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»Kein Luxus, sondern eine Pflichtaufgabe«

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Musik verbindet – nicht nur beim Euregio-Musikschulfest im Kloster Seeon im vergangenen Jahr. Um die Finanzierung der Musikschulen im Euregio-Raum ging es bei der 40. Sitzung des Euregio-Rats in Altenmarkt. (Foto: Seifert)

Altenmarkt – Im Mittelpunkt der 40. Sitzung des Euregio-Rats Traunstein-Berchtesgadener Land-Salzburg stand die Frage, ob die musikalische Erziehung von Kindern und Jugendlichen Luxus oder Pflichtaufgabe der Politik sei. Als Referenten waren Hans Bruckner, Leiter der Musikschule Trostberg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Musikschulleiter im Landkreis Traunstein, und Magister Michael Seywald, pädagogisch-künstlerischer Landesdirektor am Musikum Salzburg, gekommen.


2323 Veranstaltungen mit 187 230 Besuchern

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Bruckner stellte die Musikschulen im Euregio-Raum vor: Sechs Musikschulen gibt es im Landkreis Traunstein – in Emertsham (als Verein) und unter kommunaler Organisation in Grassau, Inzell, Traunwalchen, Traunstein und Trostberg. Dort lernten 5196 Schüler im Jahr 2015 ein Instrument, singen oder tanzen, das sind umgerechnet 30 pro 1000 Einwohner. Das Berchtesgadener Land hat vier Musikschulen in Bad Reichenhall (kommunal) sowie – jeweils als Verein – in Freilassing, Teisendorf und Berchtesgaden mit zusammen 1660 Schülern, also 16 pro 1000 Einwohner. Im Land Salzburg gibt es die Landesmusikschule – das Musikum – sowie unter dem Dach der Landesdirektion 16 Musikschuldirektionen und eine Zweigstelle. Sie betreuten 2015 rund 9900 Schüler, das sind 18 pro 1000 Einwohner.

In Traunstein gab es 547 Veranstaltungen mit 9304 Mitwirkenden und 44 534 Besuchern (256 pro 1000 Einwohner). Im Berchtesgadener Land gab es 176 Veranstaltungen mit 2991 Mitwirkenden und 12 696 Besuchern (122 pro 1000 Einwohner). Die Salzburger Schulen boten 1600 Veranstaltungen mit 130 000 Besuchern (238 pro 1000 Einwohner).

Bruckner erinnerte ans Euregio-Musikschulfest im Kloster Seeon im Juni 2015 und die Jugendmusikwoche Salzburg, jeweils mit Mitwirkenden aus dem gesamten Euregio-Gebiet. Das seien nur zwei Beispiele für die Tatsache, dass Musik die Menschen verbindet. Bruckner stellte die Ausbildungsstufen auf beiden Seiten der Salzach dar. Enorm sei der Wirkungskreis der Musikschulen vom Kindergarten- bis zum Seniorenalter, von der Kirchen- bis zur Blasmusik und ebenso groß die Bedeutung für Jugendkultur, Erwachsenenbildung, aber auch für Gesundheit, Wirtschaft und Tourismus.

Im Landesentwicklungsprogramm sei eindeutig geregelt, dass Sing- und Musikschulen »in allen Teilräumen flächendeckend, bedarfsgerecht und in zumutbarer Erreichbarkeit vorzuhalten« sind, weil sie in besonderer Weise zur Chancengerechtigkeit für die Menschen beitragen, zitierte Bruckner. Bei Bedarf sollen dazu interkommunale Kooperationen gebildet und bei den Unterrichtskosten soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

Keine Förderung vom Landkreis BGL

Essenziell für die Musikschulen ist die Finanzierung der Ausgaben, die zu über 90 Prozent fürs Personal anfallen.

In Traunstein steuert der Freistaat Bayern nur zehn und im Berchtesgadener Land gar nur neun Prozent bei. In Salzburg trägt das Land 45 Prozent der Kosten. Im Landkreis Traunstein liegt der Anteil der Städte und Gemeinden bei 34 Prozent, im Berchtesgadener Land bei 35 Prozent. Die Stadt Salzburg und die Umlandgemeinden tragen 32 Prozent der Kosten.

Durch Gebühren und sonstige Einnahmen muss der Landkreis Traunstein 48 Prozent decken, im Berchtesgadener Land sind es 57 Prozent, in Salzburg nur 23 Prozent der Kosten. Im Landkreis Berchtesgadener Land gewährt der Landkreis überhaupt keine Förderung, in Traunstein steuert der Landkreis immerhin acht Prozent bei. Die Förderung der einzelnen Gemeinden ist höchst unterschiedlich – »von 70 Prozent bis zu ganz wenig«, so Bruckner.

Michael Seywald beleuchtete, was Musik für das Leben junger Menschen bewirkt. Die Hirnforschung habe bewiesen, dass man Menschen nicht in musikalisch oder unmusikalisch einteilen könne. Musisches und sprachliches Zentrum im Gehirn seien identisch. »Wir könnten also eine Sprache gar nicht erlernen, wenn wir nicht musikalisch wären, keine Grundmusikalität in uns hätten.« Das Gehirn sei wie ein Muskel: Wenn es nicht gefordert wird, sterben die Verbindungen, die musikalisches Tun ermöglichen: »Wenn es nicht früh gefördert wird, verlieren wir diese Möglichkeiten. Auf der anderen Seite gilt: Wenn wird es fördern, kann sich Großartiges entwickeln.«

»Musik braucht keinen Dolmetscher«

Musik habe gerade in der gegenwärtigen Zeit der Computerspiele größte Bedeutung. Die Wirtschaft fordere immer wieder gut ausgebildete Lehrlinge, gerade in den Schlüsselqualifikationen. »Das Musizieren steigert nachweislich Konzentrationsfähigkeit, räumliches Denken, Sozialverhalten und Durchhaltevermögen, ist also eine ideale Berufsvorbereitung«, so Seywald.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Musik sei unbestritten: So habe die Musikbranche in Österreich mehr als 42 000 Beschäftigte. Musik als »Kitt der Gesellschaft« brauche keinen Dolmetscher, leitete Seywald zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit über: »Der Kulturraum ist immer grenzenlos gewesen. Wir verstehen einander, wie sich bei den großen Festen immer wieder zeigt.«

Der Traunsteiner Landrat und Euregio-Vizepräsident Siegfried Walch bekräftigte im Schlusswort die Bedeutung der musikalischen Bildung gerade in der heutigen Zeit, in der oft die Frage auftauche, ob man die eigene Identität durch die steigende Migration verliere. »Wir brauchen uns darüber nicht zu sorgen, wenn wir die eigenen kulturellen Wurzeln stark und selbstbewusst pflegen, und da gehört Musik und vor allem die Volksmusik als Seele unserer Region einfach dazu.« Die öffentliche Hand nehme dafür zu Recht eine Stange Geld in die Hand. Dass der Landkreis Traunstein im Februar 2017 erstmals Austragungsort für den »Jugend musiziert«-Regionalwettbewerb ist, sei dabei ein weiterer Meilenstein. rse