Mehr Planungssicherheit & konkrete Perspektiven: Elternvertreter wenden sich an Politik

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Evi Fakler (rechts) und Karin Weiler, Elternbeiräte der Grund- und Mittelschule Siegsdorf, haben mit weiteren Elternvertretern von Grundschulen in einem Schreiben an politische Entscheidungsträger Sorgen und Forderungen der Eltern zusammengetragen. Auch von Seiten der Gymnasien in der Region haben Elternbeiräte sich in einem gemeinsamen Brief an die Politik gewandt. Sie alle wollen konkrete Perspektiven für Schulöffnungen – auch und vor allem im Herbst. (Foto: Bauer)

Es reicht jetzt. So vielen. Ganz unabhängig davon, wie sie zu den Corona-Maßnahmen stehen. Seit über einem Jahr ist Deutschland im Pandemie-Modus. Besonders eingeschränkt davon sind seit Anfang an die Kinder und Jugendlichen. Nur begrenzte Treffen mit Freunden, kein Sport im Verein und Schule nur zu Hause, allein am Rechner. Manche waren seit fünf Monaten nicht in der Schule und auch davor nur im On-Off-Modus.

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»Das geht so nicht mehr«, sagt Evi Fakler, Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule Siegsdorf. Auch vor dem Hintergrund, dass angesichts sinkender Infektionszahlen nun Lockerungen in Sicht sind, hat sie zusammen mit weiteren Elternvertretern der Grund- und Mittelschule Siegsdorf, der Ludwig-Thoma-Schule in Traunstein und der Grundschule Übersee einen Brief an Ministerpräsident Markus Söder, Landrat Siegfried Walch und weitere politische Verantwortungsträger verfasst und fordert: »Schulöffnung mit Hygienekonzept unabhängig von Inzidenzen!« Auch Elternvertreter von acht Gymnasien in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land haben sich in einem Brief an die Politik gewandt.

Eltern wollen eine Schule, die auf bleibt

Die Zahlen sinken und ab dem heutigen Freitag dürfen die Kinder und Jugendlichen endlich wieder in den Präsenzunterricht – im Wechsel und mit Maske und Selbsttests. Das ist ein Lichtblick – aber für viele Eltern nicht genug. Sie wollen eine Schule, die auf bleibt. Kalkulierbar für alle – die Eltern, die Lehrer, die Kinder. Ohne den täglich bangen Blick auf Inzidenzen. »Das ist eine Belastung, die es nicht braucht«, so Evi Fakler. Dafür gebe es doch die Hygienekonzepte und Testpflicht. Immer wieder seien in den letzten Wochen und Monaten Mamas und Papas an den Elternbeirat der vier Grund- und Mittelschulen herangetreten mit der Bitte, etwas gegen die Corona-Maßnahmen zu unternehmen. Dabei seien die Forderungen so vielfältig, wie die Gesellschaft selbst. Mit ihrem Schreiben haben die Elternvertreter deshalb versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Sie sprechen für eine breite Elternschaft, wie sie betonen, aber nicht für alle. Wir wollen mit dieser Aktion jedoch einen Dialog anstoßen, um einer weiteren Spaltung von Schulgemeinschaften entgegenzutreten.

Schulen als sozialer Lebensraum systemrelevant

»Die Schulen sind als sozialer Lebensraum systemrelevant für die Bildung und die Zukunft unserer Kinder und damit unseres Landes«, steht in dem Schreiben. Karin Weiler vom Elternbeirat der Mittelschule Siegsdorf hat den Brief mit verfasst und macht deutlich, wie belastend die Situation für viele Eltern und Kinder ist, psychisch und physisch. Auch Claudia Lahr, Elternbeiratsvorsitzende der Ludwig-Thoma-Schule in Traunstein berichtet von einer zunehmenden Antriebslosigkeit bei den Kindern. Obwohl – und das wollen die Elternvertreter betonen – die Lehrer sich unheimlich bemühen, allen gerecht zu werden und die Kinder zu motivieren. Manche erreichen sie aber einfach nicht mehr.

Die immer so betonte Solidarität könne nicht weiter hauptsächlich auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen ausgetragen werden, sagt Karin Weiler. Ihnen werde der Schulbesuch verwehrt, während gleichzeitig ein Großteil der Arbeitnehmer weiter in die Arbeit gehe. »Das ist eine Ungleichbehandlung.« In anderen Ländern würde den Kindern und der Bildung ein höherer Stellenwert eingeräumt. Bei uns entstehe der Eindruck, die Maßnahmen würden nach dem geringsten Widerstand ausgelegt, nicht nach der größten Wirkung.

Nur 163 von 288 000 Selbsttests positiv

Zumal Zahlen des Kultusministeriums zeigen, dass das Risiko einer Ansteckung unter den derzeitigen Maßnahmen an Schulen gering sei: von 288 000 Selbsttests an bayerischen Schulen (nach etwa 14 Tagen Schulbetrieb mit Testpflicht) waren 163 positiv. »Wenn da also nicht das Problem liegt, ist eine Fortführung dieser sehr strengen Maßnahmen schwer zu rechtfertigen«, meint auch Claudia Lahr. Die Elternvertreter fordern in dem Schreiben deshalb mehr Mut und ein Umdenken zugunsten der Kinder und Jugendlichen – jetzt und im Hinblick auf das kommende Schuljahr.

Schulen öffnen – unabhängig vom Inzidenzwert. So weit gehen die Gymnasien in der Region in ihrem Brief an die Politik nicht. Aber auch hier werden die Sorgen größer und die Kritik lauter. Die Elternbeiräte des Chiemgau-Gymnasiums und des Annette-Kolb-Gymnasiums in Traunstein, des Johannes-Heidenhain-Gym- nasiums in Traunreut, des Rottmayr-Gymnasiums Laufen, des Karlsgymnasiums in Bad Reichenhall und des Gymnasiums Berchtesgaden wünschen sich möglichst konkrete Perspektiven, wie der Präsenz- und Wechsel-Schulbetrieb – vor allem nach Pfingsten und im Herbst – wiederhergestellt und ausgebaut werden kann. Auch Sebastian Ring, Elternbeiratsvorsitzender am CHG, berichtet von zunehmendem Frust und psychischen Problemen bei den Schülern. Immer mehr würden sich total in sich selbst zurückziehen.

Auch wenn der »bayerische Sonderweg« zunächst aufgehoben wurde, machen die Elternvertreter der Gymnasien in ihrem Brief deutlich, dass »eine restriktivere Handhabung des Schulbesuchs im Verhältnis zu anderen Bundesländern nicht mehr auf die notwendige Akzeptanz« stoße.

Die Hilferufe kämen aus einer breiten Basis der von ihnen vertretenen Familien. Dabei seien die allermeisten Familien bereit, die Schutzmaßnahmen wie Tests, Hygiene- und Abstandsregeln, Mund- und Nasenschutz hinzunehmen, wenn dadurch eine weitgehende Präsenz-Beschulung möglich sei.

Führen Beschränkungen zu Abwanderungen?

In der Grenzregion zu Österreich machen die Elternvertreter noch auf ein anderes Problem aufmerksam: Eine ganze Reihe von Schülern aus Österreich gehe auf Schulen diesseits der Grenze. Mit Sorge höre man nun, »dass die Erfahrungen und Beschränkungen aus der Pandemiezeit in Zukunft zu Abwanderung führen dürfte«, heißt es in dem Brief weiter. Das sei ein Rückschlag für die europäische Idee, der sich die Schulen verpflichtet fühlen. Ihre dringende Bitte: Die jüngsten und die bevorstehenden Entscheidungen im Hinblick auf die Beschränkungen des Schulbetriebs an den bayerischen Schulen bzw. Gymnasien zu überprüfen. ka

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