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»Mein Bruder Franz war auch mein bester Freund«

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Die Unglücksstelle, an der Franz Singhammer zusammen mit zehn weiteren Zuginsassen ums Leben gekommen ist, hat sein Bruder Alois sich nie angesehen. »Die Nerven hatte ich nicht.« (Foto: dpa)
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Franz (links) und Alois Singhammer waren nicht nur Brüder, sondern auch enge Freunde. Alois' Trauer nach dem Tod seines Bruders ist groß.
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Petting – Zuverlässig wie ein Uhrwerk stand Franz Singhammer seit 26 Jahren an jedem Arbeitstag pünktlich um 6.45 Uhr am Bahnhof in Kolbermoor. Etwa eine halbe Stunde dauerte die Zugfahrt zur 35 Kilometer entfernten Arbeitsstelle in Taufkirchen. Am Faschingsdienstag kam der Ingenieur dort nicht an. Der 56-jährige Familienvater war einer von insgesamt elf Personen, die das schreckliche Zugunglück bei Bad Aibling nicht überlebten.


Zu den zahlreichen Menschen, die den Tod eines Verwandten oder Freundes betrauern, gehört Alois Singhammer aus Petting. Der in der Region sehr bekannte Fußballschiedsrichter vom SV Kirchanschöring ist über den Tod seines Bruders Franz tief erschüttert. »Wir haben uns sehr gut verstanden und viel miteinander unternommen, Franz war mein bester Freund und Lieblingsbruder«, sagt der 58-Jährige.

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So weit wie Franz hat es in der Familie beruflich keiner gebracht. »Er war unser ganzer Stolz«, sagt deshalb auch sein Bruder Alois. Schließlich wusste Franz bereits als Bub genau, was er wollte. Nach einer erfolgreichen Automechanikerlehre in Leobendorf besuchte er die Fachoberschule in Traunstein, studierte anschließend in München. Gleich im Anschluss nahm der frischgebackene Diplomingenieur eine Arbeitsstelle bei einem amerikanischen Hersteller von Sensortechnik in Taufkirchen an. Dort war Singhammer über 30 Jahre als leitender Angestellter tätig – bis zum Faschingsdienstag, als bei Bad Aibling die beiden Züge kollidierten.

»Es war ein Riesenschock«

Sein Bruder Alois erinnert sich genau an den Moment, als er die schreckliche Nachricht erhielt. »Nach dem Waginger Faschingszug hat es mir ein Nachbar gesagt. Es war ein Riesenschock«, erinnert sich Alois Singhammer, der mit seinem Bruder Zeit seines Lebens eine enge Beziehung hatte. »Franz war das schönste Geschenk, das mir meine Eltern gegeben haben. Wir waren ein Traumduo, zwei richtige Lausbuben«, schwärmt Alois.

Er erzählt von einer glücklichen Jugendzeit in Petting, vom gemeinsamen Baumkraxeln, Versteckspielen und natürlich vom Fußballspielen. Denn gemeinsam spielte man in jungen Jahren in einer Schülermannschaft, ehe Franz mit 16 Jahren den Fußballsport aufgab und sich fortan bei der Wasserwacht in Kühnhausen und bei der Freiwilligen Feuerwehr Petting engagierte. Alois Singhammer blieb dem Fußballsport dagegen treu, absolvierte später die Ausbildung zum Schiedsrichter und pfeift heute in der A-Klasse.

Die Verbindung zwischen den Brüdern Singhammer blieb auch bestehen, nachdem Franz nach Kolbermoor geheiratet hatte. Franz besuchte regelmäßig seine Familie in Petting. Sein zwei Jahre älterer Bruder Alois weiß, dass Franz allgemein sehr beliebt war. »Und unternehmungslustig«, ergänzt Alois Singhammer. Vor allem war der Franz in den vergangenen Jahren viel in den heimischen Bergen unterwegs – beim Wandern, Klettern und Mountainbiken.

Dass sein Bruder von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist, bereitet Alois Singerhammer nicht nur seelische Schmerzen. Der Pettinger ist vielmehr auch wütend auf die Politik, die nichts unternehme, um das Reisen mit der Bahn noch sicherer zu machen. »In Österreich gibt es ein Sicherheitssystem, das den Frontalzusammenstoß zweier Züge unmöglich macht«, weiß Singhammer, der selbst in Lamprechtshausen arbeitet.

Dobrindt »ist für mich der Hauptschuldige«

Singhammer weiter: »Unser Verkehrsminister Alexander Dobrindt wehrt sich allerdings gegen die Einführung dieses Systems. Er ist für mich deshalb der Hauptschuldige an diesem Unglück.« Dem Fahrdienstleiter, der wohl mit einem fatalen Fehler die Katastrophe verursacht hatte, will Singhammer dagegen keinen Vorwurf machen. »Er hat es ja nicht mit Absicht getan. Aber in Österreich greift halt die Technik ein, wenn ein Fahrdienstleiter einen Fehler macht.«

Die Beerdigung am Mittwoch vergangener Woche verlangte vor allem den Angehörigen von Franz Singhammer noch einmal viel Kraft ab: dessen Ehefrau, der 21-jährigen Tochter, dem 23-jährigen Sohn, der Mutter, den beiden Brüdern und zwei Schwestern. Über 600 Trauergäste erwiesen Franz Singhammer in Kolbermoor die letzte Ehre. Sie erinnerten sich des Mannes, der mit seiner ruhigen, besonnenen Art von allen geschätzt wurde. Sie werden ihn vermissen. Ulli Kastner