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Kreislaufkollaps im Zeugenstand

»Entschuldigung, mir wird schlecht.« Mit diesen Worten brach gestern im Traunsteiner Landgerichtsprozess gegen einen 36-jährigen Polizeibeamten wegen sexuellen Missbrauchs einer Kollegin die Mutter der Nebenklägerin zusammen. Zuvor hatte sie ihre Tochter als voll glaubwürdig beschrieben. Die 36-Jährige hatte in dem Verfahren von Sexübergriffen in ihrer Kindheit durch Familienmitglieder berichtet.


Die Mutter betonte, ihre Tochter sei »keine Geschichtenerzählerin, keine Lügnerin«. Einen sexuellen Missbrauch der Tochter durch ihren alkoholsüchtigen Ex-Mann habe sie »geahnt und befürchtet, aber verdrängt«. Die 56-jährige Mutter schilderte Gewalt durch den Ex, auch gegen die Kinder: »Er war immer betrunken. Wenn er weg war auf Entzug – das war unsere schönste Zeit.« Wegen der alkoholbedingten, hohen Schulden ihres Mannes hatte die Frau zwei Arbeitsstellen. »Meine Tochter hat immer geweint. Sie sagte, Mama, bitte geh nicht. Ich will nicht allein bleiben.« Im Nachhinein mache sie sich »die extremsten Vorwürfe« – so die Mutter.

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In dem Prozess steht Aussage gegen Aussage. Der vom Dienst suspendierte 36-jährige Polizist aus dem Berchtesgadener Land hatte von einvernehmlichem Sex in den frühen Morgenstunden im Juli 2011 im Schlafzimmer der Frau gesprochen. Sie sei wach und einverstanden gewesen. Die bis dato krankgeschriebene Nebenklägerin hatte den Kollegen angezeigt, sie im Tiefschlaf überrascht und missbraucht zu haben. Ein Gutachten gelangte zu dem Ergebnis, die Angaben der 36-Jährigen seien glaubwürdig.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte die 36-Jährige unter anderem über schlimme Erlebnisse in ihrer Kindheit informiert. Mit ihren gestrigen Aussagen vor der Zweiten Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs bestätigten drei Familienmitglieder – die Mutter, ein Bruder und ein Onkel – sämtliche Angaben der mutmaßlichen Geschädigten hierzu. Und damit widerlegten sie den bislang alles zurückweisenden Angeklagten und dessen Traunsteiner Verteidiger, Dr. Andreas Kastenbauer. Der Verteidiger hatte die Familie als Zeugen vorladen lassen, um zu beweisen, dass die 36-jährige Polizeibeamtin zu ihrer Vergangenheit »gelogen« habe.

»Seit einem Jahr lacht sie nicht mehr«

Die Mutter berichtete unter anderem, dass das Verhalten der Tochter trotz der Übergriffe des leiblichen Vaters nie auffällig gewesen sei, Erziehungsprobleme habe es nie gegeben. Die 36-Jährige habe bis zum Beginn ihrer Polizeiausbildung Mitte der 1990er Jahre zu Hause gewohnt. Erst vor einem Jahr – also nach dem angeklagten sexuellen Missbrauch der durch Alkohol, Übermüdung und Medikamente widerstandsunfähigen Frau nach einem Fest mit viel Alkohol im Kollegenkreis – habe sich die 36-Jährige verändert.

Die Mutter wörtlich: »Seit einem Jahr lacht sie nicht mehr. Sie verkriecht sich.« Als der Vorsitzende Richter wissen wollte, ob auch sie selbst Opfer sexueller Gewalt durch ihren Ex-Mann geworden sei, kippte die Zeugin um. Die Nebenklagevertreterin, Manuela Denneborg aus Rosenheim, leistete mit anderen Erste Hilfe. Landgerichtsarzt Fredi Watzlawik wurde geholt. Erst nach einer längeren Pause konnte die Vernehmung der 56-Jährigen beendet werden.

Zwischendurch hörte die Kammer den Bruder und den Onkel der Nebenklägerin an. Mit selten zu findender, mutiger Offenheit standen beide Männer in nicht öffentlicher Sitzung zu sexuellen Handlungen damals an der kleinen Schwester beziehungsweise Nichte. Der Onkel betonte: »Ich habe gehofft, sie erinnert sich nicht.« Von den sexuellen Übergriffen durch den Vater an der Nebenklägerin hatten beide Zeugen nach ihren Worten nichts mitbekommen. Die Mutter hatte die Verhältnisse so beschrieben: »Innerhalb der Familie ist alles totgeschwiegen worden.«

Zusätzlich den leiblichen Vater als Zeugen vor Gericht erscheinen zu lassen – darauf verzichtete der Verteidiger gestern. Dr. Kastenbauer zog seinen eigenen Antrag zurück. Auch die Ankläger, Staatsanwältin Monika Veiglhuber und Oberstaatsanwalt Karl Schneider, brauchten den Zeugen nicht. Ob der Vater dennoch vernommen werden soll, verkündet das Gericht bei dem Fortsetzungstermin am kommenden Dienstag um 9 Uhr.

Gestern hatte das Gericht eingangs dem Angeklagten zum zweiten Mal eine Brücke in Richtung eines eventuellen Geständnisses gebaut: »Kann es nicht vielleicht sein, dass es doch anders war?« Der Polizist beteuerte wie schon oft: »Ich hab nichts getan.« Ob am nächsten Dienstag bereits die Plädoyers folgen, ist noch offen. Der Verteidiger kündigte an, weitere Beweisanträge vorzulegen. Das Gericht hat als weiteren möglichen Verhandlungstermin Dienstag, 18. September, 9 Uhr, benannt. kd