weather-image
26°

Kritische Fragen im Schneizlreuth-Prozess

4.0
4.0
Bildtext einblenden
Der Angeklagte (Mitte), ein 47-jähriger Geschäftsführer einer Eventagentur, mit seinen Verteidigern Frank Starke (links) und Harald Baumgärtl. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Deutliche Kritik erntete das Landratsamt Berchtesgadener Land gestern im Prozess der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein gegen den 47-jährigen Geschäftsführer einer Eventagentur mit Sitz in Schneizlreuth wegen sechsfacher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in 20 Fällen. Die Menschen waren Opfer der Brandkatastrophe am 23. Mai 2015 im denkmalgeschützten »Pfarrbauernhof« geworden. Und: Die Gemeinde Schneizlreuth wusste von den Übernachtungen im Dachgeschoß. »Das hat sich aus meiner Sicht schon ergeben«, betonte Vorsitzender Richter Erich Fuchs gestern zu Beginn des zweiten Verhandlungstags.


Das Feuer war kurz vor drei Uhr nachts im ersten Stock in einem Wäscheschrank ausgebrochen und hatte die einzige Treppe ins Dachgeschoß zerstört. Den 26 Übernachtungsgästen im Matratzenlager war dadurch der Fluchtweg versperrt. Alle waren Mitarbeiter der Firma Lindner aus Arnstorf (Kreis Rottal-Inn). Der Angeklagte hätte laut Vorwurf von Staatsanwältin Monika Veiglhuber im Dachgeschoß niemanden nächtigen lassen dürfen – aus Brandschutzgründen, aber auch wegen der fehlenden Baugenehmigung. Dass er nie einen ordnungsgemäßen Bauantrag für die Nutzung als Beherbergungsbetrieb eingereicht hatte, das hatte der Angeklagte am ersten Prozesstag zugegeben und tief bereut.

Anzeige

Architekt wusste nichts von den Übernachtungen

Mit der Planung zum Umbau als Outdoor-Betrieb hatten der Hauseigner, ein 78-jähriger Diplomingenieur, und der Angeklagte in den 1990er Jahren einen Architekten beauftragt. Das Wohnhaus wurde lediglich saniert, die anschließende Tenne großzügig überplant, wie der 69-Jährige informierte. Die Nutzung habe sich nach und nach entwickelt. Von geplanten Übernachtungen im Dachgeschoß, von einem Bettenlager habe er nichts gewusst, beteuerte der Architekt.

Sichtlich auf Skepsis bei Gericht wie bei den zahlreichen Zuhörern stieß er mit den Worten: »Viele junge Leute waren im Haus. Ich denke, von der Gemeinde wusste niemand, wo die übernachtet haben.« Einer Antwort auf die Frage eines Opferanwalts, woher er dies wisse, wich der Zeuge aus.

Kritische Worte musste ein 44-jähriger Verwaltungswirt, beim Landratsamt zuständig für Schneizlreuth, gestern einstecken. Er hatte 2008 nach einer Baukontrolle, bei der das Bettenlager aufgefallen war, einen Bauantrag vom Angeklagten eingefordert und sich danach mit einem Brief des 47-Jährigen zufriedengegeben, im Dachgeschoß übernachte niemand mehr. Beisitzender Richter Dr. Johannes Kammergruber hakte nach: »Warum ist das Bauverfahren eingeschlafen? Warum das Ordnungswidrigkeitsverfahren?«

Akte blieb im Landratsamt liegen

Das wisse er nicht, entgegnete der 44-Jährige und verwies auf seinen Nachfolger. Dass er selbst ebenfalls drei Jahre nichts unternommen hatte, konnte der 44-Jährige nicht begründen. Dazu die Staatsanwältin: »Man kann doch eine Akte nicht einfach in die Ecke legen und dort liegen lassen.«

An anderer Stelle übte die Anklägerin Kritik: »Ist es im Landratsamt generell so, dass man nichts mehr unternimmt, wenn ein Bürger etwas schreibt? Man muss doch alle Bürger gleich behandeln und kann ein Verfahren nicht einfach ruhen lassen.«

Harald Baumgärtl aus Rosenheim, zusammen mit Frank Starke aus Bad Reichenhall Verteidiger des 47-Jährigen, stieß ins gleiche Horn: »Wenn ein Bürger, der mit einem Ordnungswidrigkeitsverfahren belastet ist, etwas schreibt, wird das nicht überprüft? Welche Verpflichtung hat die Gemeinde?« Der 44-Jährige blieb die Antwort weitgehend schuldig. Die Gemeinde müsse eine Feuerbeschau durchführen, »sonst nichts«. Ein früherer Mitarbeiter des Landratsamts, zuständig für eine 2010 vom Angeklagten beantragte Gaststättenkonzession, hatte überhaupt keine Kenntnis von Übernachtungen.

Die Ex-Frau des 47-Jährigen berief sich gestern auf ihr Schweigerecht. Seine 30-jährige Verlobte erläuterte dem Gericht im Zeugenstand zum Beispiel, wo der Wäscheschrank stand, in dem gemäß Brandgutachten das verheerende Feuer ausgebrochen war. In dem Kasten seien Bettwäsche und Decken verwahrt worden. Die Mitarbeiter hätten damit die Betten bestückt. Ob sich auch Gäste daraus bedient hätten, könne sie nicht sagen.

Brandschutz »war kein Thema«

Über Brandschutz habe sie sich »nie Gedanken gemacht«: »Das war kein Thema. Wir hatten ja überall Rauchmelder und Feuerlöscher.« Die 30-Jährige verwies auch auf das strikte Rauchverbot. Nirgends im Haus, nur draußen habe geraucht werden dürfen. Das bestätigte ein 40-jähriger Outdoor-Trainer. Kursteilnehmer seien eigens auf das Verbot aufmerksam gemacht worden. Anweisungen für Mitarbeiter im Brandfall habe es nicht gegeben, erinnerte sich der Zeuge.

Der Koch des Betriebs und ein Sohn des Angeklagten hatten in jener Nacht – verbotenerweise – auf einem Balkon eine Shisha-Pfeife geraucht. Der Angestellte unterstrich gestern, er habe die Kohle ganz sicher entsorgt. Gestern kamen auch die ersten Mitarbeiter der Firma Lindner zu Wort (ein ausführlicher Bericht folgt). Die Hauptverhandlung wird am 19., 22. und 26. Januar sowie am 2. und 5. Februar, jeweils um 9 Uhr, fortgeführt.

Wie der Hauseigner vor Gericht erklärte, wird er den »Pfarrbauernhof«, der sich seit 1991 in seinem Besitz befindet, wieder aufbauen lassen; der Bauantrag ist bereits eingereicht. Dem 78-Jährigen liegt auch die Zusage vor, dass die Versicherung die Kosten zu 100 Prozent übernehmen wird. Das historische Anwesen ist durch die Brandkatastrophe am 23. Mai 2015 massiv beschädigt worden. kd