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Kalkquellmoor in der Gemeinde Surberg effektiv schützen

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Eine der im Hangquellmoor bei Diesenbach vorkommenden sieben Orchideenarten ist die seltene Sommerdrehwurz.
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Projektbetreuer Markus Höper, Naturschutzfachkraft Gertrud Vogel vom Landratsamt und Sachgebietsleiter Manfred Mertl vor dem Hangquellmoor bei Diesenbach.

Surberg. Wer auf der Bundesstraße 304 zwischen Traunstein und Teisendorf fährt, dem fallen vielleicht im Frühjahr die blühenden Kirschbäume an den Hängen und im Frühsommer die Irisblüte auf den Wiesen links und rechts der Straße auf. Ab und zu sieht man Graureiher in der Sur. Das Flüsschen hat sich aber vielerorts schon so stark eingetieft, dass einem auch die Reiher bei der Jagd nach Fischen und Fröschen verborgen bleiben. Und wer schaut bei Tempo Hundert schon in die Landschaft?!


Kalkquellmoor beherbergen seltene Tiere und Pflanzen

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Dass viele Wiesen links und rechts der Straße »nass« sind, erkennt man vor allem am Schilfbewuchs. Dass diese feuchten Wiesen aber Standorte für viele sehr selten gewordene Tier- und Pflanzenarten sind, erfährt man erst, wenn einem Fachleute die besondere Konstellation dieser Landschafts- und Bodenformation erklären.

Es handelt sich um sogenannte Kalkquellmoore, die sehr selten und von landesweiter Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz sind. Deshalb wurde das Surtal mit seinen Quellmooren in das Biodiversitätsprojekt der Regierung von Oberbayern aufgenommen.

Alfred Ringler, ein profunder Kenner der Moore Bayerns, beurteilte in früheren Jahren das Hangquellmoor bei Diesenbach als »eines der wertvollsten und eigenartigsten Kalkflachmoore des gesamten Alpenvorlandes mit seltenem Pflanzenbestand.« Die Besonderheit besteht unter anderem darin, dass die Fläche mit Quellrinnen, Kalkschlenken und Wasserkissen durchzogen ist. Der hier vorhandene Schwingdeckenrasen ist in Flachmooren sehr selten.

Hier überleben nur ausgewiesene Spezialisten

Über die Zeit hat sich hier ein Lebensraum entwickelt, den Spezialisten unter den Pflanzen und Tieren bevölkern, welche in diesem sehr nassen Bereich leben und die zu besonders seltenen Arten gehören. Darunter sind drei Gattungen von fleischfressenden Pflanzen: der Rund- und Langblättrige sowie der Mittlere Sonnentau, das Gemeine Fettkraut und der Kleine Wasserschlauch.

Sieben Orchideenarten sind hier zuhause

Außerdem gibt es im Kalkquellmoor bei Diesenbach mehrere äußerst schutzwürdige Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen. Darunter sind allein sieben Orchideenarten. Für die Erhaltung der Orchideenart Torfglanzkraut, so betont Markus Höper, hat Bayern international eine besondere Verantwortung.

Projektbetreuer Höper vom Landschaftspflegeverband Traunstein erläuterte an diesem Wochenende bei einem Ortstermin mit dem Traunsteiner Tagblatt Maßnahmen, die dem Schutz dieser einzigartigen Flächen dienen. Mit von der Partie waren der Sachgebietsleiter Naturschutz im Landratsamt, Manfred Mertl, und Naturschutzfachkraft Gertrud Vogel.

Sie berichtete, dass das Diesenbacher Hangquellmoor bereits im Jahr 1980 als Naturdenkmal ausgewiesen wurde. Es ist eingebettet in das FFH-Gebiet Oberes Surtal und Urstromtal Höglwörth. Nur einen Steinwurf von der Moorfläche entfernt Richtung Osten verläuft die Landkreisgrenze zum Berchtesgadener Land.

Seltene Libellen und 43 Arten Schmetterlinge

Das Surtal, so Frau Vogel, war in früheren Jahrtausenden eine Abflussrinne für das Schmelzwasser des Chiemseegletschers. Im Laufe der Zeit haben sich hier Bereiche gebildet, die botanische und faunistische Kostbarkeiten beherbergen; darunter sind zwei besonders stark gefährdete Orchideenarten: das Torfglanzkraut und die Sommerdrehwurz.

Zu den hier lebenden Tieren gehörten unter anderem die Sumpfschrecke und mehrere gefährdete Libellenarten. Nachgewiesen wurden außerdem nicht weniger als 43 Schmetterlingsarten.

Der Bereich ist allerdings stark gefährdet. Der Wasserhaushalt, so informierte Markus Höper, sei durch das Ziehen tiefer Entwässerungsgräben massiv gestört. Die intensive Bewirtschaftung der Hangflächen oberhalb des Moores brachte einen erhöhten Nährstoffeintrag mit sich, der das Gleichgewicht des Moores stark beeinträchtigt.

Schilf und Binsen gefährden das Moor

Im letzten Gutachten, das im Jahr 2010 angefertigt worden ist, heißt es, dass sich der Zustand des Diesenbacher Hangquellmoores verschlechtert, dass sich Schilf und Binsen immer weiter ins Moor vorschieben. Da ist es ein großer Glücksfall, dass die Stadt Traunstein die oberhalb gelegene Hangwiese als Ausgleichsfläche erwerben konnte. Nun wird diese Wiese nicht mehr gedüngt, wodurch der Nährstoffeintrag ins Moor erheblich reduziert wird.

Als weitere Schutzmaßnahme, wurde im Frühjahr der Entwässerungsgraben an der Ostseite des Moores aufgefüllt und Solschwellen wurden eingebaut. Gleiches soll mit dem Bächlein nordwestlich der Fläche geschehen. Dafür ist jedoch das Wasserwirtschaftsamt zuständig. Mit dieser Maßnahme soll die Entwässerung des Moores vermindert und eine angrenzende Wiese vernässt werden.

Finanziert werden die Maßnahmen unter anderem mit Zuschüssen der Regierung von Oberbayern als Oberer Naturschutzbehörde. Markus Höper ist Projektbetreuer für Maßnahmen an den Hangquellmooren zwischen Ruhpolding und Teisendorf. In Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt entwickelt er Strategien, die dem Schutz der wertvollen Flächen dienen.

Das Hangquellmoor bei Diesenbach bezeichnen er und Sachgebietsleiter Manfred Mertl als ein Vorzeigeprojekt mit Modellcharakter für ganz Bayern.

Mit dem Verfüllen von Gräben und dem Verhindern von übermäßigem Nährstoffeintrag ist es allerdings längst nicht getan: Die Flächen müssen auch gepflegt werden. Über die Jahrhunderte hinweg haben die Bauern in der Umgebung hier jeden Herbst per Hand gemäht und das Mähgut im Winter als Einstreu genutzt. Wäre das nicht geschehen, wären die Flächen längst verbuscht und die wertvolle Vegetation wäre verschwunden. Nun beauftragen die Behörden darauf spezialisierte Landwirte, die betreffenden Bereiche im Herbst zu mähen.

Der Aufwand ist beträchtlich. Würde man ihn jedoch nicht betreiben, dann könnte es passieren, dass einige hier vorkommende seltene Tier- und Pflanzenarten für immer aus Bayern verschwinden. -K.O.-

Blattl Sonntag Traunstein