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»Kostet mehr Energie, als er bringt«

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Marquartstein – Nach ausführlicher Diskussion lehnte der Marquartsteiner Gemeinderat den Beitritt zum Naturpark Chiemsee-Chiemgauer Alpen mit 12:4 Stimmen ab.


Einleitend erklärte Bürgermeister Andreas Scheck, wie es zur Idee des bisher einzigen Naturparks in Oberbayern gekommen war. Auf dem Landkreise übergreifenden Gebiet von insgesamt 32 Gemeinden sei die Erklärung zum Naturpark ein wertvolles Prädikat für die Region zum Ausbau naturverträglicher Erholung und eines nachhaltigen Tourismus'. Touristen könnten an die Natur herangeführt werden. Das Prädikat Naturpark sei sehr bekannt, da es schon 104 Naturparks in Deutschland gebe. Der Naturpark sei jedoch kein Nationalpark und kein Naturschutzgebiet mit den entsprechenden, rechtlichen Auflagen, betonte Scheck. Er sei vielmehr ein Verein ohne übergeordnete Behörde. Jede Kommune könne frei entscheiden, wie sie sich in das Projekt einbringe. Außerdem könne ein Naturpark Fördermöglichkeiten für Projekte zur nachhaltigen, zukunftsfähigen Regionalentwicklung nutzen.

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Zu den Kosten informierte der Bürgermeister, dass vorerst ein jährliches Budget von 30 000 Euro pro Jahr für den Naturpark mit einem Geschäftsführer als Teilzeitkraft geplant sei. Auf Marquartstein kämen jährlich 760 Euro zu. Zum Vergleich nannte er die Jahresbeiträge der Gemeinde zum Ökomodell Achental von rund 900 Euro, für das Leaderprogramm 3000 Euro, für die Allianz der Alpen 158 Euro oder für den Landschaftspflegeverband 800 Euro.

Alle Landwirte dagegen

Scheck berichtete auch von einem Treffen mit den Marquartsteiner Landwirten zum Naturpark, bei dem die Unter-schiede gegenüber »Schutzgebieten« klar herausgestellt worden seien. Dennoch sprachen sich alle Landwirte, auch die, die vom Tourismus leben, hinterher dagegen aus. Sie befürchten jetzt noch nicht absehbare Einschränkungen für die regionale, bäuerliche Landwirtschaft. »Uns ist eine sichere Zukunft für unsere landwirtschaftlichen, über Generationen bewirtschafteten, Betriebe wichtig. Zusätzliche Auflagen und Verordnungen, die durch dieses Projekt entstehen könnten, gefährden unserer Meinung nach die Handlungsfähigkeit der Betriebe und erfüllen uns mit berechtigter Sorge«, heißt es in einem Brief an alle Gemeinderäte, unterzeichnet von Bauernobmann Hubert Hell.

Der Bürgermeister sagte, er nehme diese Befürchtungen sehr ernst, halte sie aber für unbegründet. Jede Gemeinde könne jederzeit aus dem Trägerverein Naturpark austreten. Grassau habe zum Beispiel beschlossen, wieder auszutreten, falls negative Folgen für die Landwirtschaft eintreten sollten.

In der Diskussion sagte zweite Bürgermeisterin Claudia Kraus, dass die Idee Naturpark zwar ganz gut klinge, aber dass die meisten Ziele mit dem Ökomodell Achental identisch seien. Für besonders wichtig hielt sie es, dass »alle in einem Boot sitzen«, also auch die Landwirte. Sie seien vorab nicht genügend einbezogen worden. Daher sei der Beitritt der Gemeinde nicht entscheidungsreif. Auch Anke Entfellner-Häusler sah »keine wirklich neuen Aspekte« bei den Zielen des Naturparks, ebenso wie Michael Elgass, der darauf hinwies, dass die Gemeinde auch an die Tourismusverbände zahle. Roland Polleichtner meinte, besser als der Naturpark sei es erstmal, aus den beiden Tourismusverbänden »einen richtigen« zu machen. Mehrere Gemeinderäte hatten Bedenken, dass mit dem Naturpark wieder ein Verwaltungsapparat mit Geschäftsführer und Büro aufgebaut werde, »der mehr Energie kostet als er bringt«, wie Peter Lloyd sagte. Thomas Halder meinte, dass hier »losgelöst von den Bürgern der Gemeinde« etwas installiert werde, aber »unten kommt nichts an«. Alles seien »hehre Ziele«, aber er könne die Befürchtungen der Bauern verstehen. Auch Franz Aigner hielt es für entscheidend, dass 70 Prozent der Flächen Marquartsteiner Bauern gehören und sie gegen den Beitritt sind. »Wir müssen die Marquartsteiner Bürger vertreten«, so Aigner.

Für den Beitritt zum Naturpark sprach sich außer dem Bürgermeister unter anderem Toni Entfellner aus, der es lohnend und positiv fand, wenn sich eine neue Gruppe mit Energie und Schwung »mit unserer Identität auseinandersetzt«. Auch Hubert Götschl hielt den Naturpark für eine Chance, die das Interesse vieler Leute im Bereich des Tourismus wecken könne. gi