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Leben retten fühlt sich gut an

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Emrah Kilic (unser Bild) arbeitet bei der DKMS als PR-Manager. Vor wenigen Wochen hat er nun selbst Stammzellen gespendet, so wie in Traunstein auch der 29-jährige Softwareprogrammierer Michael Högl-Strohmayer. (Symbolbild: DKMS)

Traunstein – »Ich fühle mich gut«, sagt Michael Högl-Strohmayer. Der 29-jährige Traunsteiner hat einem sechsjährigen Buben im Iran Stammzellen gespendet und damit wohl dessen Leben gerettet. Denn der Kleine war an Blutkrebs erkrankt. Seine einzige Überlebenschance war eine Stammzellspende, wie sie sie Deutsche Knochenmarkspender-Datei (DKMS) organisiert.


Der Softwareprogrammierer wurde auf die DKMS durch seine Berufsschule aufmerksam. »Hier war immer um die Weihnachtszeit eine Typisierungsaktion, bei der man durch einen einfachen Abstrich mit einem Wattestäbchen in der Backe sich als potenzieller Spender registrieren lassen konnte. Ich habe mir damals gedacht, wenn man damit Leben retten kann, sollte man das auf jeden Fall machen«.

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Über 16.800 Menschen bei der DKMS registriert

In Traunstein sind bei der DKMS über 16.800 Menschen registriert. Bis heute spendeten davon bereits 277 und schenkten so Blutkrebspatienten eine Chance, zu überleben. Bayernweit sind über 1,1 Millionen Menschen registriert. Nur ein Prozent kommt jedoch tatsächlich als Spender zum Zug. Denn den passenden Spender für einen Erkrankten, also den genetischen Zwilling, zu finden, gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Bedenken, ob er wirklich zur Spende bereit wäre, hatte Michael nicht: »Bei der Typisierung geht es ja erst einmal nur um die Registrierung. Da besteht keine Verpflichtung zum tatsächlichen Spenden«. Als drei bis vier Jahre nach der Typisierung klar wurde, dass er tatsächlich als Spender infrage kommt, zögerte er keine Sekunde – »wenn ich so ein Leben retten kann und es für mich keine negativen Folgen hat, warum nicht?«.

Bei einer Blutuntersuchung beim Arzt wurden weitere Merkmale überprüft. »Für wen ich spende, erfuhr ich erst hinterher, da man nicht durch den Zustand (Alter, Geschlecht, usw.) des Empfängers beeinflusst werden soll, und die Entscheidung, ob man spenden mag oder nicht, frei treffen kann«, sagt er.

Dabei gibt es zwei Wege der Stammzellspende. Die periphere Stammzellentnahme – laut DKMS mit 80 Prozent am häufigsten – dauert normalerweise drei bis höchstens fünf Stunden. In der Regel können die Spender die Klinik noch am selben Tag verlassen.

Stammzellspende verläuft ähnlich wie Blutspende

»Bei mir hat die Stammzellspende ähnlich wie eine Blutspende oder Dialyse stattgefunden«, berichtet Michael weiter. »Dabei musste ich mir zwei Wochen vorher täglich zwei Spritzen selbst geben, die mich etwas kränklich gemacht haben, um meine Knochenmarkproduktion anzuregen«. Im Entnahmezentrum wurde ihm dann Blut aus dem Arm entnommen, »in einem Gerät wurde das Blut vom Knochenmark getrennt und mir dann das Blut wieder in den anderen Arm gegeben.« Das dauerte rund vier Stunden. »Dabei habe ich ferngesehen, man kann auch Musik hören oder etwas lesen. Aber es ist überhaupt nicht schmerzhaft«, versichert er.

Die Knochenmarkentnahme kommt laut DKMS bei etwa 20 Prozent der Spenden zum Einsatz. Dabei wird den Spendern unter Vollnarkose circa ein Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenkamm entnommen. Im Anschluss ist für wenige Tage ein lokaler Wundschmerz möglich, ähnlich dem einer Prellung, so die DKMS. Zur Knochenmarkentnahme bleiben die Spender normalerweise für zwei, höchstens drei Tage im Krankenhaus. Das gesundheitliche Risiko beschränkt sich laut DKMS im Wesentlichen auf das allgemeine Risiko wie bei jeder Operation unter Vollnarkose.

Auch wenn der Datenschutz sehr strenge Vorgaben macht, dürfen Spender nach einer gewissen Zeit etwas über den Empfänger erfahren. »Es war ein sechsjähriger Bub aus dem Iran«, so Michael. Nach einem halben Jahr erhielt er die Information, »dass es dem Kind gut geht und es die Klinik verlassen konnte«. Die späte Information liege zum einen daran, dass der Körper des Empfängers die Spende möglicherweise nicht annimmt, »zum andern gibt es unterschiedliche Bestimmungen in den Ländern der Empfänger«.

Für Kontakt muss Empfänger aktiv werden

Ein Kontakt zwischen Spender und Empfänger sei nur möglich über die DKMS. Zwei Jahre nach der Spende sei es möglich, die Adressen auszutauschen, jedoch müsse die Initiative vom Empfänger kommen. »Bei mir war die Spende erst im Februar dieses Jahres, daher weiß ich noch nicht mehr. Aber ich würde mich über ein Kennenlernen freuen«, so Michael weiter.

Ein Leben gerettet zu haben, »das fühlt sich gut an, vor allem wenn man bedenkt, dass dies so einfach möglich war«. Gefragt, ob er erneut spenden würde, sagt er: »Ja auf jeden Fall würde ich es wieder machen, da es für mich keinerlei Schmerzen bedeutet hat. Ich fühlte mich für zwei Wochen etwas schlechter, als hätte ich eine leichte Erkältung. Aber das war wirklich nicht schlimm. Und so einfach ein Leben zu retten, ist es definitiv wert.«

»Komm in den 'Club des Lebens'« – Deutsche Knochenmarkspender-Datei spürt Folgen von Corona deutlich: Online-Registrierung

Alle Clubs sind derzeit coronabedingt geschlossen – nicht so der »Club des Lebens« der Deutschen Knochenmarkspender-Datei (DKMS). In dem Online-Club tauschen sich Menschen aus, die irgendwie mit dem Thema Blutkrebs zu tun haben, ob als Betroffene, Spender, Ärzte, Laboranten oder Pfleger.

Dabei spürt auch die DKMS Corona deutlich. »Im Vergleich zum Vorjahr haben wir bisher rund ein Drittel weniger Registrierungen«, sagt Julia Ducardus von der DKMS. Da merke man durchaus, dass derzeit keine großen Typisierungsaktionen möglich seien. Derzeit können man sich nur online ein Registrierungsset bestellen. »Den Abstrich an der Wangenschleimhaut muss man dann selbst vornehmen und das Röhrchen wieder zur Post bringen«, sagt Ducardus. »Das ist schon ein gewisser Aufwand«.

Darum habe man die coronabedingte Sehnsucht der Menschen nach Begegnung aufgenommen und den nur online vernetzten »Club des Lebens« gegründet. »Komm in den Club, in dem wir jeden Tag das Leben feiern«, lautet daher die Einladung der DKMS. Gesundheit sei alles andere als selbstverständlich. »Das Schöne ist: Wir können füreinander da sein und uns gemeinsam im Kampf gegen Blutkrebs engagieren«, heißt es in der Kampagne der DKMS.

Für viele Erkrankte sei es während der aktuellen Gesundheitskrise besonders wichtig, dass sie Solidarität erfahren und das Gefühl haben, nicht allein zu sein. Patienten, Spender, Ärzte und über 900 Kollegen an sieben Standorten weltweit sowie unzählige weitere Unterstützer seien in dem »Club des Lebens« organisiert, sagt DKMS-Geschäftsführerin Dr. Elke Neujahr. »Wir warten nicht, bis die Pandemie vorüber ist. Blutkrebs wartet auch nicht, er schlägt ungefragt zu, auch während der Corona-Pandemie.«

Derzeit erhält alle 15 Minuten in Deutschland ein Patient die Diagnose Blutkrebs, weltweit alle 35 Sekunden. Oft sei eine Stammzelltransplantation die einzige Chance auf Heilung. »Damit niemand mehr sterben muss, weil nicht rechtzeitig ein passender Stammzellspender gefunden wurde, ist es wichtig, dass sich vor allem junge Menschen bei der DKMS registrieren lassen. Sie sind in der Regel gesund und kommen aus medizinischen Gründen besonders häufig für eine Stammzellspende in Betracht«, heißt es weiter. Gleichwohl sind alle hilfsbereiten Menschen eingeladen mitzumachen.

Mit dem DKMS Club ist eine neue Begegnungsplattform geschaffen worden: Dort kann man sich informieren und registrieren lassen oder die Geschichten der ersten Clubmitglieder kennenlernen sowie Musiktipps erhalten. Künftig werden noch weitere interaktive Angebote zu finden sein, beispielsweise im Bereich Spiele. Die DKMS freut sich über jeden gesunden Menschen zwischen 17 und 55 Jahren, der sich als Spender registriert. coho

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