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»Menschen, mit denen wir leben mögen«

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Grabenstätt. Margot Wingruber aus Grabenstätt ist unermüdlich. Obwohl sie selbst schwer gehbehindert ist, engagiert sie sich seit Jahrzehnten für andere und gründete unter anderem den Verein »Drahdiwaberl und Springinkerl«, der mit Musik und Kunst Asylbewerbern in Übersee und Grassau das Leben in der Fremde erleichtern möchte. Jüngstes Projekt war ein dreitägiger Kurzurlaub für 18 Kinder und 13 Erwachsene auf einem Bauernhof in Obing, finanziert von der Spendenaktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks.


Schwer traumatisierte Kinder aus der Lethargie holen

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»Während der vielen Monate, in denen ich mich um Sponsorengelder für den Urlaub bemühte, führte ich anhaltend Rechtfertigungsgespräche auf selbst gestellte Fragen: Urlaub ist Luxus, den sich auch viele Einheimische nicht leisten können. Diese Menschen arbeiten doch gar nicht und werden sowieso vom Staat ernährt. Von was müssen Sie sich denn erholen?«, berichtet sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Sie hat es sich mit »Drahdiwaberl und Springinkerl« zur Aufgabe gemacht, besonders die oft schwer traumatisierten Kinder aus der Lethargie herauszuholen.

Jetzt ist der Urlaub vorbei, »und es lohnt sich, hinzuschauen, weil diese lächerlich kurze Zeit so viel Veränderung in den Gesichtern, der Körperhaltung und dem Umgang miteinander gebracht und neuen Lebensmut gegeben hat«. Auf dem Bauernhof gab es für die Kinder Platz zum Toben und unzählige Anregungen bei Tieren und Spielgeräten.

»Was auch eine noch so gelungene Therapie mit Worten nicht schaffen kann, passierte innerhalb weniger Stunden durch den Wechsel der Umgebung: Kinder und Eltern wechselten sichtbar, spürbar in andere Gemütszustände«, so Wingruber weiter. Unterstützt wurden diese Prozesse durch das gemeinsame Musizieren mit Michaela Dietl, einer ehemaligen Straßenmusikantin und Zirkussimulationen mit der Kulturakademie Traunstein, Netzwerk für Zirkuspädagogik, Schwimmen im Obinger See und gemeinsame Spiele in spontan gebildeten Gruppen mit Melanie Möll, einer pensionierten Lehrerin.

»Wir hätten es jetzt in der Hand«

»Beigetragen zu der wirklich überraschenden Gemütsaufhellung hat sicher auch das Fehlen von Wlan auf dem Hof, wodurch die grauenhaften Bilder und Nachrichten aus den Heimatländern ausblieben«, analysiert Wingruber. Das änderte sich jedoch mit der Heimkehr in die Unterkunft, »wo ich zuschauen konnte, wie die Schultern wieder zu hängen begannen und die Gesichter angespannt wurden. Nach dem Urlaub stellte sich mit Brachialgewalt wieder der Alltag ein, wie bei uns Einheimischen auch.« Nur ihr Alltag sei wesentlich schwerer erträglich, um es vorsichtig auszudrücken.

An den Veränderungen, die sie erlebt habe, habe sie deutlich ablesen können, »was wir ihnen mit den Lebensumständen antun, die wir ihnen bieten. Das trifft vor allem die Kinder. Wir hätten es jetzt in der Hand, mit ihnen so umzugehen, dass aus ihnen mal die Menschen werden, mit denen wir leben mögen. Das müsste kaum teurer werden als die jetzige Flüchtlingspolitik, nur unsere Einstellung und damit unsere Sicht- und Handlungsweise müsste sich ändern.«

Auch geduldete Asylsuchende arbeiteten, und es seien fast immer Arbeitsstellen, die das Letzte an Kraft aus ihnen herausholten für sehr wenig Geld, hat Wingruber beobachtet. »Freundlichkeit und Respekt werten die Betroffenen schon als besondere und seltene Draufgabe. Urlaub war für alle das erste Mal in ihrem Dasein als Asylsuchende.«