weather-image
15°

»Langsam bin ich immer tiefer und tiefer reingerutscht«

4.7
4.7
Bildtext einblenden
Ihr erster Weg führte Lisa morgens zur Heroinspritze.

An ihre Kindheit möchte sich Lisa (Name von der Redaktion geändert) am liebsten gar nicht mehr erinnern. »Zuhause lief nicht alles glatt«, sagt sie. Erst später ergänzt die junge Frau dann, dass auch immer wieder Gewalt in ihrer Familie an der Tagesordnung stand. Lisa schaffte es dennoch, ein relativ geregeltes Leben zu führen. Sie schloss eine Ausbildung zur Verkäuferin ab. Später arbeitete sie dann immer abends in einem Lokal – ein fataler Schritt, denn damit sollte sich ihr Leben radikal ändern. »Mit 20 Jahren habe ich angefangen, Heroin zu nehmen«, gesteht sie.


In dem Lokal habe sie nämlich eine Frau kennengelernt, mit der sie sich anfreundete, erzählt Lisa. Erst nach und nach kam sie dahinter, dass ihre neue Bekannte opiatabhängig war. »Die hat mich dann auch draufgebracht«, fügt sie hinzu. Lisa fing gleich mit dem Spritzen an. »Dann war ich auch schon mittendrin«, blickt sie zurück. Sie weiß nun auch: »Für meine Bekannte war ich nur eine Geldquelle.«

Anzeige

An einen geregelten Alltag war nicht zu denken

Dennoch schaffte es Lisa nicht, schnell wieder den Absprung zu schaffen – weg von den Drogen, ganz im Gegenteil. Sie entschied sich für den falschen Weg: Sie zog von zuhause aus, verlor ihre Arbeit und stand plötzlich vor dem Abgrund. »Langsam bin ich immer tiefer und tiefer reingerutscht«, sagt sie. »Die Drogen haben mir geholfen, das andere zu vergessen.« Zumindest dachte sie sich das. Gabriele Winkler, Diplompädagogin bei der Traunsteiner Fachambulanz für Sucht, hat dies schon öfters gehört: »Alle Abhängigen sagen, dass Drogen einem ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit geben.« Ein fataler Irrtum.

Lisa hat das Zeug deswegen auch immer weiter genommen – ohne darüber nachzudenken, was Drogen anrichten. »Das kam erst Jahre später«, sagt sie. »Dann habe ich versucht, von dem Zeug wieder wegzukommen.« Ein harter Weg. »Ich habe etliche Entgiftungen gemacht«, doch immer wieder wurde Lisa rückfällig. »Ich hab mir eingeredet, dass ich doch nur noch einmal die Drogen nehmen möchte.«

Lisa kam aus diesem Teufelskreis einfach nicht heraus. Bald war an einen geregelten Tagesablauf nicht mehr zu denken. Sie wollte kaum mehr aufstehen. Wenn sie es dennoch schaffte, war ihr erster Weg zur Spitze. »Danach musste ich gleich schauen, dass ich wieder an Stoff komme«, sagt sie und fügt sofort hinzu: »Ich habe deswegen aber nie eine Straftat begangen.«

Sie habe nämlich Glück gehabt, denn sie konnte sich von ihrem Freund immer wieder Geld borgen. Zunächst belog sie ihn deswegen aber, ließ sich verschiedene Geschichten einfallen, warum sie das Geld brauchte. Irgendwann beichtete sie ihrem Lebensgefährten aber ihre Drogenabhängigkeit. »Im ersten Moment war er geschockt«, sagt sie. »Aber er hat mich nicht verlassen, wir sind bis heute zusammen.« »Das war ganz wichtig für Lisa«, sagt Gabriele Winkler. »Ihr Partner war für sie der Anker in diesem Leben. Deshalb ist sie auch nie ganz in der Szene aufgegangen, sondern mit einem Fuß im normalen Leben geblieben.«

Sie hatte alle sozialen Kontakte verloren

Doch die Zeiten für das Paar waren alles andere als leicht. Während ihr Freund fest im Leben stand, drehte sich bei Lisa alles nur noch um eines, »den nächsten Schuss zu besorgen«. Sie habe alle sozialen Kontakte in dieser Zeit verloren, habe natürlich auch ständig Stress mit ihrem Partner gehabt. »Dieser dauernde Druck war nicht angenehm«, sagt sie.

Vor einigen Jahren kam sie dann zur Traunsteiner Fachambulanz für Suchtkranke. Lisa fand dort Halt und fasste langsam Vertrauen. »Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein gelassen wird.« Schließlich gebe es draußen Vorurteile genug. Sie probierte schließlich wieder eine Behandlung, fing eine Substitutionstherapie an. Dabei werden den Drogenabhängigen legale Medikamente von einem Arzt verordnet. Das Ziel besteht darin, dass die Drogenabhängigen nach einiger Zeit mit einem zusätzlichen Entzug in einer Klinik clean sind. Lisa brauchte den Termin in der Klinik gar nicht mehr, sie schaffte es auch so – mit eisernem Willen.

Seit über einem Jahr ist sie nun clean. Kontakt zu ihren Eltern hat sie kaum mehr. »Ab und an telefoniere ich noch mit meiner Mutter«, erzählt Lisa, in deren Familie auch noch der Cousin drogenabhängig ist. »Er hat durch seinen Freundeskreis zum Kiffen angefangen.« Bis heute sei er da nicht mehr rausgekommen, ergänzt sie. Für Lisa ist das unerträglich. »Aber ich habe es geschafft, mich abzugrenzen.« Sie hofft, dass ihr Cousin auch irgendwann den Absprung schafft. So wie sie.

Lisa hat es dank der Substitution geschafft. Doch gerade dieses Angebot macht Gabriele Winkler nun auch große Sorgen. Denn in Traunstein gibt es mittlerweile keinen Arzt mehr, der eine solche Therapie anbietet. »Viele Leute müssen aber täglich zur Verteilung«, sagt Winkler, die im vergangenen Jahr mit ihren Kollegen 150 Substituierte betreut hat. »Das erschwert das Leben der Leute enorm«, fügt sie hinzu. »Sie sollen durch die Substitution ja zurück in ein geregeltes Leben finden.« Die Situation in Traunstein sei momentan nicht gerade prickelnd. Dennoch könne sie auch die Ärzte verstehen: »Diese Aufgabe ist eine Herausforderung«, weiß sie. Schließlich muss die Versorgung etwa auch über das Wochenende gesichert sein. »Das ist nicht immer einfach.«

»Es gibt ein Leben ohne Drogen«

Lisa möchte nun bald wieder arbeiten. »40 Stunden werde ich wohl nicht schaffen«, sagt sie, »aber alles andere packe ich.« Allerdings, fügt Gabriele Winkler hinzu, sei es nicht leicht, eine Arbeit für ehemalige Drogenabhängige zu finden. »Die Perspektive ist sehr schwierig«, sagt sie. Dennoch sind beide optimistisch, dass Lisa auch diese Hürde meistern wird. »Denn jetzt lebe ich wieder«, freut sich Lisa. »Das andere war für mich eine Riesenlast.« Sie hofft, dass auch andere Drogenabhängige den Absprung schaffen. Irgendwann, bevor es zu spät ist. »Auf jeden Fall soll keiner aufgeben«, sagt sie. »Es gibt ein Leben ohne Drogen.«

Die Traunsteiner Fachambulanz für Suchtkranke ist unter der Telefonnummer 0861/ 988 77 41 erreichbar. SB