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Krankenschwester im Amazonasgebiet

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Von 1968 bis 1973 war Gretl Gineiger im brasilianischen Amazonas-Gebiet als Krankenschwester und Entwicklungshelferin tätig (Bild links) – fünf Jahre, die sie für ihr restliches Leben geprägt haben. Diese Erinnerungen hat die engagierte Kommunalpolitikerin in einem Büchlein für ihre Kinder und Enkelkinder zusammengefasst.

Traunreut – Gretl Gineiger hat als junge Frau Erfahrungen gemacht, wie sie nur ganz wenige machen. Und die haben sie für ihr ganzes weiteres Leben geprägt:


Die Steinerin war fünf Jahre lang als Entwicklungshelferin im brasilianischen Amazonas-Gebiet tätig. Um ihre Erlebnisse von damals für die Kinder und Enkel festzuhalten, schrieb die sozial und politisch engagierte 73-Jährige ihre Geschichte in einem kleinen Büchlein zusammen.

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»Das Leben ist wie ein großes Abenteuer, spannend und wunderbar. Es lohnt auf alle Fälle, sich drauf einzulassen«, ist auf dem Cover des Buches zu lesen. Und Gretl Gineiger hat sich darauf eingelassen. »Ich war damals, als ich nach Brasilien ging, ein harmloses, junges Mädchen, ein bissel naiv. Aber ich hatte auch viel Vertrauen und war mir sicher, dass das klappt«, erzählt sie rückblickend. Schon immer habe sie einen starken Willen gehabt und auch durchgezogen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.

Geboren 1943 auf einem Bauernhof im Sudetenland

1943 wurde Gretl Petter als siebtes Kind auf einem kleinen Bauernhof in Blumenau im Sudetenland geboren, 1945 wurde die Familie vertrieben und landete in Langenpreising in Oberbayern, wo das Mädchen auf einem Einödhof aufwuchs. Nach der Volksschule und einem Jahr Haushaltungsschule verließ sie als 14-Jährige das Dorf und ging nach München, wo sie in der Haas-Klinik Arbeit fand. 1961, mit knapp 18 Jahren, kam sie nach Waldkirch im Breisgau, um eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Als einige Jahre später Freundinnen von ihr als Entwicklungshelfer ins Ausland gingen, war ihre spontane Reaktion: »Das mach' ich auch.« Nach einem Seminar für angehende Entwicklungshelfer in Sozialarbeit und einem Portugiesisch-Sprachkurs flog die damals 24-Jährige also 1968 mit ihrer Freundin Ursula nach Rio de Janeiro, von dort ging es weiter nach Belém und Juruti, ihrem Arbeitsplatz für die nächsten drei Jahre.

»Unser Gebiet umfasste etwa die Größe von Oberbayern und hatte 30 000 Einwohner.« Bis zum nächsten Arzt waren es rund sechs Stunden mit dem Schiff, das nächste Krankenhaus mit Röntgenmöglichkeit lag zwölf Schiffsstunden entfernt. Gleich nach der Ankunft in Juruti wartete eine große Herausforderung auf die junge Krankenschwester: Zusammen mit einer Kollegin nahm sie einem 50-jährigen Brasilianer ein Bein ab. Die Amputation musste rasch stattfinden, um das Leben des Mannes zu retten.

»Arbeitsintensive Jahre« in Brasilien

»Die Jahre in Brasilien waren sehr arbeitsintensiv. Jeden Vormittag hatten wir Sprechstunde, am Nachmittag machten wir Hausbesuche. Nachts wurden wir oft gerufen, zu Geburten oder wenn es Streitereien gab. Manchmal ging es da sehr hitzig zu, auch mit Messereinsatz«, erinnert sich Gretl Gineiger. Geburtshilfe, Knochenbrüche einrichten und gipsen, Wunden nähen und vieles mehr gehörte zu ihren Aufgaben. »Die Leute hatten sehr großes Vertrauen in uns, obwohl sie wussten, dass wir nur Krankenschwestern sind, sie hatten ja sonst keine Hilfe.«

Ein wichtiges Anliegen von Gretl Gineiger war die Hilfe zur Selbsthilfe: Sie gab zusammen mit ihrer Kollegin Krankenpflegekurse, bildete Hebammen aus, zeigte einheimischen Frauen, wie sie Zähne ziehen können, nachdem sie es selber von einem brasilianischen Zahnarzt gelernt hatte. Auch soziale Projekte gehörten zu ihrem Hilfsangebot. Während ihre Kollegin eine Mädchengruppe gründete, rief sie einen Mütterclub ins Leben, in dem sich die Frauen regelmäßig trafen und zum Beispiel eine Nähgruppe gründeten; es gab Gartenbauprojekte, Wasserleitungen wurden verlegt, Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung betrieben. Auch für die Gruppe »Hausbau« hatten sich viele Teilnehmerinnen gemeldet. Gretl Gineiger erinnert sich: »Die Hausbau-Abteilung hat mich am meisten begeistert und ich war jeden Samstag tatkräftig dabei.«

Nach ihren drei Jahren in Juruti beschloss sie, zu verlängern und war von 1971 bis 1973 in Terra Santa als Krankenschwester und Entwicklungshelferin tätig. Die Gesundheitsvorsorge für die Missionshelfer in Brasilien war damals allerdings alles andere als optimal, viele erkrankten im Laufe ihres Aufenthalts an Malaria, die im Amazonasgebiet sehr verbreitet war.

Diagnose: »Deine Leber ist kaputt«

Im Oktober 1972 begann Gretl sich zunehmend schlechter zu fühlen, war immer müde und als sie im Mai 1973 einen Schwerverletzten nach Belèm begleitete, suchte sie selbst einen Arzt auf. Seine Diagnose war niederschmetternd: »Dona Margarete, deine Leber ist kaputt, warum weiß ich nicht.« Ihr Chef meinte darauf: »Du fliegst sofort nach Hause.« Es sollte dann aber noch zwei Wochen dauern, bis sie einen Flug nach Deutschland bekam. In der Heimat stellte sich heraus, dass sie Hepatitis hatte.

Nach fünf Jahren im brasilianischen Amazonasgebiet fiel es der jungen Frau schwer, sich wieder in der Heimat einzufinden. Sie war das einfache Leben gewohnt und vom Überfluss in Deutschland zunächst völlig erschlagen. Auch stellte sie fest, dass die Menschen im Land nur wenig über die damalige »Dritte Welt« wussten. Zusammen mit ihrem Mann Franz, den sie in Brasilien kennengelernt hat, fand sie sich mit der Zeit zu Hause wieder ein. Das Paar bekam vier Kinder und hat heute fünf Enkelkinder.

Im Rückblick stellt Gretl Gineiger fest: »Für mich als Krankenschwester war es eine große Herausforderung und auch die arbeitsintensivste Zeit meines Lebens. Trotzdem bin ich froh und dankbar, dass ich diese Zeit in Brasilien verbringen durfte. Ich hatte aber nie den Gedanken, in diesem Land bleiben zu wollen.« mix

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