Bildtext einblenden
Viele Lehrer sind ausgelaugt, denn von ihnen wird derzeit viel Flexibilität, Kreativität und Mehrarbeit gefordert. Die Pandemie wirke wie ein Katalysator und verdeutliche den Lehrermangel an den Grund- und Mittelschulen, sagt BLLV-Kreisvorsitzender Alexander Fietz. Foto: dpa

Lehrermangel: Flexibilität und Überstunden an den Grundschulen gefordert

Klassen werden zusammengeschmissen und in der Aula unterrichtet, statt Ethik in der ersten, gibt es Sport mit der zweiten Klasse und manchmal ist schon nach der vierten Stunde Schluss, weil Werken und Handarbeiten ausfällt. Um den Unterricht aufrecht zu erhalten, sind derzeit Flexibilität, Kreativität und viele Überstunden gefordert an den Grundschulen im Landkreis.


Denn neben den zahlreichen Kindern, die wegen einer Corona-Infektion zu Hause bleiben müssen, sind auch immer wieder Lehrer betroffen. Das Schulamt schickt Vertretungslehrer, sogenannte mobile Reserven, aber auch diese sind nur begrenzt verfügbar. Häufig müssen Schulen sich also selbst behelfen.

Das funktioniert an größeren Schulen im Landkreis besser, wie die Rektoren Josephine Brunnhuber aus Ruhpolding und Alexander Fietz aus Traunstein schildern. Sie haben ein größeres Kollegium, das sich helfen kann. Kleinere Grundschulen haben da größere Probleme. »Wir sind zum Teil handlungsunfähig, die Kinder sinnvoll zu beschulen«, schilderte eine Lehrerin, die anonym bleiben will, die Situation an ihrer Schule gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt. Allen gemeinsam ist der Wunsch, dass die Pandemie bald endet. Unabhängig davon wird aber deutlich: Es mangelt an ausreichend Lehrern für die Grundschulen – und das nicht erst seit Corona.

Jeden Morgen erstmal Überblick verschaffen

»Man kann nichts planen und arbeitet von Tag zu Tag«, beschreibt Josephine Brunnhuber den anstrengenden Pandemie-Alltag. Sie ist Rektorin der Grund- und Mittelschule Ruhpolding und zugleich Kreisvorsitzende des Lehrerverbands KEG (Katholische Erziehergemeinschaft). Jeden Morgen müsse sie sich zunächst einen Überblick verschaffen, wer an ihrer Schule da ist, wer in Quarantäne, wer Kontaktperson und wer genesen. Letztere dürften nämlich 28 Tage lang nicht an den PCR-Pooltests teilnehmen, weil sie diese verfälschen könnten. Der Aufwand, das alles zu erfassen, sei massiv, so Brunnhuber. Sie habe inzwischen 13 Pläne, für jede Klasse einen, und arbeite mit »roten, grünen und orangefarbenen Zetteln«.

Erkrankte Lehrkräfte konnten sie in Ruhpolding während der Pandemie bisher ganz gut ersetzen. Nur ab und zu mussten »Randstunden« (5./6. Stunde) ausfallen. »Der Pflichtunterricht findet statt und läuft erstaunlich gut«, sagt Brunnhuber und schiebt hinterher, »weil die Kollegen über die Maßen arbeiten«. Überstunden seien die Regel. »Wahnsinnig anstrengend« sei, die Kinder zudem zu Hause mit ausreichendem Material zu versorgen.

Wieder auf Homeschooling umzustellen, ist für sie aber keine Option: »Präsenzunterricht geht über alles, gerade in den unteren Klassen!« Langsam sei es aber an der Zeit, dass die Pandemie endet. »Wir sind alle ausgelaugt.« Und ihr fehlt das Schulleben außerhalb des Unterrichts – Projekte, Klassenfahrten und all das. Brunnhubers Wunsch für die Zukunft wäre, dass mehr Grundschullehrer ausgebildet und gerechter bezahlt würden, um auch wertzuschätzen, was in den unteren Klassen geleistet werde.

Grundschullehrer verdienen weniger

Immer noch verdienen Grundschullehrer in Deutschland weniger als Lehrer an weiterführenden Schulen. Bei jungen Beamten in Bayern sind das monatlich gut 500 Euro. Lehrer-Gewerkschaften finden diese schulformabhängige Bezahlung nicht gerechtfertigt und fordern schon seit Jahren eine Aufstockung der Besoldung der Grundschullehrer. Gerade in dem Bereich ist auch der Lehrermangel am gravierendsten. Nach einer Studie der Bertelsmannstiftung aus dem Jahr 2019 werden in drei Jahren (2025) »mindestens 26 300 Absolventen für das Grundschullehramt« fehlen. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Bildungsgewerkschaft VBE vom 25. Januar diesen Jahres kommt zu dem Ergebnis: Der Lehrermangel in den kommenden Jahren ist noch viel größer, als in den Berechnungen der Kultusministerkonferenz. Laut Untersuchung des Bildungsforschers Klaus Klemm fehlen demnach bis 2030 mindestens 81 000 Lehrkräfte an deutschen Schulen (nicht nur an den Grundschulen).

»Ja, wir haben einen Lehrermangel«, sagt auch Alexander Fietz, Rektor der Ludwig-Thoma-Schule in Traunstein. Er ist zugleich Kreisvorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Die Pandemie wirke wie ein Katalysator und die Belastung für viele seiner Kollegen sei im Moment grenzwertig, schildert er. Zwar hielten sich auch an der Ludwig-Thoma-Schule die Lehrerausfälle in der Pandemie bislang in Grenzen und konnten kompensiert werden. Der Alltag sei aber kräftezehrend.

Den Präsenzunterricht hält auch er für eine »wichtige Sache, weil er den Kindern Stabilität gibt«. Deshalb müssten die Lehrer kreativ bleiben und sich gegenseitig helfen, »damit für die Kinder was Gutes rauskommt«. Sie dürften dies aber auch nicht bis zur Selbstaufgabe tun.

»Die Burn-out-Rate unter Lehrern ist sehr hoch, nur spricht darüber keiner«, so Fietz. Der Schulleiter wünscht sich deshalb für die Zukunft mehr Entlastung für die Lehrkräfte, mehr Personal, eine gute Ausbildung und eine höhere Eingangsbesoldung. Auch die Schulleiter bräuchten Entlastung – hier müssten sich die Stunden für die Verwaltungsangestellten erhöhen. Rektoren an Grund- und Mittelschulen hätten nämlich nicht nur eine hohe Unterrichtsverpflichtung – an kleineren Schulen sogar eine eigene Klassleitung – sondern seien dazu oft noch »Mädchen für alles«. »Deshalb sind viele am Anschlag«, weiß er von Kollegen. Nicht ohne Grund werde es zunehmend schwieriger, Schulleiter-Stellen im ganzen Land zu besetzen.

»Es muss wieder reizvoll sein, Lehrer in der Mittel- oder Grundschule zu werden«, wünscht sich Fietz. Und das ganz unabhängig von der Pandemie.

ka

Mehr aus der Stadt Traunstein