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Leitprodukt entwickeln, unverwechselbar werden

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Traunstein – Wie können der heimische Tourismus gefördert und die Region besser vermarktet werden? Darüber diskutierten die Mitglieder des Regionalausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Positionen waren teils recht konträr, einig waren sich aber alle, dass mehr zur Stärkung der Region getan werden müsse. Auch der Regionalausschuss wolle der Thematik Priorität einräumen. Sei der Tourismus doch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, wie Ausschussvorsitzender Nikolaus Binder anfangs erläuterte.


Leitprodukt entwickeln, unverwechselbar werden

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Martin Drognitz, Referatsleiter in der IHK, sagte, dass das vergangene Jahr das beste Tourismusjahr war. Die Aussichten seien weiter positiv, die Region sei attraktiv. Rund eine halbe Milliarde Euro jährlich würden durch Übernachtungen, Tagesgäste und Dienstleistungen im Tourismusbereich an Umsätzen generiert. Fördermittel als gestaltende Instrumente seien vorhanden. Insbesondere in der Infrastruktur seien diese wichtig für die Sicherung der Attraktivität der Standorte. Wünschen würde man sich eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten – seien diese doch in Zeiten des boomenden Onlinehandels wichtig, um die Attraktivität in touristischen Orten zu steigern.

Oswald Pehel, Geschäftsführer der Tourismus Oberbayern München, versuchte in seinem Kurzvortrag den Fokus auf die Entwicklung konkreter Produkte zu legen und nannte exemplarisch die Themen Rad und Bierkultur. Dies dürfe regional nicht zu eng gesehen werden: »Wie können Produkte eine Klammer über die Regionen bilden?« Man müsse ein bestimmtes Leitprodukt mit eigener Produktmarke anbieten, das für die Region stehe. Damit könne man genau die jeweilige Zielgruppe treffen. »Wir müssen unverwechselbar sein« war sein Plädoyer.

Peter Stocker, Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA Bayern, sparte nicht mit Kritik an der Kommunal- und Landespolitik. Die Zahlen des Tourismusbooms in Bayern seien nicht einfach auf die Region zu übertragen. »Das spielt sich nicht auf dem Land ab, sondern in München, Nürnberg und Augsburg.« Man blicke auf positive Zahlen im Tourismus, was aber nicht für die Region gelte. Die Übernachtungszahlen der beiden Landkreise Traunstein und Rosenheim hätten in der langfristigen Rückschau eine deutlich sinkende Tendenz gezeigt, die Wertschöpfung für die Region sei entsprechend deutlich zurückgegangen.

»Wir tun viel, wir sind auf einem guten Level«, nahm er gleichzeitig die Tourismusbetriebe in der Region in Schutz. Die Problematik im Chiemgau sei, dass man – entgegen der Ballungszentren – keine zwölf Monate Saison habe. Bei 65 bis 70 Prozent Bettenauslastung gehöre man schon zur oberen Riege. Man müsse in der Region aber mit einer durchschnittlichen Bettenauslastung von 30 Prozent leben. Er wundere sich sowieso, warum so mancher Betrieb überhaupt noch da sei.

Man schaffe als guter Betrieb maximal sieben Monate positive Zahlen, die dann von den schlechten Monaten wieder aufgefressen würden. Höchstpreise könne man ohnehin nur wenige Monate verlangen.

»Wir wollen ein Mitspracherecht«

Zur Fusion der Tourismusverbände betonte er, dass die Bemühungen schon fast zehn Jahre zurückreichen würden. Man benötige am Markt 12 bis 15 Millionen Übernachtungen pro Jahr, um sich auf europäischer Ebene behaupten zu können, war das Fazit, wobei ursprünglich eine große Klammer mit der Region 18 (Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land, Rosenheim, kreisfreie Stadt Rosenheim, Altötting, Mühldorf am Inn) vorgesehen war. Die kleinste Destinationsgröße mit Traunstein und Rosenheim sei am Ende übrig geblieben. »Die Wirtschaft will, dass wir ein gleichwertiger Partner für den kommunalen Tourismus sind. Wir wollen ein Mitspracherecht.«

Seine Kritik, dass keine professionelle Arbeit stattfinde und man nur rede, wollte Stephan Semmelmayr, Geschäftsführer vom Chiemgau Tourismus nicht gelten lassen. Man sei in der Region sehr klein strukturiert, rund ein Drittel seien kleine Vermieter. Man könne die Metropolen nicht mit dem ländlichen Raum vergleichen. »Auch die Österreicher kochen nur mit Wasser« trat er einer »Glorifizierung« des österreichischen Tourismus' entgegen. Gleichzeitig hätten gerade die österreichischen Fremdenverkehrsorte deutlich höhere Werbebudgets. Die Region im Chiemgau sei nicht nur vom Tourismus geprägt, sondern verfüge über eine gewachsene, diversifizierte wirtschaftliche Struktur mit vielen mittelständischen Betrieben. Den Weg für den Landkreis sehe er in »strategischen Geschäftsfeldern«. Er führte exemplarisch die Thematik »Golfspielen im Chiemgau« an, die praktisch ein Alleinstellungsmerkmal bringe. Über einen gemeinsamen Topf, bei dem sich auch der Chiemgau Tourismus paritätisch beteiligt, trügen die Initiatoren auch Verantwortung und Mitspracherecht über die Mittelverwendung. Das System beschränke sich nicht auf den Landkreis Traunstein. »Es ist der gleiche Gast, der aus Hamburg in die Region will«, warb er für eine gemeinsame Tourismuswerbung.

Stimmung bei den Betrieben ist gut

»Das Stimmungshoch hält an«, sagte IHK-Chefvolkswirt Robert Obermaier zur wirtschaftlichen Lage der oberbayerischen Firmen. »So eine Situation hatten wir selten, die Konjunktur glänzt, die Wirtschaft brummt.« Sorgen machten die Unsicherheit über die politische Haltung der USA sowie der EU-Austritt Englands. Auch Unsicherheiten über die Entwicklung in Italien seien ein möglicher Negativfaktor. awi