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Kerzenlicht erhellt die Gotteshäuser

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Einen Wachsstock wie diesen verwendeten die Andachtsbesucher bei den Engelämtern zum Gebet – und zum Händewärmen in der kalten, unbeheizten Kirche.
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Der Advent spielt sich für immer mehr Menschen zwischen Back-Marathon und Einkaufs-Wahnsinn ab. Dabei ist jetzt die »stade« Zeit, in der wir uns auf das Fest der Geburt Jesu vorbereiten sollen. Früher haben allerlei Bräuche die Menschen auf den Heiligen Abend hingeführt. Einige davon sind noch lebendig, andere fast vergessen. Brauchtumskenner Siegi Götze aus Marquartstein erinnert in der Adventsserie des Traunsteiner Tagblatts an die vielfältigen Weihnachtsbräuche und ihre Ursprünge. Heute: Engelämter.


Zu einer liturgischen Sonderform im Kirchenjahr gehören die sogenannten Engelämter, auch Rorateämter genannt. In aller Herrgottsfrühe, um 6 oder 7 Uhr, wurden sie während der Adventszeit gelesen, und zumindest jedes Bauernanwesen legte Wert darauf, vom Pfarrer eines dieser Engelämter zelebriert zu bekommen. Das gehörte einfach dazu, zur Adventszeit.

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Meistens war es noch stockfinster, wenn die Kirchgänger dem heimischen Gotteshaus zuströmten, das zu allem Überfluss meist auch noch eine Kälte verströmte, die einen nicht nur innerlich schaudern ließ. Einzige Wärmequelle waren da die auf der Kirchenbank entzündeten Wachsstöcke, an denen man wenigstens die klammen Finger soweit von der Starre des Kirchenwegs befreien konnte, dass man imstande war, im Gebetbuch die erforderlichen Seiten aufzuschlagen.

Im Mittelpunkt dieser Hochämter, nicht selten auch mit zwei oder gar drei Zelebranten und Konzelebranten am Altar (volkstümlich »Dreimanndlamt«), stand dann das Evangelium von der Verkündigung des Engels an die Jungfrau Maria. Daher der Name Engelamt. Wer dazu Rorateamt sagte, meinte dem Sinn nach das Gleiche, er hatte nur den Text von »Tauet, Himmel, den Gerechten« im Blick, denn nichts anderes bedeutet ja »Rorate coeli desuper«.

Wenn sich heutzutage – zwar nicht mehr in aller Frühe, sondern meist in den Abendstunden – bei einem Rorateamt drei oder vier kräftige Männerstimmen mit dem Lied »Rorate! Ach tauet, ihr Himmel, herab, ach regnet, ihr Wolken, die göttliche Gab« vom Chor herunter vernehmen lassen, mit der Zither begleitet, dann ist so etwas wie Ergriffenheit spürbar, ganz gleich ob man nun ständiger Kirchgänger ist oder nicht. Das Lied »Tauet, Himmel, den Gerechten« ist übrigens auch bei uns im Chiemgau entstanden.

Die Anfänge liegen im späten 15. Jahrhundert

Sie waren schon fast vergessen, diese Engelämter, erleben aber gerade in jüngster Zeit wieder so etwas wie eine Renaissance. In Bayern kannte man diese spezielle Liturgieform so ab dem Ende des 15. Jahrhunderts. Meist ging sie auf eine Stiftung zurück. Da wurde dann genau festgelegt, was der Zelebrant, der Organist, der Schulmeister, der Chor und die Ministranten zu bekommen hatten.

Die Stimmung in so einem Engelamt hat Max Peinkofer einmal sehr treffend zusammengefasst, in dem er schreibt: »Das junge Mannsvolk drängt sich nach allgemeinem Brauch in das Dunkel der Empore und auf die Treppen, die zur Orgel führen. Bald leuchtet ein Wachsstock nach dem anderen auf, bis schließlich viele Hunderte von milden, weißen Flammen das Gotteshaus in eine Lichterfülle tauchen, in einen weihevollen Schimmer, wie er durch noch so große und helle elektrische Lampen nie erreicht werden wird.«

Wie wahr, wird jeder sagen, der die Engelämter noch aus der Zeit kennt, in der sie bei noch stockfinsterer Nacht stattgefunden haben.

Übrigens: Früher nahmen die Andachtsbesucher einen verzierten Wachsstock zu den Engelämtern mit – zum Gebet, aber auch zum Wärmen der Hände in der kalten Kirche. fb