zentimeter lange Messer mit einer Klingenlänge von 11,5 Zentimetern und stach zu – bis zum Anschlag, wie der rechtsmedizinische Sachverständige, Professor Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg, gestern attestierte.

Schwerverletzter schleppte sich zur Polizeistation

Der Stich drang oberhalb einer Brustwarze in die Lunge ein und löste massive Blutungen und einen Lufteintritt aus. Der Schwerverletzte konnte sich zur etwa 200 Meter entfernten Wache der Polizeistation Traunreut schleppen. Der diensthabende Beamte sah durch die Scheibe, wie sich der Mann draußen an das blutdurchtränkte T-Shirt griff. Sofort ließ er den 42-Jährigen in die Dienststelle ein und verständigte den Rettungsdienst.

Bis zum Eintreffen eines Rettungsfahrzeuges und des Notarztes konnte der polnische Staatsangehörige den Beamten verständlich machen, dass er Opfer einer Messerattacke geworden sei. Auch den Namen des Täters nannte er. Der Verletzte wurde erst im Kreiskrankenhaus Trostberg, dann in einer Salzburger Klinik operativ versorgt – gerade noch rechtzeitig. Ohne die Kunst der Ärzte wäre der 42-Jährige binnen kürzester Zeit gestorben, stellte Professor Dr. Priemer gestern fest.

Spezialeinsatzkräfte der Polizei nahmen damals den Täter gegen 10 Uhr vormittags in der Tatwohnung widerstandslos fest und übergaben ihn der Kripo Traunstein. Bei der ersten Vernehmung räumte der Mann die Tat ein. Beim Ermittlungsrichter zeigte sich der Tatverdächtige »sehr gesprächig«. Gegen den 38-Jährigen wurde Haftbefehl erlassen. Seither saß er in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte schilderte gestern, er sei gegen 14.30 Uhr von der Arbeit gekommen. Der Jüngere habe an dem Nachmittag »einfach Streit gesucht« – was er aber ignoriert habe. Kurz vor der Tat habe er in der Küche gekocht. Der 42-Jährige habe geschlafen. Als er ihn wegen des Essens wecken wollte, habe der andere abgewunken. Kurz darauf sei dieser in die Küche gekommen und habe ihm mit erhobenen Fäusten gedroht: »Pass auf, dir brech' ich die Nase.« Da habe er, so der 38-Jährige weiter, das Messer genommen und »reflexartig zugestochen«.

Der Geschädigte trat gestern nicht in den Zeugenstand. Er hatte vorab mitgeteilt, er könne nicht nach Traunstein kommen. Zwei der Mitbewohner erinnerten sich an Beschimpfungen durch den 42-Jährigen schon tagsüber. Was zwischen beiden Männern binnen weniger Sekunden in der Küche geschah, beobachtete jedoch niemand.

Verminderte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen

Nach Worten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee war der Angeklagte Alkohol gewohnt. Dennoch sei wegen des Alkohols eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit nicht auszuschließen.

Staatsanwalt Björn Pfeifer beantragte gestern wegen gefährlicher Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Die Verletzung des 42-Jährigen sei konkret lebensgefährlich gewesen. Ein vorheriger Angriff durch das Opfer sei nicht erwiesen, ebenso wenig eine Notwehrsituation.

Verteidiger Dr. Herbert Buchner aus Traunstein gelangte zu Provokationen durch das Opfer über Stunden und einer eindeutigen Notwehrlage seines Mandanten: »Das war ein Sekundenausfall der Steuerung.« Das müsse zu einem minderschweren Fall und einer Strafe von nicht mehr als zwei Jahren mit Bewährung führen. »Es tut mir unglaublich leid, was geschehen ist. Ich hätte mich heute gern bei dem Opfer entschuldigt«, so der 38-Jährige im »letzten Wort«.

»Wir konnten den Tatverlauf nicht genau klären«, begründete Richter Wolfgang Ott im Urteil. Das Gericht habe die Angaben des Angeklagten zugrunde gelegt. Dabei habe man das »sich ständige Aufschaukeln durch massive Beleidigungen« seitens des Opfers berücksichtigt. Zu sehen seien die hohe Alkoholisierung des 38-Jährigen und die dadurch verminderte Schuldfähigkeit. Der nicht vorbestrafte Täter habe diese schwere Verletzung »nicht gewollt«.

Der Staatsanwalt kündigte an, eine Berufung gegen das Urteil »intensiv zu prüfen«. kd