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Kaufkraftverlust befürchtet

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Grassau – Die Befürchtung einiger Gewerbetreibender in Grassau, der geplante Baumarkt könnte Kaufkraft aus dem Ortszentrum ziehen, war Hauptthema beim Diskussionsabend des Vereins »Aktives Grassau« im Mietenkamer Dorfsaal. In einer sehr disziplinierten Diskussion mit Marktgemeinderäten und Bürgermeister wurden die Nachteile, aber auch Vorteile des geplanten neuen Gewerbegebiets dargelegt.


Zunächst erklärte Thomas Ager, 2. Vorsitzender des Vereins, dass in Grassau leerstehende Ladenflächen schwer zu besetzen seien und der Druck durch den Internethandel schwer laste. Durch den geplanten Baumarkt würden relativ viele Geschäfte in Grassau und Rottau belastet, darunter Eisenwaren- und Haushaltswarenhandel, BayWa, Farbenhandel und Holzhandlungen, Baustoffhandlung, aber auch Gärtnereien und Blumenläden. Die Dichte an Baumärkten sei groß. Wie sehe der Ortskern in zehn bis 15 Jahren aus, wenn sich die Geschäfte an den Ortsrand verlagern, fragte Ager und meinte, dass es vielleicht sinnvoll wäre, einen Experten für die Ortsentwicklung einzubinden.

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Die Ansiedlung eines Baumarkts stärke Grassau als Einkaufszentrum des Achentals, meinte Bürgermeister Rudi Jantke. In den 90er Jahren lehnte Grassau den Bau eines AldiMarkts ab. Dieser wurde in Bernau realisiert und stark von Bürgern aus dem Achental frequentiert. Dem zwei Jahre später gestellten Antrag von Lidl wurde zugestimmt, um die Kaufkraft im Ort zu halten. Als im Jahr 2000 dann erneut Aldi nachfragte, wurde auch dem zugestimmt. Die Märkte, so Jantke, ziehen Kaufkraft nach Grassau. Er erinnerte an die Ansiedlung des dm-Markts, der auf eine »unglaubliche« Zustimmung stieß. Er sei mit seiner Meinung nicht allein, zumal der Baumarkt im Marktgemeinderat mit 14 zu fünf Stimmen, befürwortet wurde. Als erster Schritt werde von den Investoren nun ein Antrag auf Änderung des Bebauungsplans gestellt. Zur geplanten Tankstelle meinte Jantke, dass es nicht Aufgabe der Gemeinde sei, Konkurrenz zu verhindern.

Von Unterschriftensammlung nicht beeindruckt

Zur weiteren Planung erklärte Jantke, dass in den neuen Häusern entlang der Bahnhofstraße Ladenflächen und Büros geplant seien, wobei kernortrelevantes Sortiment nicht angeboten werden dürfe. Die Unterschriftensammlung wie auch die Internetabstimmung beeindrucke ihn nicht. Sollte es zu einem Bürgerentscheid kommen, müsse man sich der Mehrheit beugen. Jetzt jedoch habe man die große Chance, ein Areal von 60 000 Quadratmetern neu zu überplanen. Man hatte bereits Bedenken, dass der Gewerbepark zur Industriebrache verkomme.

Ager verwies auf den Landesentwicklungsplan, nach welchem ein Baumarkt der angestrebten Größe von 1300 Quadratmetern nicht gebaut werden dürfe. Laut Jantke wurden die Planer darauf hingewiesen. Zur Unterschriftenliste bekannte sich Alex Welte, wobei allein 600 der mittlerweile 1000 Unterschriften gegen den Baumarkt in seinem Geschäft gesammelt wurden. Steffen Vieweg meinte, der Baumarkt betreffe viele kleine Unternehmer, und fragte nach der Gewerbesteuereinnahme. Laut Jantke zahlen auch die Märkte anteilig Gewerbesteuer. In Grassau gebe es 754 Gewerbetreibende, davon zahlen nur 140 Gewerbesteuer. Bernd Steffl verwies auf die positive Entwicklung des Ortszentrums. Es mache wieder Spaß, in Grassau spazieren zu gehen. Mittelfristig wäre ein Baumarkt nicht optimal für die Entwicklung. Dem schloss sich auch Josef Schranzhofer an. Jantke meinte, dass die Gefahr für den Ortskern auch an den Mieten und vor allem im Internethandel liege. Weder Aldi, Lidl noch dm würden Grassau ausbluten lassen.

Befürworter sehen keine Gefahr für die Geschäfte

Als Befürworter des Baumarkts meldete sich Klaus Kroiß zu Wort. Er sehe keinen Nachteil, zumal die Kunden sowohl den Baumarkt wie auch die Geschäfte in Grassau aufsuchen, da unterschiedliche Qualität angeboten werde. Karl Kamml schlug vor, einen Experten zu beauftragen. Damit würde man in erster Linie Planer »füttern«, sagte Jantke. »Das ist verschwendetes Steuergeld.« Anja Hegenauer glaubt, dass der Baumarkt zur Regionssicherung gebaut werde. Andreas Pfautsch sah in der Baumarktansiedelung nicht die Gefahr, dass Kaufkraft dem Ortskern entzogen werde. Vielmehr werden den Baumärkten in weiterer Entfernung Kunden genommen.

Diskutiert wurde zudem über die geplante Tankstelle. Laut Ager werden bei einer Tankstelle nur mehr 15 Prozent des Umsatzes aus dem Spritverkauf generiert. Die Gefahr sei realistisch, dass in absehbarer Zeit die bestehende Tankstelle brachliege. Dies bestätigte der Tankstellenbetreiber Stefan Steffl. Allein die neue Überseer Tankstelle habe ihm 20 Prozent Verlust gebracht. Er befürchtet, dass seine Tankstelle mit weiterer Konkurrenz nicht mehr rentabel betrieben werden kann. Eine Tankstelle zu bauen, sei nicht zukunftsorientiert, so Dr. Winfried Drost. Verbrennungsmotoren sollen nach dem Pariser Klimaschutzabkommen massiv reduziert werden. Dürfe man dem glauben, werde eine Tankstelle nicht mehr die Bedeutung haben.

Hans Genghammer riet zu einem Gremium, ähnlich dem Mietenkamer Ortsentwicklungsbeirat. Man sollte sich mehr Zeit zum Planen nehmen, zumal die Planung bahnbrechende Auswirkungen für die nächsten Jahre hat.

Ager betonte, dass auf die Belange des Gewerbes im Ort Rücksicht genommen werden sollte. tb