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»Kein Fall von Gehörschaden oder Genickstarre bekannt«

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Tradition, sinnvolles Hilfsmittel oder Tierquälerei? »Ich glaube, dass die Glocken keine Beeinträchtigung sind für die Kühe«, sagt dazu Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU), hier auf der Wackersberger Alm im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen während der Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern.

Traunstein – »Das müssen S' eher einen Veterinär fragen, ob auch eine Kuh einen Tinnitus kriegen kann«, sagt Alfons Osenstätter von der Beratungsabteilung des Traunsteiner Landwirtschaftsamts zu der aktuellen Forderung des Deutschen Tierschutzbunds in Bayern, Kuhglocken zu verbieten. So sagte die Präsidentin des Deutschen Tierschutzbunds in Bayern, Nicole Brühl, am Montag: »Rein aus Tradition einem Tier so etwas zuzumuten, ist völlig abzulehnen.« Die meisten Weideflächen seien ja eingezäunt. Anstelle einer schweren und lauten Glocke könne man ein GPS-Band zur satellitengestützten Ortung umhängen.


»Die Kuhglocken gibt's ja nicht wegen der Gaudi«

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Dazu sagt Alfons Osenstätter vom Landwirtschaftsamt Traunstein: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Tierquälerei ist.« Die Kuhglocke gehöre zum Almbetrieb einfach dazu. »Die Kuhglocken gibt's ja nicht wegen der Gaudi. Die sind dazu da, dass man die Tiere wieder findet.« Ihm sei aber bisher kein Fall bekannt, bei dem eine Kuh ernsthafte Gesundheitsprobleme wegen der Glocke erlitten habe.

Auch der Leiter des Traunsteiner Veterinäramts, Jürgen Schmid, erinnert an den Sinn der Kuhglocken: »Das dient ja auch den Tieren zum Schutz, wenn man sie wiederfindet, falls sie sich verlaufen oder verletzen.« Natürlich gelte es, den Mittelweg zu finden – »die Glocke muss hörbar sein, aber sollte für die Kuh nicht zu laut sein«. Ihm sei aber auch keine Untersuchung bekannt, die wissenschaftlich belastbare Ergebnisse erbracht hätte.

Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich hatte ergeben, dass Kühe unter den Glocken leiden: An sechs Messtagen bewegten dabei 19 Kühe mit 5,5 Kilogramm schweren Glocken ihre Köpfe seltener als glockenlose Artgenossinnen. Zudem fraßen und ruhten sie weniger. Die Wiederkäu-Dauer war um 2,5 Stunden reduziert.

Doch so schwer (und so laut) sind ja die wenigsten Glocken, die hierzulande verwendet werden: »Die meisten Glocken wiegen zwischen 800 Gramm und zwei Kilogramm«, sagt dazu der Ruhpoldinger Bezirksalmbauer Ludwig Böddecker. Die großen Glocken hänge man den Tieren ja nur einmal im Jahr um zum Almabtrieb. »Für jeden Tag sind auch die gestickten Halsriemen viel zu teuer und zu wertvoll.« Das Argument der Tierschützer, die Kuhglocken dienten rein der Tradition stimme ja gar nicht. »Die sind dazu da, dass wir die Tiere wiederfinden.«

Wie wichtig die Glocken sein können, das habe er selbst schon erlebt: Der Viehwagen kam so kurzfristig, dass die Kühe noch keine Glocken umhatten. Ihnen die Glocken dann oben auf der Hemmersuppenalm umzuhängen, dazu kam er nicht mehr – ein Wanderer hatte einen Zaun aufgelassen, die Tiere waren weg. »Eine Woche lang haben wir sie gesucht, bis der Revierförster uns sagen konnte, wo sie sich rumtreiben.« Natürlich seien viele Weideflächen eingezäunt, »aber die sind im Durchschnitt 80 bis 100 Hektar groß und da sind auch Waldstücke dazwischen. Oder es ist neblig, die Tiere brechen aus, Zäune können beschädigt sein. Da findest die ohne Glocken nicht mehr.«

Zum Vorschlag, GPS zu nutzen, sagt Böddecker: »Da braucht's ja auch was zum Auslesen. Das haben wir auf der Alm gar nicht.« Außerdem funktionierten die Sender seines Wissens nach noch nicht zuverlässig. Abgesehen davon müsse man pro Sender mit 300 bis 400 Euro rechnen. »Und auf der Haaralm bist dann im österreichischen Netz. Den Mehraufwand zahlt uns der Verbraucher nicht.« Ein Versuch auf der Haaralm habe zudem ergeben, dass sich die Gewichtszunahme der Leittiere mit Glocken über den Almsommer nicht von der der anderen Tiere ohne Glocken unterschied. Ganz abgesehen davon habe er eine ganz andere Beobachtung gemacht als die Tierschützer: »Wenn wir den Tieren im Stall die Glocken umhängen, wern s' ganz gangig, weil s' wissen, juhui, jetzt geht's auf d' Alm.«

Auch der Grassauer Bezirksalmbauer Georg Hacher sagt: »Die Kuhglocken dienen ja dem Wohl der Tiere und werden dem Alter und der Größe angepasst.« Die Almen seien zum Teil sehr groß, »da muss der Senner dem Vieh schon mal zwei, drei Stunden nachlaufen.« Denn er müsse jeden Tag kontrollieren, ob alle Tiere vollzählig sind, ob eines verletzt oder von der Herde versprengt sei, sich verlaufen habe oder einen kleinen Felsvorsprung hinabgestürzt sei. »Wir müssen die Klauen kontrollieren und schauen, ob vielleicht eins was Falsches gefressen hat«, so Hacher.

Eine gewöhnliche Glocke koste im Schnitt zwischen 50 und 100 Euro, eine handgegossene Schmuckglocke mit federkielbesticktem Rahmen mindestens 500 Euro – »nach oben hin gibt's keine Grenze«, sagt Hacher. »Wir selbst machen ja keine Studien, wir messen keine Fress- und Ruhezeiten. Aber wenn's eine Beeinträchtigung gäbe, würden die Tiere ja abnehmen und im Herbst schlechter ausschauen als im Frühjahr. Dann würde kein Bauer mehr seine Viecher auftreiben«, ist Hacher überzeugt.

GPS als Ergänzung geeignet, aber nicht als Ersatz

Einer, der das GPS-System im Rahmen eines Projekts testet, ist Max Haßlberger aus Ruhpolding. Sein Fazit: »Als Ergänzung ist das in Ordnung, ein Ersatz für die Kuhglocken ist es nicht.« Auch in 50 Jahren werde ein GPS-Sender mal ausfallen, keine Funkverbindung oder einen leeren Akku haben. Zu den Kosten sagt er: »Man arbeitet drauf hin, dass ein Gerät nur noch zwischen 150 und 200 Euro kosten wird.« Er selbst nutzt das System aber auch nur auf der Heimweide: »Unsere Alm hat fünf Hektar, da brauch ich's nicht. Die Heimweide hat mehrere hundert, nicht eingezäunte, Hektar, da ist das was anderes.«

Und während der Bayerische Tierschutzbund ein zweites Gutachten fordert, sagt Helga Steiner, Zweite Vorsitzende des Traunsteiner Tierschutzvereins: »Ich will jetzt nicht sagen, dass das ein Schmarrn ist, aber was nutzt einem Tier, das sich versteigt, ein GPS, das keinen Empfang hat?« Im Gegensatz zur Schweiz hätten die Kühe im Chiemgau eh nur kleine Glocken dran. »Die großen Glocken tragen sie ja eh nur zum Almabtrieb. Und mir ist kein Fall bekannt von einem Gehörschaden oder einer Genickstarre.« coho