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Mehrarbeit für Grundschullehrer: »Man muss mit den Kollegen reden«

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Grabenstätt: Mehrarbeit für Grundschullehrer – »Man muss mit den Kollegen reden«
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Unter den Kollegen herrsche »blankes Entsetzen«, sagte im Januar der Vorsitzende des Kreisverbands Traunstein des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), Alexander Fietz, gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt zu den Plänen von Kultusminister Michael Piazolo. (Foto: dpa)

Grabenstätt – »Es geht gar nicht um die eine Stunde Mehrarbeit in der Woche. Das war eher der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat«, sagt Josephine Brunnhuber, Kreisvorsitzende der Katholischen Erzieher-Gemeinschaft (KEG). Wie berichtet, hatte Kultusminister Michael Piazolo Änderungen der Arbeitsbedingungen von Grund- und Mittelschullehrern angekündigt, um dem Problem des Lehrermangels Herr zu werden.

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Natürlich sei man sehenden Auges in die Katastrophe gestolpert, so Brunnhuber. Aber: »Fakt ist, dass zum kommenden Schuljahr 1400 Grundschullehrer fehlen«, so die Leiterin der Grundschule Grabenstätt. »Der Kultusminister hätte den Unterricht auch durch größere Klassen sicherstellen können. Aber 30 Kinder pro Klasse würden die Bedingungen für Schüler und Lehrer stark verschlechtern. Manch kleinere Schule hat vielleicht keine 30 Erst- oder Zweitklässler. Die hätte man dann zusperren und die Kinder in den Nachbarort fahren müssen. Das will ja auch keiner.« Insofern habe sich Piazolo für die Sofortmaßnahmen mit den wenigsten Einbußen für die Qualität entschieden.

Mehrarbeit über Arbeitszeitkonto abwickeln

Die Mehrarbeit werde ja über ein Arbeitszeitkonto abgewickelt. »Wenn jetzt ein Lehrer vier Jahre lang eine Stunde mehr arbeitet, arbeitet er danach vielleicht noch drei Jahre wie zuvor und muss dann vier Jahre lang eine Stunde weniger pro Woche unterrichten«, erklärt Brunnhuber.

Das habe es Anfang der 2000er Jahre schon einmal gegeben. »Damals gab das nicht so eine große Aufregung. Vielleicht war da die Belastung der Lehrer noch nicht so groß, die Teilzeitmöglichkeiten waren auch nicht eingeschränkt«. Allerdings hätten gerade ältere Kollegen Sorge, dass sie überhaupt noch lange genug arbeitsfähig sind, um die Stundenreduzierung überhaupt nutzen zu können.

Die Belastung habe generell in den letzten Jahren ständig zugenommen: »Integration, Migration, Inklusion, Gespräche mit Eltern und Institutionen, Lernentwicklungsgespräche in der ersten und zweiten Klasse und die zweiseitigen Zeugnisse«, sagt Brunnhuber.

Neben dem Aussetzen von Sabbatjahren soll der Vorruhestand mit 63 Jahren wegfallen. Durch eine deutliche Erhöhung der Ermäßigungsstunden ab 62 Jahren würde vielleicht mancher Kollege auf den Vorruhestand verzichten. Auch sollten älteren Kollegen flexiblere und passendere Lösungen angeboten werden.

Die geplante Erhöhung der arbeitsmarktpolitischen Teilzeit (nicht der Teilzeit aus familiären Gründen) auf 24, eventuell 25 Stunden sei problematisch, so Brunnhuber. »In den Klassen eins und zwei hat man mit 20 Wochenstunden bereits eine eigene Klasse. Die zusätzlichen Stunden wären also Überhangstunden, die man in einer anderen Klasse oder sogar in einer anderen Schule ableisten müsste.« Würde man die Teilzeit nur um eine Stunde pro Woche erhöhen, »könnten das sicher die meisten Kollegen schaffen. Bei 24 oder 25 Stunden aber werden sicher viele krank, was uns auch nicht weiter hilft.«

»Die Pläne sind aber noch nicht durch. Eventuell lässt sich da auch noch verhandeln.« Überhaupt setzt Brunnhuber aufs Reden: »Härtefälle müssen berücksichtigt werden, aber vielleicht ist ja der eine oder andere Kollege freiwillig bereit, wieder mehr zu arbeiten, wenn ich ihn frage, was traust du dir zu?«.

Entlastungsmöglichkeiten für Kollegen suchen

Wichtig sei es, nach Entlastungsmöglichkeiten zu suchen. So könnten, wie sie es in einem Brief an das Kultusministerium formulierte, die zweiseitigen Zeugnisse deutlich vereinfacht werden, was Zeit sparen würde. So habe die KEG bereits ein Muster für ein Zeugnis zum Ankreuzen entwickelt, das auch für nicht-deutsche Eltern gut verständlich wäre.

Weiter könnte auch die bisher unangetastete familienpolitische Teilzeit auf freiwilliger Basis erhöht werden, etwa von bisher sechs auf zehn bis zwölf Stunden pro Woche. »Wichtig ist aber die Planungssicherheit. Man muss sich dann darauf verlassen können, die Stunden an wenigen Tagen leisten zu können, also zwölf Stunden an zwei Tagen, 15 bis 18 Stunden an drei Tagen. Ein guter Schulleiter kriegt das hin.«

Ähnlich sei es mit der Teilzeit in Elternzeit. Denn es gebe auch Kolleginnen, die nur eine Stunde in der Woche unterrichten. »Wenn man das auf sechs Stunden an einem Tag ausdehnen könnte, würde auch das Erleichterung bringen. Aber auch hier wieder ist die Planungssicherheit das A und O, und es geht nur auf freiwilliger Basis.«

Da die beiden letzten Vorschläge nur per Gesetzesänderung umsetzbar wären, schlage sie vor, mit allen »unterhälftigen« Kollegen zu reden. »Wenn man ihnen Planungssicherheit gibt und ihnen die Notwendigkeit und auch die Vorteile einer Erhöhung (Stichwort Rente!) erklärt, wären sicher einige bereit zu erhöhen«, meint Brunnhuber.

»Und wir brauchen mehr Unterstützung. Supervision und Coaching sind in großen Firmen gang und gäbe.« Sonderpädagogen könnten die Inklusion unterstützen. Zwar wolle man in Bayern nicht den typischen Quereinsteiger, aber auch Sport-Übungsleiter oder Kunstpädagogen könne man einsetzen. »Auch das würde Entlastung bringen«.

Mehr Stunden für Verwaltungskräfte

Und die Erhöhung der Stundenzahl von Verwaltungskräften wäre eine vergleichsweise günstige Entlastung. In mancher Schule seien diese nur an zwei oder drei Tagen im Einsatz. »Allein jetzt in der Erkältungszeit bin ich immer wieder gezwungen, die Klasse sich still beschäftigen zu lassen, während ich versuche, die Eltern erkrankter Schüler zu erreichen. Den kranken Schüler kann ich auch nicht allein lassen, aber die Zeit fehlt mir in der Klasse. Da wäre eine Sekretärin sehr hilfreich.«

All das sei nur eine Auswahl an Möglichkeiten. »Ich schlage deshalb vor, alle Möglichkeiten einer Entlastung in Gesprächen zu sammeln«, so Brunnhuber. »Es ist jetzt nicht die Zeit des Hoffens auf Veränderung, sondern der aktiven Mitgestaltung unserer Zukunft für ein funktionierendes Schulsystem! Zum Wohle der Kinder und Lehrer muss jetzt Einsatz gezeigt werden«, appelliert sie an alle Kollegen. coho