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»Man muss halt die Möglichkeiten suchen, die man noch hat«

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Inzell. Gerade hat sie den Pflegepreis der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft erhalten: Brigitte Eicher aus Inzell pflegt ihren Mann, seit er im Rollstuhl sitzt (wir berichteten). Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt berichten sie und ihr Mann Anton Eicher über ihr Leben mit der Krankheit.


»Froh, dass mir die Ärzte das nicht gleich gesagt haben«

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»Im Nachhinein bin ich ganz froh, dass mir die Ärzte nicht gleich so deutlich gesagt haben, was es ist«, sagt Anton Eicher, »sonst wäre mein Leben sicher anders verlaufen.« Denn so wusste er als junger Mensch nicht, was noch auf ihn zukommen sollte. Also ließ er sich auch nicht davon abhalten, sein Leben zu leben, so gut es eben möglich war.

Mit 16 Jahren bemerkte er 1964 zum ersten Mal, dass die linke Körperhälfte taub wurde. Die Ärzte sprachen aber nur von einer Entzündung der Nerven im Rückenmark und verordneten Cortison. Das linderte die Beschwerden auch zunächst. »Die haben damals schon gewusst, was es ist«. Mit 18 Jahren lernte er seine Frau Brigitte kennen. Sein Bruder hatte in ihm die Liebe zu den Bergen geweckt. Mit ihm, seiner heutigen Frau und auch der Bergwacht ging er in die Berge, so oft es ging. Nichts war ihm zu hoch oder zu weit, er war ein richtiger Bergfex.

Das Cortison half nur vorübergehend. »Das Problem kam immer wieder. Mal ist er gestolpert, mal ist ihm während des Studiums in München einfach die Tasche aus der Hand gefallen«, berichtet Brigitte Eicher. Trotzdem zog er das Studium durch. 1971 heirateten die beiden und bauten ihr Haus. 1972 wurde Tochter Elisabeth geboren, 1975 Sohn Andreas.

Im März 1976 machte sich der Architekt selbstständig. Noch im gleichen Sommer hatte er einen ganz schweren Krankheitsschub. »Das war eine sehr schwere Zeit damals«, erinnert sich Brigitte Eicher. Das Geschäft lief gerade erst an, die Kunden fragten nach ihren Plänen, und sie wusste nicht, wann ihr Mann aus dem Krankenhaus kommen und ob er überhaupt wieder einen Stift halten können würde. »Die Kinder waren noch klein und wir hatten erst gebaut.«

»13 Viertausender ist er gegangen mitsamt seiner MS«

Doch Eicher ließ sich nicht unterkriegen. Unermüdlich arbeitete er, bemühte sich auch um öffentliche Aufträge. Er war so angesehen, dass er in den Gemeinderat gewählt wurde, dem er 18 Jahre lang angehörte – bis die Krankheit ihn zum Aufhören zwang. 12 Jahre lang leitete er den Alpenverein. Sie war 20 Jahre Schatzmeisterin im Katholischen Frauenbund, zehn Jahre lang besuchte sie namens der Pfarrei kranke Inzeller im Vinzentinum in Ruhpolding. »Das hat mir ein besseres Verständnis für kranke Menschen gebracht.«

»Die erste Zeit denkt man sich nix, da haben wir schon noch viel unternommen«, erinnert sich Brigitte Eicher. »Wir waren in den Bergen oder beim Tanzen, solange das halt ging.« Anton Eicher war auch mit der Krankheit in den Bergen unterwegs – »mit einer Gruppe von acht bis zehn Leuten ist er immer mal wieder eine Woche Hochtouren gegangen. 13 Viertausender ist er gegangen, mitsamt seiner MS«, sagt Brigitte Eicher und lächelt.

1983 ging Anton Eicher seinen letzten Berg im Karwendel. 1992 erlitt er einen sehr starken Schub, der ihn in den Rollstuhl zwang. Er musste auch aufhören zu arbeiten. 1996 wurde das Bad umgebaut, es gab Hebehilfen für das Schlafzimmer und einen Drehsitz fürs Auto. Als das Umsetzen immer schwieriger wurde, ging es nicht mehr ohne geräumigen VW-Bus, in dem auch der Rollstuhl Platz hat. Allein die Hebebühne kostete rund 14 000 Euro. »Und dafür gibt es keinen Cent Zuschuss«, sagt Brigitte Eicher, und meint damit nicht nur sich und ihren Mann, sondern auch viele andere Menschen in ähnlichen Problemlagen.

Aus den Besuchen der MS-Selbsthilfegruppe in Marquartstein wurde nach der Erkrankung deren bisheriger Leiterin auch die Leitung der Gruppe. Und so ist Brigitte Eicher neben allem anderen Engagement auf der Suche nach finanzieller Unterstützung für den monatlichen Treff beim »Weßner Hof«, der für viele Betroffene das einzig noch mögliche Vergnügen ist. So gern sie die Arbeit macht, so wenig Verständnis hat sie für die Bürokratie drumrum: »Da sollen wir jedes Mal eine Anwesenheitsliste machen. Dabei hab ich drei Leute dabei, die gar nicht mehr selbst unterschreiben können.«

Zum Glück leben beide Kinder mit Familien im Haus

Ihren Mann waschen und anziehen kann sie zum Teil selbst, zum Teil kommt ihr der Pflegedienst zu Hilfe, vor allem auch beim Umsetzen in den Rollstuhl. Dazu kommt auch noch die Versorgung der Schwiegermutter, die in einem benachbarten Haus lebt und an Parkinson leidet. Zum Glück war das Verhältnis der beiden Frauen schon immer sehr gut. Und zum Glück haben die Eichers ihre Kinder, Schwiegerkinder und fünf Enkel samt der dazugehörigen Katzen, Hennen und Hasen im bzw. am Haus. »Die Tochter ist ja Krankenschwester, die hilft mir, wo sie kann.« Und auch der Rest der Familie packt zu, wenn Not am Mann ist. »Das ist der Vorteil der Großfamilie, es ist immer wer da«, sagt Brigitte Eicher.

Und so kann sie sich einmal die Woche eine Auszeit gönnen, wenn sie mit dem Fitness-Club Wanderungen unternimmt. Manchmal gehen Eichers auch noch zusammen auf den Berg – inzwischen halt auf der Forststraße mit dem Elektrorollstuhl. Oder sie nehmen an dem jährlichen Ausflug des VdK teil. »Erleben tut man allerhand«, sagt Brigitte Eicher. Dazu gehört Negatives – wie Aufzüge in Ärztehäusern, die für Rollstühle zu schmal oder zu kurz sind – wie Positives – wie etwa ein Baggerfahrer in der Schweiz, der extra ein Loch auf dem Weg schnell zugeschoben hat, damit Eichers mit dem Rollstuhl durch können.

Und so nimmt Anton Eicher die Krankheit geduldig an, und lässt sich die Lebensfreude nicht nehmen. »Eine gute Partnerschaft ersetzt doch einiges«, sagt er. »Und man muss halt immer die Möglichkeiten suchen, die man noch hat.« coho