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Landwirtschaft blickt sorgenvoll gen Himmel

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Von einem Sommer auf der Alm, wie er dieser Kuh in Berchtesgaden bevorsteht, oder auch nur auf der Weide im Tal können die meisten heimischen Milchkühe derzeit nur träumen.

Noch wirken alle relativ entspannt, die Vertreter von Landwirtschaftsamt, Bauernverband, Rinderzuchtverband, Maschinenring und der Kreisfachberater für Gartenbau am Landratsamt. Wetterlagen wie derzeit hat es in unseren Breitengraden ihnen zufolge immer schon mal gegeben. Aber wenn Regen und Kälte noch lange vorherrschen, wird es für die Landwirtschaft und die Gartler langsam doch eng. Auch darin sind sich alle einig.


Wetter ist oft mal vorübergehend ungünstig

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»Das ist oft so, dass das Wetter vorübergehend mal ungünstig ist«, sagt dazu etwa Alfons Leitenbacher, Chef des Traunsteiner Land- und Forstwirtschaftsamtes. »Das ist nicht allzu problematisch, wenn's dann wieder besser wird. Ungünstig ist halt, dass mit der dauerhaften Nässe Pilzerkrankungen auf dem Vormarsch sind, vor allem dem Getreide macht das zu schaffen.«

Etwas mehr als die Hälfte der Fläche im Landkreis Traunstein ist Grünland (35 000 Hektar), die restlichen 29 000 Hektar sind Ackerland, darunter 10 000 Hektar Getreide und 12 500 Hektar Mais. Der Rest sind Anbauflächen für Raps, Öl- und Hülsenfrüchte sowie sonstiges Feldfutter wie Kleegras. Im Nachbarlandkreis Berchtesgadener Land spielt der Ackerbau so gut wie keine Rolle: 3800 Hektar Ackerfläche stehen dort 15 000 Hektar Grünland gegenüber, erklärt Leitenbacher.

Älteres Gras hat weniger Nährwert

Das Gras sei halt jetzt schon älter und habe weniger Nährwert. »Vor allem ist das Befahren der Wiesen kaum möglich. Damit müssten die Bauern jetzt noch ein, zwei Tage warten. Aber derweil regnet's wieder.« Die meisten hätten bereits den ersten Schnitt hinter sich, »aber wer jetzt noch silieren muss, für den wird's schwierig.« An Heu ist da wohl gar nicht zu denken. »Wenn alle Stricke reißen, müssen sie halt eingrasen wie früher.« Das werde heute generell seltener gemacht, weil die Verluste zu hoch seien.

Auch würden kaum noch Kühe ausgetrieben, weil kaum noch ein Landwirt genug Flächen am Hof habe. Außerdem fürchteten die Landwirte Trittschäden an den Wiesen. Nur einzelne probierten das Konzept der Kurzrasenweide aus, bei dem man das Vieh bereits ab März auf die noch kurzen Wiesen austreibt. »Das hat den Vorteil, dass die Tiere immer frisches, proteinreiches Futter haben und durch den Beweidungsdruck Unkraut, wie der Sauerampfer kaum noch aufkommt«, erklärt Leitenbacher. Denn so lange der Ampfer jung ist, fressen ihn die Kühe, später nicht mehr. »Mir gefällt das gut, aber man ist's halt gewohnt, dass man die Viecher erst raus tut, wenn schon viel frisches Gras steht.«

»Das Wetter ist schon ein Problem«, sagt der Pflanzenschutzexperte im Amt, Andreas Liebl. Denn Wiesen und Felder seien im Moment nicht zu befahren, nicht zum Abmähen und nicht, um den Pflanzenschutz auszubringen, etwa beim Mais. Dazu komme die Wachstumsdepression: »Der Mais mag's ja eher warm.« Beim Mais sei der Pilz nicht so das Problem, eher beim Getreide. Das werde eher im nördlichen Landkreis Traunstein angebaut, im südlichen Landkreis gebe es fast nur Grünland. »Insgesamt ist die Vegetation schon ein bisserl zurück. Das ist nicht schlimm, wenn's jetzt endlich schön wird. Aber wenn's so weiter geht, kriegen wir Probleme.«

Schon bedenklich, wenn sich's nicht bald ändert

»Es regnet eindeutig zu viel«, sagt auch Hans-Hermann Weinen vom Bayerischen Bauernverband in Traunstein. Die Vegetation sei etwa vier Wochen hinter der Zeit. Nach seinem Urlaub sei er noch nicht so viel unterwegs gewesen, aber was er bisher in Feld und Flur gesehen habe, seien vereinzelte Sturmschäden und Schäden durch den schweren Regen im Getreidebereich. Der erste Schnitt dürfte schon weitgehend durch sein, aber der zweite Schnitt lasse auf sich warten. »Bisher sind's nur einzelne Schäden, aber das ist schon bedenklich, wenn sich's nicht bald ändert.«

Den Tieren selbst macht der viele Regen und die Kälte weniger aus als die Hitze, sagt Konrad Rosner vom Rinderzuchtverband Traunstein. »Wenn ich sehr viel Regen habe, können sie halt nicht raus, weil sie alles kaputt machen.« Allerdings gehe die Weidehaltung generell eher zurück, viele Betriebe hätten heute Laufställe mit Futterautomaten zur kontinuierlichen Nährstoffversorgung, während draußen das Futter oft überständig und wenig nährstoffreich sei. Weidehaltung sei eher in der Jungviehaufzucht beliebt. Aber allzu außergewöhnlich sei die derzeitige Wetterlage nicht: »Mit so was ham wir hier schon immer leben müssen.«

Das Wetter spürt auch der Maschinenring Traunstein, vor allem bei den Abrechnungen, die nicht wie üblich gleichmäßig eintrudeln, sondern erst nur spärlich, und dann alle auf einmal, wenn dann endlich mal die Sonne scheint. Besonders an diesen Tagen verzeichne der Maschinenring enorme Nachfrage nach Arbeitskräften und Maschinen, »weil dann natürlich alle an einem Tag möglichst alles schaffen wollen«, so Wolfgang Perl. »Die Pflanzen wachsen durch das schlechte Wetter recht langsam, das verschiebt sich dann alles nach hinten.« Dabei sei es gar nicht so sehr der viele Regen, eher die Kälte bereite Probleme. »Wenn's noch 14 Tage so bleibt, wie es der Wetterbericht vorhersagt, dann könnte es sein, dass ein Schnitt ganz ausfällt.« Das sei vor allem deshalb schwierig, weil eigentlich jetzt im Mai und Juni die Hauptvegetationszeit sei. Dann werde es heißer und ab August sei das Wachstum schon deutlich verlangsamt.

Hochzeitszug im Neuschnee gab's auch schon im Juni 1962

»Dass wir noch keinen Frost hatten, ist an und für sich eher ein gutes Zeichen«, sagt der Kreisfachberater für Gartenbau am Landratsamt Traunstein, Georg Unterhauser. Für die Jahreszeit sei es halt zu kalt, das sei schlecht für die Obstbäume und Tomaten, Gurken oder Paprika. »Die stocken jetzt im Wachstum.« Trotzdem solle man sie jetzt nach draußen setzen, rät er, notfalls müsse man sie halt ein bisserl abdecken. Die Nässe bereite den Gartlern eher Sorgen, weil sie Pilzerkrankungen wie etwa die Schrotschusskrankheit bei den Kirschen begünstige. Aber generell sei die derzeitige Wetterlage überhaupt nichts außergewöhnliches: »Meine Eltern haben im Juni 1962 in Eggstätt geheiratet, und der Hochzeitszug führte durch zehn Zentimeter Neuschnee.« coho

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